Kurz gebloggt

Buba, EZB, Target2 – und warum der Shitstorm ausblieb

29. Oktober 2020

Von Christian Kirchner

Stellen Sie sich mal bitte für einen Moment vor, die EZB wäre, sagen wir, die DKB und die „Kunden“ der EZB (sprich: die Geschäftsbanken) wären ganz normale Retailkunden der DKB – was dann wohl losgewesen wäre am vergangenen Wochenende? Jede Wette: Dann wäre bei Twitter und in den Verbraucherforen der ganz große Shitstorm ausgebrochen (so wie zu Jahresbeginn aus Anlass des schweren IT-Versagens bei der DKB); und bei „allestoerungen.de“ wären die Fehlermeldungen durch die Decke gegangen …

Und hier nun, was wir Ihnen mit dieser kleinen Analogie sagen wollen:

Dass der elfstündige Totalausfall des Target2-Systems (also der Lebensader des europäischen Zahlungsverkehrs) am letzten Wochenende zwar medial hier und da aufgegriffen wurde, aber nicht die ganz großen Schlagzeilen ausgelöst hat – dafür mag es  Gründe geben:

  1. Das Thema ist komplex
  2. Die Endkunden bekamen wenig bis gar nichts mit, weil die Banken das Wochenende für Aufräumarbeiten hatten
  3. Aus naheliegenden Gründen können frustrierte Banker nicht so gegen EZB/Buba moppern, wie frustrierte DKB-Kunden gegen die DKB moppern. Und
  4. EZB/Buba haben das Dingen kommunikativ „ganz gut“ eingefangen, indem sie einfach so gut wie nichts gesagt haben

Das alles bedeutet aber nicht, dass der „major incident“ (wie ihn die EZB höchstselbst in einer Mitteilung zurecht nannte) nicht weiterhin jede Menge Fragen aufwirft.

Denn, nur nochmal zur Erinnerung. Mal ganz abgesehen von der rekordverdächtigen Länge des IT-Ausfalls (nochmal: Es waren elf Stunden …), enthielt besagte EZB-Mitteilung ja auch das wenig beruhigende Detail, weder die Ausfallsicherung noch das Notfallmodul hätten funktioniert. Menschen, die (anders als wir hier) tief im Thema drin sind, sagen uns übereinstimmend: Wäre Vergleichbares bei einer Bank oder Sparkasse passiert – die Finanzaufsicht wäre in Mannschaftsstärke einmarschiert, weil ein eklatanter Verstoß gegen die Mindestanforderung an die Risikosysteme vorgelegen hätte.

Gestern nun versendete die EZB eine Pressemitteilung, was denn nun genau passiert sei am vergangenen Freitag/Samstag. Kurz darauf wurde ebendiese Depesche indes zurückgezogen (weshalb wir daraus auch nicht zitieren werden). Stattdessen kam bald darauf eine neue Mitteilung, in der von einem „Software-Defekt in einem Netzwerkgerät einer Drittpartei im internen Netz der Notenbanken“ die Rede war.

Nun sind wir hier von Finanz-Szene.de alles andere als Experten auf diesem Gebiet. Indes: Kann es sei, dass „Software-Defekt in einem Netzwerkgerät“ ein ganz klein so klingt wie das, was jeder von uns von seinem Internet-Router zu Hause kennt? Und so ein „Software-Defekt in einem Netzwerkgerät“ reicht also aus, das Zahlungsabwicklungs-System von mehr als 1.000 Banken und indirekt auch 340 Millionen Bürgern lahmzulegen. Interessant! Genau übrigens wie der Umstand, dass die Bundesbank, die zu diesem Thema eigentlich viel beizusteuern haben müsste, uns gegenüber seit Tagen jede Auskunft (ob im „On“ oder im „Off“) verweigert.

Wenn unsere Quellen keinen Quatsch erzählen, dann hat übrigens in der Nacht auf Samstag am Ende geholfen, was zu Hause auch immer hilft: Die Reset-Taste. Nur dass der Reset eben einen halben Tag gedauert hat.

Alles zum 11-stündigen (!) Ausfall des EU-Zahlungsverkehrs

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