Exklusiv-Interview

Dan McCrum: Der Mann, der Wirecard zu Fall brachte

1. Juli 2020

Von Christian Kirchner

Irgendwann im Jahr 2014 trifft Dan McCrum, ein englischer Journalist in Diensten der „Financial Times“, auf Wirecard – einen zwar auch damals schon milliardenschweren, öffentlich aber nahezu unbekannten deutschen Zahlungsdienstleister. Es ist der Beginn einer jahrelangen Obsession.

McCrums Artikel tragen anfangs Titel wie „Wirecard – a rolling processor gathers no loss“ oder „Wirecard – calculating the adjustments“. Der Inhalt? Für Menschen, die keinen Spaß an Bilanzen haben, kaum bis gar nicht zu verstehen. Was McCrum seinen Leser indes unter der Hand sagen will, das ist von Anfang an klar. Denn: Die Artikelserie trägt den Namen „House of Wirecard“. Ein nur notdürftig verklausulierter Hinweis, das unbekannte Milliarden-Unternehmen aus Deutschland werde eines Tages zusammenbrechen wie ein Kartenhaus.

Im Laufe der Jahre werden aus den Fragezeichen in McCrums Artikeln allmählich Ausrufezeichen. Ein Showdown beginnt, wie es ihn noch nie gegeben hat. Und irgendwann ist klar: Nur einer wird diese Sache unbeschadet überstehen. Die „Financial Times“. Oder Wirecard. Wie’s ausgegangen ist, wissen Sie. McCrum? Ist jetzt ein vielgefragter Mann. Weshalb wir uns ziemlich geehrt fühlen, dass er sein erstes Interview mit einem deutschsprachigen Medium ausgerechnet uns gegeben hat.

Sehen und hören Sie also hier: Wie Dan McCrum überhaupt auf Wirecard stieß. Unter welch irrsinnigem Druck er stand. Wie er ausspioniert wurde. Und wie er zeitweise eine regelrechte Paranoia entwickelte. (Für alle, die das rund 40-minütige Video-Interview nur auszugsweise ansehen möchten, haben wir weiter unten einige der interessantesten Passagen mit einer Zeitangabe versehen).

Vimeo

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Vimeo.
Mehr erfahren

Video laden

(Herzlichen Dank an unseren Dienstleister contend Digital Content Marketing GmbH für den technischen Support)

Minute 1:05: Wann Dan McCrum das erste Mal von Wirecard hörte – und wie er aufgrund eines merkwürdigen Unternehmens in Bahrain auf die Idee kam, bei dem Zahlungsdienstleister könnte irgendwas nicht stimmen: „Die Zahlen passten einfach nicht zueinander!“

Minute 3:40: Wie er eine bahnbrechende Artikelserie schrieb – aber jahrelang nichts passierte: „Wir haben einfach diese vielen kleinen Merkwürdigkeiten dokumentiert. Das brachte viel Aufmerksamkeit. In gewissem Sinne haben wir die Pferde auch an die Tränke geführt – aber wenn die Analysten, Fondsmanager, Regulierer nicht hätten trinken wollen  – ich bin nicht sicher, was ich dann gemacht hätte. Den echten Unterschied hat dann vor ungefähr zwei Jahren gemacht, dass uns Informanten zum Asien-Geschäft kontaktiert haben.“

Minute 5:50: Wie Wirecard auf kritische Fragen reagierte. „Es lief am Ende immer auf dasselbe hinaus: ‚Dieses Geschäft ist kompliziert, und Sie verstehen das einfach nicht‘ – das reichte ihnen, um viele Fragen abzumoderieren.“

Minute 6:22: Warum der anonyme Report von „Zatarra Research“ im Jahr 2016 die Debatte entscheidend verändert hat: „Der Bericht war in einem zu laxen Ton verfasst. Er warf mit dem Begriff ‚Betrug‘ um sich, wo er nicht angemessen war. Ab hier wurde es für das Unternehmen leichter, kritische Fragen abzuwehren. Und so konnte man das Ganze als ‚Leerverkäufer-Attacke‘ abtun, ohne die aufgeworfenen Fragen inhaltlich zu beantworten.“

Minute 11:17: Über seine ersten Gespräche mit Wirecard direkt und ein Interview mit CEO Markus Braun: „Sie wirkten zunächst interessiert. Aber als dann die Sprache auf die unerklärlichen 250 Mio. Euro kam, die wir in der Bilanz untersuchten, antworteten sie mit Briefen von aggressiven Londoner Anwaltskanzleien.“

Minute 14:33: Über den kometenhaften Aufstieg von Wirecard: „Ich glaube, dass viele Investoren kaum einen Sinn dafür hatten, was genau sie da gekauft haben. Wirecard war ein Technologieunternehmen, ein Payment-Konzern, und irgendwann auch ein Dax-Unternehmen. Das war eine gute Story und für viele Leute etwas, das man nicht genauer prüfen musste.“

Minute 16:01: Wie zwei seiner Artikel die Wirecard-Aktie 2019 von 170 Euro auf unter 100 Euro fallen ließen. „Es ging nicht nur um die Frage, wieso jemand, der im Verdacht steht, die Bilanzen zu frisieren, überhaupt noch im Unternehmen arbeitet. Sondern auch um Wirecards Reaktion: Statt zu recherchieren und den Manager zu feuern, wurde rundweg geleugnet, dass es ein Problem gibt – ja sogar, dass es eine Durchsuchung in Singapur gegeben hatte. Dabei hatten wir die Bestätigung dafür ‚on the record‘.“

Minuten 18:10: Über das Leerverkaufsverbot der Bafin und die Anzeige wegen Marktmanipulation: „Unsere Welt stand Kopf. Wir haben mit harten Belegen berichtet, und plötzlich sind meine Kollegin Palma in Singapur und ich Tatverdächtige und werden angezeigt. Wie sich später herausstellte, auf Basis simpler Behauptungen und natürlich aus dem Unternehmen selbst, das dann auch noch seine Version gleich an die Medien durchsteckte.“

Minute 21:18: Über die Überwachungsmaßnahmen: „Im Sommer 2019 war unübersehbar, dass ich und viele Kollegen überwacht wurden. Später kam heraus, dass ein ehemaliger libyscher Geheimdienstmitarbeiter aktiv war. Ja: es gab schlaflose Nächte. Aber wir wussten immer, dass wir hinter ‚etwas‘ her sind. Und jede Geschichte, die wir schrieben, hat unser Vertrauen darin gestärkt.“

Minute 26:33: Über den KPMG-Sonderprüfbericht im April 2020: „Ich hatte mit einem ‚Whitewashing‘ gerechnet. Oder wieder dem alten Erklärungsmuster, dass das alles kompliziert sei. Und dann kommt ein Bericht, in dem KPMG keine Nachweise für bestimmte Geschäfte findet und obendrein die Existenz von 1 Mrd. Euro letztlich mit einem Blatt Papier eines Treuhänders nachgewiesen werden sollte. Das hat alle meine Befürchtungen noch einmal drastisch übertroffen.“

Minute 30:39: Über die Fonds, die Wirecard gekauft haben: „Ich glaube, wenn ein Fondsmanager nach unseren Veröffentlichungen im Oktober 2019 noch Wirecard-Aktien gekauft hat, dann sollten seine Investoren ihm Fragen stellen. Zum Beispiel: Haben Sie in die zitierten Dokumente einmal reingeschaut?“

Minute 32:17: Zum Austausch mit deutschen Behörden: „Ich weiß, dass viele Whistleblower ihr Material den deutschen Behörden gegeben haben, bevor sie zu uns kamen. Sie müssen aber bedenken: Wir wurden dämonisiert als Marktmanipulierer. Ich nehme an, dass es das auch schwierig gemacht hätte, mit uns zu reden. Wir waren ja Verdächtige.“

Minute 33:50: Über Selbstzweifel: „Es gab laufend verdächtige Schnüffel-E-Mails, an mich wie an Kollegen. Und mit all den anderen Dingen, die so passiert sind, wird man irgendwann paranoid. Sie müssen sich ja auch vorstellen, dass Sie verrückt wirken, wenn Sie das jemandem erzählen: Dass da ein große, börsennotierte deutsche Firma hinter Ihnen her sei. Dann ahnen Sie vermutlich auch, welches Gewicht von mir abfiel, als endlich herauskam, was für ein Unternehmen Wirecard wirklich ist.“

Minute 36:37: Über die Attacken deutscher Privatanleger in den sozialen Medien. „Wenn Sie über ein sehr populäres Unternehmen mit einem Bilanzproblem schreiben, bekommen Sie es automatisch mit einem Nonsens zu tun von jenen Fans, die viel Geld verdient haben. Das verstehe ich auch. Stellen Sie sich mal vor, Sie hätten Wirecard bei 4 Euro gekauft und nun steht die Aktie bei 150 Euro. Dann glauben Sie natürlich dem Management, wenn es sagt: Der Typ da, der da schreibt, das ist ein Gauner. Mich hat das aber nie gestört. Es war unterhaltsam.“

Minute 38:10: Was Analysten, Fondsmanager und Medien aus dem Skandal lernen können: „Ein Unternehmen kann nie erheblich schneller wachsen und deutlich profitabler sein als andere im gleichen Geschäft. Wenn Sie darauf stoßen, sollten Sie sehr klare Informationen bekommen, warum das so ist.“

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing