Rezension

Das Buch zur Wirecard-Story: „Markus, lass es jetzt gut sein“

3. November 2020

Von Christian Kirchner

Wann ist Wirecard auf die schiefe Bahn geraten? Erst in den letzten Jahren, als die Wachstumsstory nur noch mithilfe von Scheinumsätzen aufrechtzuerhalten war? Oder schon viel früher?

Zwar gibt auch das heute erscheinende und sehr empfehlenswerte Buch „Die Wirecard Story – die Geschichte einer Milliardenlüge“ auf dieser alles entscheidende Frage keine endgültige Antwort. Allerdings tragen die Autoren Melanie Bergermann und Volker ter Haseborg etliche Indizien zusammen, die sich zu der These verdichten: Wirecard – das war schon in den Nullerjahren eine krumme Geschichte.

Als denkbares Ausgangsdatum nennen die beiden Autoren das Jahr 2006 und den damaligen „Unlawful Internet Gambling Enforcement Act“, ein US-Gesetz, das Online-Glücksspiele erheblich stärker reguliert als zuvor. Bergermann und ter Haseborg bringen dieses Ereignis in Zusammenhang mit dem Ergebniseinbruch ein Jahr später, als der Gewinn auf Holdingebene urplötzlich auf nur mehr 0,2 Mio. Euro zusammensackte. Begründung im damaligen Abschluss: „Durch den Marktdruck und durch die gesetzlichen Bestimmungen kam es in 2006 zu Änderungen in der Kundenstruktur.“ Auffällig indes: Bald darauf kehrte Wirecard durch eine Kette von Übernahme auf – so die Sicht von Bergermann und ter Haseborg – fast wundersame Weise zurück in die operative Erfolgsspur. War all das real? Oder begann der Betrug schon damals?

Interessanterweise wiederholt sich – so legen’s die beiden Autoren jedenfalls nahe – fast dasselbe Muster fünf Jahre später, also 2011. Damals führte der sogenannte „Black Friday“ zur zeitgleichen Schließung gleich mehrerer Glücksspielportale durch US-amerikanische Ermittler. Fast parallel zu diesem Ereignis beginnen die Bankverbindlichkeiten der bis 2010 quasi schuldenfreien Wirecard anzuschwillen. Zudem setzt damals das ominöse „Drittparteiengeschäft“ ein, das zur Folge hat, dass die angeblichen Gewinne plötzlich aus zuvor unbedeutenden Einheiten in Gibraltar, Dublin oder später Dubai kommen.

Bergermann und ter Haseborg, die dem Wirecard-Komplex als Redakteure der „Wirtschaftwoche“ jahrelang so nahekamen wie keine anderen deutschsprachigen Journalisten, zeichnen das Bild eines Konzern, der getrieben gewesen sei von seinem Vorstandschef Markus Braun. Dieser habe seinen seinen Mitarbeitern Ziele diktiert,“ die sie kaum einer erreichen konnten. Ein System geprägt vom einer strengen Hierarchie, von Korpsgeist und Treueschwüren gegenüber dem Vorstandsvorsitzenden.“

Eine wesentliche Leistung des Buchs liegt darin, dass es Zeiträume ausleuchtet, die bislang kaum Gegenstand der Berichterstattung waren – und gerade deshalb umso spannender sind. Zu Wort kommen dabei nicht anonyme Heckenschützen, sondern Co-Gründer, Aufsichtsräte, wichtige frühere Mitarbeiter, ehemalige Finanzchefs. Sie zeichnen die Gründungs- und Wachstumsphase nach und die Persönlichkeiten der prägenden Figuren – also vor allem Braun und sein Adlatus und späterer Mitvorstand Jan Marsalek. Über Braun behauptet ein Weggefährte beispielsweise, dieser sei ein derart harter Verhandler gewesen, dass man ihm (O-Ton) unentwegt „in die Fresse“ haben hauen können und er sei „trotzdem nicht umgefallen“.

Auch die entscheidenden Wochen im Frühjahr 2020 werden minutiös beschrieben. Die beiden Autoren entwerfen dabei das Bild eines Unternehmens, dessen Protagonisten bis zur buchstäblich letzten Sekunde auf irgendein Wunder warteten, das dann aber bekanntermaßen ausblieb. Als Wirecard am 18. Juni durch den Wirtschaftsprüfer Ernst & Young das Testat verweigert wurde, habe eine Mitarbeiterin vormittag um Viertel nach zehn zu Braun gesagt: „Wir müssen jetzt bekannt geben, dass wir kein Testat haben“. Und der Finanzvorstand Alexander von Knoop wird ein Satz zugeschrieben, der haften bleibt nach der Lektüre: „Markus, lass es jetzt gut sein“.

Um 10:43 Uhr erschien die Ad-hoc, die das Ende Wirecards besiegelte. Ein Tag später, so jedenfalls steht’s im Buch, sei Dienst-Maybach von Markus Braun noch einmal aus der Tiefgarage gerollt. Der Compliance-Chef habe noch gewartet, bis der Wagen herausgefahren sei – um danach Brauns Zugangsdaten zu sperren.


Melanie Bergermann von Volker ter Haseborg: Die Wirecard-Story: Die Geschichte einer Milliarden-LügeFinanzbuchverlag, 272 Seiten

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