Themen-Fokus Interchange

Das Jammern der Händler über Karten-Gebühren ist deplatziert

2. März 2020

Von Marcus W. Mosen*

Ob Interchange oder Scheme-Fee – wenn es dem Handel mit seinen Lobbyisten, einigen Journalisten oder manchem Politikern nach ginge, müssten diese Gebühren abgeschafft bzw. auf ein nicht mehr wahrnehmbares Minimum reduziert werden. Warum? Was ist so schlimm an diesen Gebühren?

Mit der Payment Services Directive 1 (PSD 1) wurde im Juli 2013 die Interchange Fee auf kartenbasierte Zahlungstransaktionen reguliert, und seit Juni 2015 beträgt diese für Debitkarten 0,2 % und für Kreditkarten 0,3 %. Insbesondere im bargeldverliebten deutschen Einzelhandel hat dies die Bereitschaft gefördert, den Kunden nun auch Kreditkartenzahlung anzubieten. Nachdem an vielen Points of Sale (POS) lange Jahre nur die Girocard oder das elektronische Lastschriftverfahren akzeptiert wurden, waren plötzlich selbst hartgesottene Gegner der Kreditkartenakzeptanz bereit, auch Mastercard und Visa anzubieten.

Ich erinnere mich noch gut an 2015, als ich in meiner damaligen Funktion als Concardis-Chef in Mühlheim an der Ruhr mit zwei großen Discountern zu tun hatte (Sie werden ahnen, welche): Die Gespräche waren hart, aber fair. Sie zeigten deutlich, dass die vormalige Interchange in Höhe von ca. 1,5 % ein Hemmschuh für die Verbreitung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs in Deutschland war. Im Spätsommer 2015 boten alle großen Discounter am POS neben der Girocard nun aber plötzlich auch internationale Kartenbrands an. Digitales Bezahlen ist seitdem im permanenten Aufschwung – sehr zur Freude der Konsumenten.

Mastercard und Visa nutzten diese drastische Kostenreduktion auf Händlerseite wiederum in Teilen für eine Anhebung bestehender bzw. der Schaffung neuer Fees, die die Kartenherausgeber oder/und Acquirer an die Kartenorganisationen bezahlen müssen. Für sie war es das „Window of opportunity“, das digitale Bezahlen im „Payment-Entwicklungsland“ Deutschland profitabel für sich nach vorne zu bringen.

Die Acquirer führten postwendend das sogenannte „Interchange++“-Pricing („I++“) ein, das ihnen ermöglichte, Veränderungen auf der Kostenseite auch an die Händler weitergeben zu können. Hierbei steht für das erste „+“ die Scheme-Fee und für das zweite „+“ die Acquirer-Fee. Letztere deckt die Processing- und Risikokosten sowie die Marge für den Acquirer. Das zweite „+“ hat sich in den letzten Jahren jedoch nicht erhöht, sondern ist ein Faktor im harten Wettbewerb im Acquiring-Geschäft. Die seit drei Jahren andauernde Konsolidierung der Branche auf europäischer Ebene, mit dem Ziel, Skaleneffekte zu generieren, ist ein klarer Beleg dafür.

Die Erhöhungen der Scheme-Fees konnten die Acquirer mit „I++“ sukzessive an die Händler weitergeben. Die Händler sind natürlich nicht erfreut darüber – jedoch ohne ersichtlichen Grund: Durch die Akzeptanz des verführerischen Plastikgelds konnten sie ihre Umsätze steigern, ohne ihre Ersparnis auf der Kostenseite an die Kunden durch Preissenkung weiterzugeben. Und an viele ist ein beträchtlicher Anteil der Scheme-Fee über Werbekostenzuschüsse zurückgeflossen – schon vergessen?

Aber wo dieser kleine Profit für den stationären Handel durch die immer stärkere Ausbreitung des Onlinehandels nach und nach abgeschmolzen ist, regen sich erneut die Gemüter relevanter Stakeholder über die Interchange-Gebühren an sich. Das ist nicht überraschend, denn es steht eine Überprüfung der Interchange durch die EU Kommission an, die ggf. neue Regeln für Interchange und Scheme-Fees verheißt.

Das Argument der Regulierungs-Befürworter, dass der Endverbraucher nun endlich an einer abermaligen Reduzierung bzw. Abschaffung der Fees partizipieren sollte, halte ich – siehe oben – für eine Mär. Zudem ist estzustellen, dass Mastercard und Visa ihre vereinnahmten Fees massiv in Innovation und Ausbau der Kartenakzeptanz gesteckt haben, um digitales Bezahlen an möglichst vielen POS für den Endverbraucher zu ermöglichen. So haben beide Unternehmen erhebliche Investitionen z.B. in Startups gesteckt, die die Digitalisierung des Payments vorantreiben, die Tools zur Bekämpfung von Fraud und Cyperkriminalität entwickeln oder die smarte Checkout-Prozesse in neue Mobilitäts-Plattformen integrieren. Das sind genau die Investitionen, die man sich auch von europäischen Payment-Unternehmen gewünscht hätte, denen es an Vision oder unternehmerischer Strategie gefehlt hat. Aber kann man dies nun Mastercard und Visa vorhalten?

Die von E&Y sowie Copenhagen Economics für die EU Kommission erstellte Studie über mögliche Auswirkungen einer Interchange-Regulierung mutmaßt anhand ökonomischer Theorien und empirischer Studien zu anderen Branchen – eine wirkliche Datenbasis aus dem Payment scheint nicht vorzuliegen -, dass eine Reduzierung auf der Kostenseite zu einer Preisreduzierung und damit zum Vorteil des Endverbrauchers gereicht. Die in diesem konkreten Zusammenhang entwickelte These, dass ca. 73 % der Minderkosten bei der Interchange vom Handel an den Verbraucher durchgereicht würden, halte ich für sehr gewagt. Dies 2/3-Theorie mag vielleicht bei anderen, transparenteren Industrien der Fall sein, aber im Handel ist dieses vorauseilende Entgegenkommen zum Nutzen der Endverbraucher eher irreal. Wurde schon die damalige, signifikante Reduzierung der Interchange von über einem Prozentpunkt nicht an die Kunden weitergegeben, wieso sollte dies nun bei dieser geringen, fast marginalen Reduzierung erfolgen?

Vor dem Hintergrund der Nullzins-Situation stellt die Interchange für Banken eine wichtige Ertragsquelle dar. Fällt diese weg, führt dies mutmaßlich zur Kompensation durch eine Wiedereinführung bzw. Anhebung der Kontoführungs-Gebühren. Die mittelfristigen Gewinner einer weiteren Reduktion der Interchange werden Amazon & Co. sein, da der Umsatz noch weiter vom Einzel- in den Online-Handel transferiert wird. Denn sie sind in ihre gesamten Genese darauf ausgerichtet, ihre Produkte vor dem Hintergrund signifikanter Veränderungen bei Technologie, Prozessen, und Konsumerverhalten rasch weiterzuentwickeln.

Solche gravierenden Veränderungen werden aber nicht nur auf das Kartengeschäft Auswirkungen haben, sondern das gesamte Payment-Ökosystem gravierend verändern. Alternative Payment-Formen und Produkt-Bundles könnten noch schneller entstehen und andere Faktoren werden bei der Monetarisierung von Payment Services eine besondere Rolle einnehmen, so z.B. die Nutzung von Daten.

Ob sich damit die Europäische Union einen Gefallen tut, kann bezweifelt werden. Denn wer sind heute die Weltmeister im Big Data Business? Die GAFA-Bigtech! Sie haben mit ihren Plattformen Ökosysteme etabliert, die gigaweise Daten generieren und für die Schaffung neuer Ertragsquellen genutzt werden (können), bei denen Payment eine Nebenrolle spielt. Payment findet dann einfach im Hintergrund einer Kauftransaktion statt – vielleicht sogar instant –, aber ohne separate Bepreisung. Ob dies alles einem neuen europäischen Payment-Scheme zuträglich ist, sollte jedem Bankvorstand einleuchten. Denn für ein kostenfreies Instant Payment als eigenständige Funktionalität gibt’s heute noch keinen Plan.

Die PSD soll bekanntlich zu mehr Markttransparenz beitragen, Markteintritte (von wem eigentlich?) unterstützen sowie das Funktionieren des einheitlichen Marktes in Europa unterstützen. Bevor jedoch auf dieser Mikroebene herumgedoktert wird, ist es meines Erachtens wesentlich zielführender, an einer wahren Bankenunion in der EU oder an einem EU-weiten Standard zur digitalen Identität zu arbeiten.

Gerade nach dem Brexit ist ein stärkeres Zusammenrücken der verbliebenen EU-Mitglieder angesagt. Aber hier sind möglicherweise noch stärkere Lobbygruppen unterwegs, die ein „Level Playing Field“ verhindern möchten, als die innerhalb des deutschen Einzelhandels. Regulierung sollte endlich mehr Raum für Innovation und Investition schaffen, statt sie nur zu reglementieren.

*Unser Gastautor Marcus W. Mosen ist einer der profiliertesten deutschen Payment-Experten

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