Exklusiv

Der Concardis-Schock: Horrende Verluste und eine ominöse Pleite

15. Januar 2020

Von Heinz-Roger Dohms und Thomas Borgwerth

Der ehemals bankeneigene Zahlungsdienstleister Concardis hat in den beiden zurückliegenden Jahren extrem hohe Verluste erlitten. Diese Informationen hat Finanz-Szene.de im Geschäftsbericht der „Eagle Germany GmbH“ gefunden, einer öffentlich praktisch unbekannten Dachgesellschaft, unter der sämtliche Geschäfte der Concardis-Gruppe angesiedelt sind. Allein 2018 lag der Konzernfehlbetrag des nach Wirecard zweitgrößten deutschen Payment-Unternehmens bei satten 125 Mio. Euro. Für 2019 prognostizierte der Abschluss einen weiteren Verlust „im höheren zweistelligen Millionenbereich“.

Im Umfeld des Concardis-Konzerns ist zu hören, ein großer Teil der Verluste gehe auf „planmäßig erhöhte Abschreibungen aus der Erstkonsolidierung der Concardis-Gruppe“ sowie auf „hohe Investitionskosten“ zurück. Diese Lesart ist sicherlich nicht falsch – sie ist nach unserer Einschätzung aber unvollständig. Denn: Zum einen lag der 2018er Fehlbetrag „deutlich“ über dem, was das Management laut Geschäftsbericht eigentlich prognostiziert hatte. Und zum anderen findet sich im sogenannten „Nachtragsbericht“ bezogen auf das Geschäftsjahr 2019 die folgende toxische Formulierung:

„Aufgrund der Insolvenz einer unserer Vertragspartner aus dem Geschäftsbereich Airlines und Tourismus ist mit wesentlichen Belastungen des Konzernjahresergebnisses für das Geschäftsjahr 2019 zu rechnen.“

Die Formulierung könnte (jedenfalls auf den ersten Blick) zu weiteren Recherche-Ergebnissen von Finanz-Szene.de passen. Nach unseren Informationen sollen Concardis nämlich signifikante Belastungen infolge der Thomas-Cook-Pleite drohen. Darauf deutet auch eine Mitteilung der dänischen Concardis-Mutter Nets hin. In der Information für Gläubiger war zunächst die Rede vom Risiko eines Einmalverlusts  „von bis zu 200 Mio. Euro nach Steuern“ in Zusammenhang mit der Thomas-Cook-Pleite.* Inzwischen gehen die Dänen von nur noch rund 100 Mio. Euro aus.

Uns gegenüber teilte ein Concardis-Sprecher lediglich mit:

Concardis erbringt Acquiring Services für einzelne Unternehmen der Thomas Cook Group. Die Insolvenz von Thomas Cook ist natürlich für alle Beteiligten sehr bedauerlich. Wir arbeiten eng mit Thomas Cook, dem Insolvenzverwalter sowie den Versicherungen zusammen, um Zahlungsströme zu klären und die Auswirkungen auf die Betroffenen so gering wie möglich zu halten. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns nicht detaillierter zu einzelnen Kundenbeziehungen äußern.“

Bleibt die Frage, ob die Formulierungen im „Nachtragsbericht“ zum 2018er-Abschluss tatsächlich auf Thomas Cook gemünzt war. Denn: Erstellt wurde der Abschluss am 26. Juni 2019, testiert am 30. August 2019 und gebilligt (durch ein Gremium der Eigentümer) am 02. Oktober 2019. Die deutsche Thomas Cook hatte am 25. September 2019 Insolvenz angemeldet. Die Insolvenz lag also noch vor der Billigung des Abschlusses, aber nach der Testatserteilung. Da der Nachtragsbericht seit 2016 nun Bestandteil des Anhangs (prüfungspflichtig) und nicht mehr des Lagebericht (nicht prüfungspflichtig) ist, hätte man streng genommen das Datum der Erstellung des Abschlusses und des Testats noch einmal ändern müssen. Hinzu kommt: Der Hinweis auf den insolventen Vertragspartner taucht nicht nur im „Nachtragsbericht“, sondern auch im „Prognosebericht“ des Abschlusses auf.

Wenn mit dem Vertragspartner nun aber nicht Thomas Cook gemeint gewesen ist – wer dann? Concardis will sich zu alldem nicht äußern.

Unabhängig von der Frage, wer denn nun der insolvente Partner ist, bleibt die Diagnose der „wesentlichen Belastung“. Und es drängt sich bei der Lektüre des „Eagle Germany“-Abschlusses nicht nur an dieser Stelle die Frage auf, ob die Transformation, die Concardis momentan durchmacht, wirklich reibungslos verläuft.

Hierzu erst einmal ein kurzer, stichpunktartiger Rückblick:

  • Concardis war ursprünglich im Besitz der deutschen Banken
  • 2017 verkaufte das Banken-Konsortium den Acquirer für angeblich 600 bis 700 Mio. Euro an die US-Finanzinvestoren Bain und Advent
  • In der Folge tätigten Concardis (bzw. die beiden dahinterstehenden Private-Equity-Firmen) diverse Übernahmen. Der Netzbetreiber Cardtech z.B. wurde ebenso geschluckt wie der Processing-Spezialist Mercury oder die beiden Fintechs Ratepay und Simplepay
  • Zwischenzeitlich schien es, als wollten Bain und Advent aus der Concardis-Gruppe so etwas wie den neuen deutschen „Payment-Champion“ schmieden
  • Doch stattdessen brachten die beiden Finanzinvestoren das Unternehmen vergangenes Jahr in den dänischen Payment-Riesen Nets ein (hinter dem nun Bain, Advent und als größter Gesellschafter ein weiterer PE-Fonds namens „Hellman & Friedman“ stehen)
  • Im Zuge dieses Deals wurde die bestehende Führung um den Payment-Veteran Marcus Mosen gegen ein neues, teils branchenfremdes Management ausgetauscht. So steht an der Spitze der „Concardis Payment Group“ der frühere United-Internet-Manager Robert Hoffmann

Jedenfalls: Als wären diese „äußeren“ Umbauten nicht schon genug, vollzieht Concardis seit Jahren auch einen sozusagen „inneren“ Umbau vom klassischen Acquirer zum digitalen Payment-Anbieter (was mit diesen Schlagwörten ungefähr gemeint ist, hatten wir vor einiger Zeit mal am Beispiel von Wirecard und Adyen aufgedröselt). Damit einher ging zuletzt die Etablierung eines neuen KMU-Angebots namens Smartpay samt Aufbau eines entsprechenden Vertriebs.

Folge: Die Kosten für die Transformation der „alten Concardis“ zur „neuen Concardis“ scheinen enorm zu sein.

  • 2018 fielen Sonderabschreibungen in Höhe von 72,5 Mio. Euro an
  • Für „fremde Dienstleister“ wurden Honorare in Höhe von 66,6 Mio. Euro aufgewendet
  • Die Personalkosten belaufen sich auf mittlerweile 72,2 Mio. Euro (wobei es hier, weil die Vollkonsolidierung erst 2018 vollzogen wurde, keine brauchbaren Vergleichswerte gibt)
  • Fürs Kreditgeschäft wurden 23,3 Mio. Euro zurückgestellt
  • Und dann sind da noch (für einen Acquirer horrende) Zinsaufwendungen in Höhe von 33 Mio. Euro

Die Zinskosten erklären sich vor allem dadurch, dass per Ende 2018 allein aus der „Finanzierung der erfolgten Akquisitionen“ Konzernverbindlichkeiten in Höhe von 421,1 Mio. Euro bestanden. Wenn wir es richtig verstehen, geht es dabei nicht nur um Übernahmen, die Concardis selbst gestemmt hat – sondern vor allem schlägt die Übernahme der Concardis selbst zu Buche (heißt: anscheinend haben die Finanzinvestoren die Fremdkapitalkosten für die Concardis-Übernahme dem Concardis-Konzern selbst aufgebürdet). Aufgrund des schlechten Ergebnisses drohte 2018 sogar eine Überschuldung der Gesellschaft, was die Eigentümer durch die Umwandlung eines Darlehens allerdings abwendeten. Im Ergebnis wurde die Kapitalrücklage durch den Schritt um 239 Mio. Euro gestärkt, sodass das Eigenkapital per Ende 2018 mit 203 Mio. Euro sehr auskömmlich war.

Dennoch wird interessant zu beobachten sein, wie die Concardis-Gruppe die aktuellen Verluste in den nächsten Jahren operativ „zurückverdienen“ will. Denn digitales Bezahlen boomt zwar – allerdings sinken im Zuge der Standardisierung des Geschäfts  die Margen. Das „Ebitda vor Sondereffekten“ für 2018 gibt die „Eagle Germany GmbH“ mit 69,7 Mio. Euro an; nach Sondereffekten sei allerdings nur ein Ergebnis im „unteren einstelligen Millionenbereich“ übrig geblieben. Für 2019 ging das Management „vor Sondereffekten“ von 55 Mio. bis 65 Mio. Euro aus. Und nach Sondereffekten? Sollte es gerade mal noch ein „einstelliger Millionenbetrag“  werden.

* Die Nets-Mitteilung haben wir kurz nach Veröffentlichung unseres Artikels ergänzt. Ein kundiger Leser hatte uns darauf aufmerksam gemacht.

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