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Der Stripe-Coup: Ein Weckruf für Unzer – und die Deutsche Bank

16. März 2021

Von Marcus W. Mosen*

Bei dieser Nachricht wird dem ein oder anderen hiesigen Banker (und dem ein oder Payment-Manager!) die Kinnlade heruntergefallen sein. Der erst 2010 gegründete US-Zahlungsdienstleister hat seine vorbörsliche Finanzierung um umgerechnet eine halbe Mrd. Euro aufgestockt. Und wird mit schlappen 80 Mrd. Euro (!) bewertet. Und was passiert nun mit dem Geld? In der Pressemitteilung heißt es lapidar: The company will use the capital to invest in its European operations.”

Na dann, viel Spaß, ihr europäischen Zahlungsdienstleister (und Banken!).

Für die Nicht-Payment-Freaks: Stripe wurde 2009 von zwei irischen Brüdern im Silicon Valley gegründet (wo sonst?). Das Kerngeschäft ist die Abwicklung von Zahlungstransaktionen für E-Commerce-Händler. Also das, was Wirecard (angeblich) gemacht hat. Was Adyen macht. Was Unzer macht. Und was die Deutsche Bank demnächst wieder machen will. In mehr als 40 Ländern bietet Stripe seine Dienste (global weiter skalierbar) bereits an und unterstützt dabei über 30 verschiedene Payment-Methoden. Wobei das Gros des Volumens von Mastercard und Visa stammen dürfte.

Nun sind die 80 Mrd. Euro natürlich eine Wette auf die Zukunft. Indes: Der durch die Corona-Pandemie ausgelöste Digitalisierungsschub hat die Wahrscheinlichkeit, dass solche Wetten aufgehen, signifikant erhöht.

Die Wahrnehmung in der deutschen Community war bislang, dass es sich bei Stripe primär um eine „Self service“-Lösung für kleinere E-Commerce-Händler handele. Doch weit gefehlt! Nach eigenen Angaben bedient das US-Fintech schon mehr als 100 sogenannte Enterprise Kunden weltweit, davon die Hälfte mit mehr als 1 Mrd. Dollar Akquiring-Volumen generieren. Das sind 50-mal Zalando. Oder 50-mal Otto. Also jetzt schon enorme Dimensionen. Aber wer sich im deutschen eCommerce bewegt, trifft immer öfter
auf Stripe im Checkout, gerade auch bei zahlreichen vielversprechenden und stark wachsenden Startups.

Da passt es gut, dass auch hierzulande viele Enterprise-Kunden – also große Retailer – momentan überlegen, wie sie ihre Onlineshops z.B. zu Marktplätzen weiterentwickeln können. Vermutlich wird Stripe seine Vertriebsaktivitäten in Deutschland nun ausbauen – und damit wohl oder übel zu einem bedeutenden Konkurrenten für heimische Player wie Computop, Unzer oder Payone mutieren (auch wenn die Amerikaner sich selbst eher in der Liga mit Adyen oder Checkout.com sehen dürften). Mal sehen, wie loyal die deutschen Händler dann noch gegenüber ihrem angestammten PSPs bleiben.

Ein Wake-up-Call für die deutsche Payment-Branche ist es allemal. Und ein „Learning“ auch. Denn während man sich bei Paydirekt/Giropay dieser Tage (etwas provokant gesagt) über Logo-Fragen Gedanken machen, gilt der Fokus von Playern wie Stripe allein der Technologie. Die digitalen Händler von morgen sind mehr und mehr Marktplätze und SAAS-basierte digitale Geschäftsmodelle, die auf technologie- und serviceorientierte Partner setzen. Das Logo der Karten-Schemes wird in Zukunft weder am POS noch auf der Checkouts-Seite eine relevante Rolle spielen.


*Marcus W. Mosen ist einer der profiliertesten deutschen Payment-Experten und schreibt regelmäßig für Finanz-Szene.de

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