Themen-Fokus Interchange

Die Kartengebühren von Visa und Co. sind eine freche Abschöpfung

2. März 2020

Von Ulrich Binnebößel *

Die 2015 von der EU auf den Weg gebrachte „Verordnung über Interbankenentgelte für kartengebundene Zahlungsvorgänge“ war eine Zäsur für die Payment-Branche – und ein vordergründig guter Kompromiss: Einerseits blieben die Geschäftsmodelle kartenausgebender Banken bewahrt. Andererseits trug die Regulierung der Forderung der Akzeptanzseite (also etwa Händler) nach einer Begrenzung der nicht verhandelbaren Entgelte Rechnung. Was allerdings nicht entschieden wurde: Die Frage, ob Gebühren insgesamt generell wettbewerbswidrig sind. Fünf Jahre später zeigt sich, dass genau dies ein Fehler gewesen sein könnte – zu Lasten der Akzeptanzstellen und Verbraucher.

Aber der Reihe nach: Im Detail wurden die sogenannten Interbankenentgelte für europäische Konsumentenkarten gedeckelt auf 0,2 Prozent für Debitkarten und 0,3 Prozent für Kreditkarten. Dabei handelt es sich um ein schlichtes Disagio der Bank des Händlers für die Bank des Kreditkarteninhabers. Erzielte etwa ein Händler 100 Euro Umsatz, war es vor der Regulierung nicht unüblich, dass seine Bank ihm nur 98 Euro gutgeschrieben hat, weil sie selbst wiederum diesen Betrag von der Bank des Karteinhabers erhielt.

Firmenkarten wurden dagegen aus der Anwendung der Verordnung ebenso herausgenommen wie die sogenannten Drei-Parteien-Systeme. Um dem Verbraucher noch etwas Gutes zu tun, wurde gleichzeitig in der Rahmengesetzgebung für alle „gedeckelten“ Karten ein Aufpreisverbot für den Handel – das sogenannte Surcharging-Verbot – erlassen. Das heißt, eine Akzeptanzstelle konnte nicht länger Gebühren für die Kartenannahme verlangen.

In der Bewertung der Verordnung gab und gibt es unterschiedliche Ansichten. Kartenherausgeber und besonders die Kreditkarten-Unternehmen fühlen sich in ihrer Vertragsfreiheit eingeschränkt, manche Payment-Experten befürchten eine Innovationsbremse, anderen Akteuren – insbesondere den Händlern – geht die Regulierung nicht weit genug. In der Betrachtung aus Handelssicht lässt sich feststellen:

  • Geschäftsmodelle der Kartenbranche wurden durch die Verordnung nicht gefährdet,
  • die Innovationskraft hat nicht nachgelassen, sondern Fahrt aufgenommen,
  • Verbraucher und Handel stehen sich (vordergründig) besser.

Warum?

Entgegen der Befürchtungen, dass die etablierten Geschäftsmodelle der kartenausgebenden Seite aufgegeben werden müssen oder nur noch durch stark erhöhte Kartengebühren tragfähig sind, zeigte sich, dass trotz (oder gerade wegen?) der Beschränkung der Nutzungsentgelte durch Zahlungsempfänger heute die Kreditkarte ungebremstes Wachstum erfährt. Zwar werden konkrete Zahlen über ausgegebene Kreditkarten eher zurückgehalten, was an sich auch schon etwas aussagt. Nach der Zahlungsverkehrsstatistik  der Bundesbank stieg jedoch zwischen 2015 und 2018 die Zahl der Kreditkarten um fast 9% – ein deutliches Anzeichen, dass Verbraucher nach wie vor am Geschäftsmodell Kreditkarte interessiert sind.

Ein weiteres Zeichen für die Wirksamkeit der Verordnung zeigt sich im deutlichen Anstieg der Zahl der Akzeptanzstellen. Eine noch unveröffentlichte Studie der EU-Kommission zeigt im Betrachtungszeitraum von 2015 bis 2017 einen Anstieg um rund 20%. Selbst im Lebensmitteldiscount, bei dem ein derart teures Zahlverfahren wie die Kreditkarte vorher kaum umsetzbar war, ist die Kreditkartenakzeptanz inzwischen quasi Standard.

Weiterhin ist klar zu erkennen, dass ein Innovationsschub in der Industrie eingesetzt hat. Zwar mögen andere Gründe wie der technische Fortschritt eine begleitende Rolle spielen. Es liegt aber nahe, dass Zahlungsdiensteanbieter sich deutlich mehr anstrengen und in einem entstehenden Wettbewerb unter der bestehenden Regulierung deutlich attraktiver werden müssen, um sich etablieren zu können oder die Position behalten zu können. Es reicht heute nicht mehr, eine gute Idee zu haben, auf der Nachfrageseite Bedarf zu wecken und sich über die Akzeptanzseite zu finanzieren. Innovationen haben dann eine Chance, wenn sie für beide Marktseiten einen Vorteil schaffen. Im Übrigen ist Innovationskraft bei weitem nicht abhängig von Finanzkraft. Die Startup-Kultur beweist jeden Tag enormes Ideenpotential auch ohne entsprechende Mittel.

Wenn es noch eines Beweises der Unabhängigkeit neuer Features vom Finanzierungsmodell Interchange bedarf, dann sei auf die Kontaktlos-Technologie verwiesen, die erst nach dem Inkrafttreten der Regulierung Fahrt aufgenommen hat und vom Handel unterstützt wird. Auch viele mobile Bezahlvarianten werden hierdurch erst ermöglicht. Der Handel hatte bis zum Inkrafttreten der Verordnung keinerlei Interesse, neue Technologien gerade in einem der teuersten Bezahlsegmente zu fördern. Man kann also durchaus schlussfolgern, dass Innovationen durch Interchange gebremst werden. Ein innovationsfreundliches Klima wird also durch die Deckelung gefördert, nicht verhindert.

Aber profitiert auch der Verbraucher von einer Beschränkung der Interchange-Gebühren? Zweifel sind angebracht. Die kürzlich von Hanno Bender geleakten Erkenntnisse einer Kommissionsstudie zu dem Thema legen dies eindeutig nahe. 73 % der Einsparungen durch die Gebührendeckelung werden im beispielhaft betrachteten Lebensmittelsektor an die Verbraucher weitergegeben. Auch wenn diese Zahl durchaus aussagekräftig ist (warum sollte der Studienersteller EY hier flunkern?), sei allen Zweiflern nahegelegt, sich mit dem intensiven Wettbewerb im Einzelhandel auseinanderzusetzen. Man wird sehr schnell spüren, dass jeder gewonnene Preisspielraum genutzt wird, ja genutzt werden muss, um die preissensiblen Verbraucher für sich zu gewinnen oder zu erhalten und nicht dem Mitbewerber zu überlassen.

Trotz aller Erfolge der Regulierung von Kartenkosten bleibt festzustellen, dass es dort wo Licht scheint, auch Schatten gibt. Gemessen an den Zielen der Kommission, mit der Verordnung eine deutliche Reduzierung der Kartenkosten zu erreichen, ist das Ergebnis ausbaufähig. Denn nicht nur beim wettbewerbsintensiven Handel ergeben sich Preisspielräume, die zu großen Teilen an Verbraucher weitergegeben wurden. Auch bei den Acquirern haben sich „Freiräume“ ergeben. So müssen kleine und mittelständische Händler schon sehr aktiv werden und nachbohren, um bei den Vertragspartnern bessere Konditionen zu erhalten.  Man könnte vermuten, dass die Wettbewerbsintensität in dieser Branche deutlich geringer ist als im Einzelhandel.

Doch besonders die Kartensysteme selbst zeigen, wie eine Regulierung zum eigenen Vorteil genutzt werden kann. Das Reizwort, mit dem man Händler auf die Palme bringt, lautet Scheme Fees. Diese Lizenzgebühren sind es, die derzeit die Gemüter bewegen. Zum Verständnis muss bekannt sein, das das Disagio, das der Handel für eine Kreditkartentransaktion zu zahlen hat, aus drei Teilen besteht, nämlich den (gedeckelten) Interbankenentgelten, die an die Kartenherausgeber gehen, den Kosten für die eigenen Acquirer und den Scheme Fees, also den Gebühren, die an das Kartensystem gehen. Und gerade hier sind die Systeme in den letzten Jahren enorm erfinderisch gewesen.

Diese Scheme Fees werden von der Kartenorganisation festgelegt und über den Acquirer an den Händler durchgereicht. Es handelt sich hierbei um eine Vielzahl von kleineren und größeren Gebühren, die teilweise sinnvoll, oftmals aber auch erfunden oder zumindest merkwürdig erscheinen.

Beispiele gefällig? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit gibt es Authorisation Fee, Processing Integrity Fee, Innovation Fund, Acceptance Development Fee, Security & Quality Fund, Card not present unsecure Chargeback Fee, Registrierungsgebühren je Filiale, Non NFC Fee.

Diese überbordende Preispolitik der Kartenorganisationen hat wiederum dazu geführt, dass wesentliche Teile der Ersparnisse durch steigende Scheme Fees aufgefressen wurden, bei großen Händlern fast schon zu einer Überkompensation geführt haben. Zudem sind weiterhin viele Kreditkarten nicht reguliert, hier sind die Interbankenentgelte nach wie vor hoch. Und Scheme Fees kommen dann noch obendrauf.

Genug Stoff also für eine Neuauflage einer erweiterten Regulierung, die genau an dieser Problematik ansetzen sollte. Hinzu kommen zu klärende Fragen nach der Sinnhaftigkeit der unterschiedlichen Behandlung von Debit und Kreditkarten, nach der Ausnahmeregelung für sogenannte Drei-Parteien-Systeme und der eigentlichen Frage, ob Interbankenentgelte bei marktdominierenden Prozessen überhaupt zulässig sind.

Alle Parteien, die an Zahlungsprozessen beteiligt sind, sollten sich darauf einstellen, dass der Handel nicht mehr bereit ist, neue Verfahren groß zu machen um dann ausgenommen zu werden. Sollen Innovation Marktrelevanz erreichen, müssen Anbieter für eine dauerhafte – nachhaltige – Preistransparenz sorgen. Die Akzeptanzseite muss also einbezogen werden, wenn Markterfolg entstehen soll. Die Politik hat dies erkannt und setzt Rahmenbedingungen. Auch wenn sich Anbieter gegängelt fühlen mögen, in diesem Fall ist Regulierung zu ihrem eigenen Besten.

* Ulrich Binnebößel ist Experte für Payments beim Handelsverband HDE

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing