Analyse

Die Ratio hinterm Payment-Joint-Venture der Deutschen Bank

21. Juni 2021

Von Marcus W. Mosen*

Bei der Lektüre der Pressemitteilung „Deutsche Bank und Fiserv wollen Joint Venture für Zahlungsakzeptanz in Deutschland gründen“ hatte ich spontan ein Déjà-vu!

Vor ziemlich genau 20 Jahren gründeten die Postbank (heute Deutsche Bank) und First Data (heute Fiserv) ebenfalls ein Joint Venture im Händlergeschäft. Dann allerdings wollte First Data sein von der Deutschen Telekom erworbenes Asset „Telecash“ nicht in das Gemeinschafts-Unternehmen einbringen. Mit der guten Atmosphäre war’s vorbei. Das Joint Venture mit dem Namen „POS Transact“ wurde bereits 2004 beendet, die Postbank übernahm die Anteile von First Data.

Wie wir „Paymenteers“ wissen, hat sich seitdem einiges getan. Nachdem deutsche Banken aller Couleur dem Zahlungsverkehr am POS sowie im E-Commerce zwischenzeitlich abgeschworen hatten, zeichnet sich gerade eine Renaissance ab. Das digitale Bezahlen rückt – trotz oder vielleicht sogar wegen des Wirecard-Debakels – wieder in den strategischen Fokus.

Und in diesem Kontext macht dann auch die gestrige Ankündigung wieder Sinn.

Dabei ist das Joint Venture von Deutsche Bank und Fiserv keine Überraschung, sondern ein logischer und konsequenter Schritt. Im April 2020 hatten das Geldhaus und First Data (also quasi die hiesige Fiserv) ja bereits eine Kooperation angekündigt. Dabei ging es vordergründig um Mini-Terminals für den POS, siehe mein damaliger Artikel. Seitdem werden Stefan Hoops, Chef der Deutsche-Bank-Corporate-Bank, und sein „Head of Merchant Solutions“ Kilian Thalhammer verschiedene Optionen ausgelotet haben, wie man dem eigenen strategischen Anspruch im Payment wieder gerecht werden kann, auch um den Stakeholdern eine glaubhafte Story präsentieren zu können.

Eine simple Kooperation wäre da nicht ausreichend gewesen. Eine Akquisition hingegen – zu teuer. Also ein Joint Venture. Mit Fiserv hat die Deutschen Bank jetzt einen Partner auf Augenhöhe. Wobei es sicherlich kein Nachteil war, dass es sich bei dem Fiserv-Manager, der den Deal ausgehandelt hat, um John Gibbons handelt, den ehemaligen Head of Transaction Banking bei der Deutschen Bank. „Old boys network“ funktioniert auch in diversen Zeiten.

Was ist an dem Joint Venture nun inhaltlich spannend?

  • Beide Seiten entsenden aus unterschiedlichen Einheiten im ersten Schritt circa 130 Beschäftigte in die gemeinsame Gesellschaft. Zugleich stellen die beiden Partner der Einheit ein Budget in mutmaßlich zweistelliger Millionenhöhe zur Verfügung. Durchaus ein Commitment
  • Fiserv erhält mit 51% der Anteile eine gewisse unternehmerische Führung, obwohl die Deutsche-Bank-Fraktion den Markt bearbeiten soll
  • Fiserv bringt Technologie- und Produktkompetenz u.a. mit der Kassenlösung Glover und dem Omnipay-Processing ein – das ist komplementär.
  • Fiserv behält weiterhin Telecash als eigenen Payment-Provider im Markt. Für den Fall, dass das JV nicht fliegt, eine gute Rückzugsoption
  • Die Deutsche Bank kann ihre Marke in einer agileren Organisationsform außerhalb der (schwerfälligen) Konzernstrukturen gegenüber Händlerkunden anbieten und dabei weitere Bankprodukte dem Payment beimischen. Das gibt Differenzierungspotential gegenüber anderen Payment-Anbietern
  • Das JV hat mit seinen Gesellschaftern das Potential, auch außerhalb Deutschlands aktiv zu werden, denn beide Partner haben Payment-Aktivitäten in Benelux, die Deutsche Bank sogar in Italien und Spanien.

Wer wird über dieses JV nicht erfreut sein?

  • EVO Payments, denn das war bislang der strategische Partner der Deutschen Bank in dem Bereich
  • Nexi/Nets und Worldline/Payone, die den deutschen Markt unter sich aufteilen wollten, denen nun allerdings ein Wettbewerber erwächst
  • Die DZ Bank mit ihrer VR Payment, die sich vielleicht auch gerne mit der Deutschen Bank verschwestert hätte, um Synergien z.B. im Processing zu heben und um neuen Wettbewerb bei kleinen und mittelgroßen Händlern zu vermeiden

Fazit:

Der deutsche Payment-Markt ist nach wie vor hochspannend. Wer im europäischen Payment-Geschäft mitmischen will, kommt an ihm nicht vorbei. Mit neuen Partnerschaften entstehen auch neue Vermarktungschancen. Ob eine rein deutsche Positionierung ausreicht, ist jedoch fraglich. Die neuen Fintech-Anbieter werden sich durch diesen Approach von ihren eigenen Plänen in Deutschland sicherlich nicht ablenken lassen.


Links zum Thema:

*Marcus C. Mosen ist einer der profiliertesten deutschen Payment-Experten und regelmäßiger Autor bei Finanz-Szene.de

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