Analyse

Die Wall Street kapert Wirecard – die Short-Seller halten gegen

7. Januar 2020

Von Christian Kirchner

Zugegeben – dass sich bei Wirecard die Lage zuspitzt, diese These können Sie vermutlich nicht mehr hören, oder? Diesmal ist es aber wirklich so. Denn während alle Welt aus den Sonderprüfbericht von KPMG wartet, bringen sich wohl auf der „Long“ als auch auf der „Short“-Seite immer mächtigere Adressen ins Spiel. Denn, nur mal zum Beispiel: Wussten Sie, dass Morgan Stanley zuletzt 10,1% aller Wirecard-Aktien kontrollierte? Und Goldman Sachs 9,8%? Und wussten Sie, dass umgekehrt vermutlich rund 20% aller Wirecard-Aktien leerverkauft sind – annähernd das Vierfache der meldepflichtigen Positionen? Es ist ein Showdown, wie es ihn am deutschen Aktienmarkt selten gegeben hat. Ein Überlick über die Gemengelage:

Die Optimisten

Im Lager der Optimisten haben in den letzten Wochen gleich mehrere Großbanken diverse meldepflichtige Schwellenwerte nach oben durchbrochen. Folge: In der Aktie von Wirecard gibt es eine regelrechten Ansammlung von Promi-Großinvestoren mit milliardenschweren Paketen. Ausweislich der Meldungen der zurückliegenden Wochen sind das:

  • Goldman Sachs: 10,8%
  • Morgan Stanley: 10,3%
  • DWS: 6,0%
  • Blackrock: 5,4%
  • Bank of America: 4,9%
  • Citigroup: 4,9%
  • Artisan Partners: 4,5%

Die Addition aller Anteile liefert einen fulminant hohen Wert von 46,8% aller Aktien in der Hand einiger weniger meldepflichtiger Großaktionäre. Die Papiere haben einen Gesamtwert von 6,3 Mrd. Euro. Das Beachtliche daran ist: Einige dieser Player, allen vorn Morgan Stanley und die DWS (hier unsere Analyse vom neulich), haben ihre Positionen erst in der jüngeren Vergangenheit – sprich: seit dem Kurssturz vom Oktober – aufgebaut. Und das 900-Mio.-Euro Engagement des japanischen Techonologie-Investors Softbank (bzw. von mit Softbank verknüpften Geldgebern) über Wandelanleihen ist hier noch gar nicht eingerechnet.

Gleichwohl bedürfen die Zahlen einige Einordnungen:

  • Die jeweils tagesaktuellen Werte sind nicht mit chirurgischer Präzision zu erfassen, da Investoren ihre Position nur offenlegen müssen, wenn sie bestimmte Schwellen unter- oder überschreiten. Diese wichtigsten Schwellen liegen bei 3%, 5%, 10%, 15% und 20%. Wenn also die DWS zuletzt meldete, dass sie 6,0% an Wirecard hält – dann können es mittlerweile auch nur noch 5,1% oder theoretisch sogar 9,9% sein, ohne dass es einer weiterer Meldung bedarf. Doch selbst wenn man davon ausgeht, die acht genannten Großinvestoren hätten ihre Anteile inzwischen so weit wie möglich reduziert, ohne dass sie die Öffentlichkeit informieren müssen – dann käme man immer noch auf einen Gesamtanteil von 39%. Eine derartige Ansammlung an Long-Großaktionären ist für einen Dax-Wert eine Rarität. Werte wie BASF oder die SAP zum Beispiel haben jeweils nur einen meldepflichtigen institutionellen Großaktionär mit mehr als 5% – nämlich Blackrock. Die Telekom hat überhaupt keinen.
  • Es ist – insbesondere bei Investmentbanken wie Goldman Sachs und Morgan Stanley – nicht klar, ob sie die Aktien aufgrund einer eigenen Marktmeinung und auf eigene Rechnung oder im Kundenauftrag halten. Wahrscheinlich ist letzteres. Das ändert aber nichts daran, dass einige wenige Adressen sehr hohe Wetten auf Wirecard eingegangen sind.

Die Pessimisten

Kann es sein, dass das deutsche Meldesystem für Leerverkäufe immense Lücken aufweist? Denn: Die Summe aller meldepflichtigen Leerverkaufs-Positionen auf Wirecard beträgt aktuell gerade rund 5%.

Hier die meldepflichtigen Positionen (gerundet)

  • Slate Path Capital: 1,3%
  • TCI 1,1%
  • Marshall Wace: 0,8%
  • Coltrane Asset Management: 0,6%
  • Greenvale Capital: 0,5%
  • Coatue Asset Management: 0,5%

(Darüber hinaus gibt es ein halbes Dutzend Adressen, deren letzte Meldung bereits vor mehr als zwei Monaten die Marke von 0,5% unterschritt und inzwischen auch ganz aufgelöst sein könnte, da unter 0,5% keine Meldung mehr nötig ist.)

Der US-Datenanbieter S3 Partners hält diese rund 5% aber nur für einen Ausschnitt der tatsächlich verliehenen Wirecard-Aktien. Er kommt auf Basis echter Broker-Daten zu dem Ergebnis, dass aktuell (per 3. Januar) 24,7 Millionen Wirecard-Aktien leer verkauft sein müssten. Das entspricht 19,9% aller Wirecard-Aktien, mithin also dem annähernd vierfachen der offiziell meldepflichtigen Short-Positionen. Dazu ist zu sagen: S3 Partner ist in Deutschland zwar wenig bekannt, in der angelsächsischen Welt aber renommiert; die Angaben dürfen als verlässlich gelten und decken sich mit den Daten anderer Datenanbieter.

Die Lehre

Ganz offensichtlich verbeißen sich Optimisten wie Pessimisten in ihre jeweiligen Positionen und steigern die Einsätze ins Abenteuerliche – obwohl der letzte wirklich ausführliche Wirecard-kritische „Financial Times“-Artikel inzwischen drei Monate zurückliegt (hier die Zusammenfassung) und es seitdem kaum neue Erkenntnisse gab. Warum also die immer höheren Wetten? Die Annahme liegt nahe, dass es sich de facto um Wetten auf den Ausgang des KPMG -Sonderberichts handelt. Also den Bericht, den Wirecard in Auftrag gegeben hatte, um sich von den „FT“-Vorwürfen zu entlasten, obwohl ja schon ein reguläres Prüftestat durch Ernst & Young vorlag.

Wirecard hatte den Bericht zunächst für „Anfang 2020“ angekündigt. Dann war plötzlich vom „Ende des ersten Quartals“ die Rede. Zuletzt allerdings erweckte Vorstandschef Markus Braun via Twitter den Eindruck, es könnte doch schneller gehen.

Wie auch immer: Taktieren ist nicht – sobald der Bericht vorliegt, sei sein Ergebnis veröffentlichungspflichtig, argumentiert der Anlegerschützer Klaus Nieding in einem längeren Aufsatz.

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