Fall Wirecard: „FT“ erhebt massive Vorwürfe gegen EY

30. September 2020

Von Christian Kirchner

Nimmt der „Fall Wirecard“ eine neue Wende? Unter Berufung auf ein bislang unbekanntes Dokument des Sonderprüfers KPMG behauptet die „Financial Times“ (Paywall), schon 2016 sei in der deutschen „Ernst & Young“-Zentrale ein Whistleblower auf den Plan getreten, der schwere Unregelmäßigkeiten bei Wirecard gemeldet habe. Dabei sei es konkret um die damaligen Wirecard-Zukäufe in Indien sowie um Bestechungsversuche gegenüber einem Prüfer gegangen.

Das Problem, das sich hieraus für den langjährigen Wiecard-Abschlussprüfer Ernst & Young ableiten könnte, lautet wie folgt: Ist EY den damaligen Vorwürfen konsequent genug nachgegangen? Wenn nein – warum nicht? Wenn ja – warum ist die Sache dann versandet. Denn nur noch mal zur Erinnerung: Nicht nur für 2016, sondern auch noch für 2017 und 2018 bescheinigte EY dem bayerischen Zahlungsdienstleister, dass mit den Bilanzen alles in Ordnung sei. Dabei hätte man es  – das zumindest legt die „FT“-Berichterstattung nahe – besser wissen können.

Doch was genau steht in dem „Financial Times“-Artikel? Ein Überblick (übrigens: Bei dem KPMG-Dokument scheint es sich um weiteres unveröffentlichtes und 61seitiges „Addendum“ des offiziellen und damals auch veröffentlichten KPMG-Prüfberichts von Ende April zu handeln):

  • Anfang 2016 hatte Wirecard für angeblich 340 Mio. Euro eine Gruppe indischer Payment-Unternehmen übernommen. Laut „Financial Times“ meldete der interne Whistleblower im Mai 2016, Topmanager von Wirecard in Deutschland seien direkt oder indirekt an dem Fonds beteiligt, der die Unternehmen damals an Wirecard verkaufte. Daraus ergebe sich ein klarer Interessenskonflikt. Darüber hinaus – so der Whistleblower damals laut „FT“ – habe das hiesige Wirecard-Management die Umsätze der erworbenen Firmen künstlich aufgebläht, um auf diese Weise den Kaufpreis zu erhöhen. Zudem habe ein Wirecard-Manager einem örtlichen EY-Prüfer eine Bestechungszahlung in Aussicht gestellt dafür, dass der Prüfer die manipulierten Zahlen durchwinke.
  • Der „FT“ zufolge installierte Ernst & Young als Reaktion auf die Meldung eine Anti-Betrugs-Einheit mit dem Namen „Projekt Ring“. Laut KPMG-Addendum soll sich die Truppe aber als zahnlos erwiesen, schreibt die „Financial Times“. KPMG sehe überdies ein Versäumnis darin, dass Ernst & Young damals keine unabhängige, dritte Partei eingeschaltet habe.
  • Ein weiterer Vorwurf betrifft den Punkt, dass die Erkenntnisse der Anti-Betrugs-Einheit damals nicht auf dem Tisch des Wirecard-Aufsichtsrats gelandet seien – sondern direkt beim Wirecard-Vorstand. Dabei habe der Whistleblower doch ausgerechnet beim Management mögliches Fehlverhalten vermutet. Tatsächlich landeten der Fall (so die „FT“ unter Berufung auf das KPMG-Addendum) dann bei dem Topmanager, der heute als Schlüsselfigur des Wirecard-Skandals gilt und flüchtig ist – Jan Marsalek. Dieser hätte dem Fall dann folgenden Spin gegeben: Der Whistleblower selbst sei ein betrügerischer Angestellter, der von Wirecard verlangt habe, dass Ernst & Young mehr Geschäft in Indien bekommen soll. Erst nachdem der EY-Angestellte mit dieser Forderung abgeblitzt sei, habe er die Anschuldigungen gegen Wirecard erhoben. Letzten Endes stand also offenbar Aussage gegen Aussage. EY habe schließlich – so die „Financial Times“ – zwar das indische Prüferteam ausgetauscht, aber die Bestechungsversuche nicht weiter verfolgt.
  • Laut „FT“ wirft KPMG in seinem Addendum auch den deutschen EY-Prüfern (also denen, die die Bilanz des Wirecard-Konzerns prüften) vor, sie hätten „rote Flaggen ignoriert“ und sogar falsche Angaben gemacht. Damals sei im Abschluss behauptet worden, was die Indien-Deals angehe, seien die „forensischen Untersuchung abgeschlossen und keine Beweise für Bilanzmanipulationen oder Gesetzesverstöße gefunden worden“. In Wirklichkeit aber (so die „FT“ unter Berufung auf KPMG) sei die Untersuchung gar nicht „abgeschlossen“ gewesen, sondern das Anti-Betrugs-Team habe lediglich auf Betreiben Wirecards hin die Arbeit eingestellt und auch keinen Abschlussbericht vorgelegt. „Schlüsselfragen blieben unbeantwortet“, urteilt KPMG.

Was man freilich zur Verteidigung Ernst & Youngs anmerken muss: Um die Akquisitionen in Indien und die in diesem Zusammenhang seit langem kursierenden Vorwürfe von möglichen Interessenskonflikten und einem überhöhten Kaufpreis ging es auch in dem öffentlichen KPMG-Sonderbericht von Ende April. Hier schrieb KPMG, man habe die wirtschaftlich Berechtigten des 340-Millionen-Kaufs nicht ermitteln können. Es gebe aber keine Hinweise, dass „Gesprächspartner“ von Wirecard direkte oder indirekte Verkäufer gewesen sein könnten.

Ernst & Young wollte sich auf Nachfrage von Finanz-Szene auch aufgrund von Verschwiegenheitspflichten nicht gegenüber Finanz-Szene.de äußern.

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