Analyse

Fall Wirecard: Sechs Fragen an den Prüfer Ernst & Young

23. Juni 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Mag sein, dass es dem Banker nur so rausgerutscht ist. Aber: Beim Versuch zu erklären, was die Gespräche mit Wirecard denn so schwierig mache, zog er plötzlich einen Vergleich, der zu diesem Zeitpunkt (Sonntagvormittag) noch nicht wirklich für die Öffentlichkeit bestimmt war: Es sei halt denkbar, dass man es mit einem „deutschen Enron“ zu tun habe – also mit einer oberbayerischen Version des legendären US-Finanzskandals …

Seit gestern ist nun quasi offiziell, was übers Wochenende lediglich geraunt wurde: Sogar Wirecard selbst geht jetzt davon aus, dass die vermissten 1,9 Mrd. Euro „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen“, also vermutlich inexistent sind. Damit rückt nun Ernst & Young (EY) in den Fokus. Also jener Wirtschaftsprüfer, der das „House of Wirecard“ mit seinem vergangene Woche verweigerten Testat zwar zum Einsturz brachte – der die Bilanz  zuvor aber auch jahrelang testiert hatte. Und zwar sogar noch im Frühjahr 2019, als die „Financial Times“ längst schwere Vorwürfe gegen Wirecard erhob.

Auf EY werden nun knifflige Fragen zukommen. Die ersten sechs erlauben wir uns heute schon mal zu stellen. Voilà:

1. Hat Ernst & Young 1 Mrd. Euro testiert, die es gar nicht gab?

Die Wirecard-Sonderprüfung durch KPMG bezog sich schwerpunktmäßig auf 2016-2018. Für diese Geschäftsjahre konnte Wirecard jeweils einen durch EY testierten Jahresabschluss vorlegen. KPMG verweist in seinem Gutachten indes auf „nicht hinreichend nachgewiesene Einzahlungen auf Treuhandkonten im Umfang von rund 1 Mrd. Euro“.

Am Montag hat nun Wirecard mitgeteilt, dass die per Ende 2019 fehlenden 1,9 Mrd. Euro „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit“ inexistent sein dürften. Aus unserer Sicht impliziert diese Auskunft, dass auch für die per 2018 nicht nachgewiesenen rund 1 Mrd. Euro von einer Nicht-Existenz ausgegangen werden muss. Das heißt: EY hat allem Anschein nach Guthaben auf Treuhandkonten im Umfang von 1 Mrd. Euro testiert, obwohl diese Guthaben nicht existent waren. Ist diese Annahme falsch?

2.) Hat Ernst & Young die Existenz und Echtheit von Kontoauszügen und Salden-Bestätigungen ausreichend überprüft?

Laut KPMG-Sonderprüfbericht waren zu den besagten Positionen weder Kontoauszüge noch Banksalden-Bestätigungen vorhanden. Nach unserem Verständnis hat sich EY bei seiner Prüfung des 2018er-Konzernabschlusses auf eine Bestätigung des Treuhänders über die Existenz der Guthaben verlassen. Hätte EY nicht zwingend die Vorlage von Kontoauszügen und Banksaldenbestätigungen verlangen und die entsprechenden Dokumente auf ihre Echtheit hin überprüfen müssen? Warum ist dies unterblieben?

3.) Hat Ernst & Young die Bedeutung der Treuhandkonten unterschätzt?

Die Treuhandkonten werden im Bestätigungsvermerk von EY nicht thematisiert, obwohl ebendort auf besonders wichtige Prüfungssachverhalte hinzuweisen ist. Warum ist dies unterblieben? Hat EY die Bedeutung der Treuhandkonten für das Geschäftsmodell bzw. für die Bilanzen von Wirecard möglicherweise unterschätzt?

4.) Hat Ernst & Young die  Klassifizierung der Treuhandkonten als „Cash-Äquivalente“ kritisch genug hinterfragt?

KPMG übt in seinem Sondergutachten deutliche Kritik am Ausweis der Guthaben auf den Treuhandkonten als „Cash-Äquivalente“. Im Anhang des 2018er-Konzernabschlusses werden die „Cash-Äquivalente“ und deren Charakter indes nicht einmal thematisiert. Hätte EY von Wirecard nicht zumindest nähere Erläuterungen hierzu verlangen müssen?

5.) Was heißt es, wenn Ernst & Young „beurteilt“, „einsieht“ und „abgleicht“?

Zum sogenannten „Drittpartnergeschäft“ schreibt EY in seinem Bestätigungsvermerk (Fettungen unsererseits):

„Für die Einschätzung, ob Wirecard hinsichtlich des Umsatzausweises als Prinzipal oder Agent einzuordnen ist, ist insbesondere von Bedeutung, ob Wirecard die Leistungen aus der Zahlungsabwicklung über die Acquiring-Partner kontrolliert, bevor diese auf die Händler übergehen. Die diesbezügliche Einschätzung der gesetzlichen Vertreter haben wir anhand der vertraglichen Vereinbarungen sowie des Risikomanagementprozesses beurteilt. Zur Beurteilung der Umsatzrealisierung haben wir die Abrechnungen des Acquiring-Partners an Wirecard über die im Rahmen des Acquiring-Geschäfts abgewickelten Transaktionen und die sich daraus ergebenden Transaktionsgebühren und Provisionen eingesehen und mit den zugrundeliegenden Transaktionsnachweisen abgeglichen. […] Aus unseren Prüfungshandlungen haben sich keine Einwendungen hinsichtlich der Bewertung der Forderungen sowie Realisierung und des Ausweises der Umsatzerlöse gegenüber Acquiring-Partnern ergeben.“

In der Wirecard-Ad-hoc von diesem Montag heißt es indes:

„Der Vorstand geht außerdem davon aus, dass die bisherigen Beschreibungen des sog. Drittpartnergeschäfts (Third Party Aquiring) durch die Gesellschaft unzutreffend sind. Die Gesellschaft untersucht weiter, ob, in welcher Art und Weise und in welchem Umfang dieses Geschäft tatsächlich zugunsten der Gesellschaft geführt wurde.“

Frage: Liegt nicht ein Widerspruch darin, das EY „beurteilt“, „eingesehen“ und „abgeglichen“ hat, was möglicherweise in der seinerzeit durch Wirecard beschriebenen Form gar nicht existiert hat?

6.) Hat Ernst & Young eine der besonderen Brisanz des Falles angemessene Sorgfalt walten lassen?

Ganz allgemein gefragt: Hätte EY vor dem Hintergrund der damals bereits veröffentlichten Vorwürfe der „Financial Times“ den 2018er-Konzernabschluss nicht deutlich kritischer überprüfen hinterfragen müssen, als das unserem Eindruck nach im Rahmen der Prüfung geschehen ist (auch wenn das gesamte mögliche Ausmaß etwaiger Bilanzmanipulationen damals noch nicht bekannt war) ?

Finanz-Szene.de hat die Fragen gestern Nachmittag an Ernst & Young übermittelt. Das Unternehmen teilte hierauf mit:

„Vielen Dank für Ihre Fragen. Wir untersuchen alle neuen Informationen in Bezug auf die Jahresabschlüsse von Wirecard und werden alle gebotenen Maßnahmen ergreifen. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir aufgrund unserer berufsrechtlichen Verschwiegenheitspflicht keinen weiteren Kommentar abgeben.“

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