Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Wirecard-Desaster

19. Juni 2020

Von Christian Kirchner

Nochmal ganz simpel: Was ist passiert?

Grob lässt sich die Nachrichtenlage für alle, die nicht den ganzen Tag am Ticker hängen, in sechs relevante Punkte zusammen fassen:

  • Erstens: Wirecard konnte gestern auch beim nunmehr vierten angekündigten Termin (zuvor: 8. April, dann 30. April, dann 4. Juni, dann 18. Juni) keinen testierten Jahresabschluss vorlegen. Er ist unbestimmt verschoben. Denn:
  • Zweitens: Der Abschlussprüfer Ernst & Young habe über Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro „keine ausreichenden Prüfungsnachweise“ erlangt.
  • Drittens spricht Wirecard von „Hinweisen, dass dem Abschlussprüfer von einem Treuhänder bzw. aus dem Bereich der Banken unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken vorgelegt wurden“ – womit Wirecard suggeriert, man sei selbst Opfer eines Betrugs geworden. Daher spricht CEO Braun auch davon, dass man Strafanzeige erstattet habe und erklärt in einer am Abend veröffentlichten, kurzen Videobotschaft: „Es kann derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass die Wirecard AG in einem Betrugsfall erheblichen Ausmaßen zum Geschädigten geworden ist.“
  • Viertens erklärte Wirecard, dass man offenbar unter erheblichem Druck von Banken stehe: Wenn ein testierter Jahres- und Konzernabschluss nicht bis zum 19. Juni 2020 vorgelegt wird, können Kredite der Wirecard AG in Höhe von circa zwei Milliarden Euro gekündigt werden.
  • Fünftens wurden sowohl die Bilanzpresse- (14 Uhr) als auch die Analystenkonferenz am Nachmittag (16 Uhr) kurzfristig abgesagt ohne Ersatztermin
  • Sechstens hat Wirecard am Abend mitgeteilt, dass Vorstandsmitglied Jan Marsalek mit sofortiger Wirkung widerruflich bis zum 30. Juni 2020 von seiner Tätigkeit als Vorstand der Wirecard AG freigestellt werde.

Wie haben die Aktien, wie wie Anleihen von Wirecard reagiert?

Die Wirecard-Aktie beendete den Xetra-Handel mit einem Minus von 62 Prozent bei 39,90 Euro – der tiefste Stand seit Frühjahr 2016. Der größte Tagesverlust eines Dax-Konzerns ist das indes nicht – in den Wirren der Finanzkrise verlor die Hypo Real Estate am 29.09.2008 mit 74 Prozent noch stärker. Der Einbruch hat bei Wirecard aber über acht Mrd. Euro Börsenwert vernichtet – zum Vergleich: die komplette Commerzbank inkl. Comdirect ist mit 4,9 Mrd. Euro nur gut halb so hoch bewertet aktuell.

Wie dramatisch die Lage ist, lässt sich auch am Kursverlust der Wirecard-Anleihe ablesen, die Wirecard im September 2019 mit einer Laufzeit bis 2024 und einem Zinskupon von 0,5% emittiert hatte. Sie verlor gestern 54 Prozent und notiert nunmehr nur noch bei 40,4% des Nennwerts. Das heißt, sie hat aktuell eine Rendite von 36 Prozent pro Jahr – sollte Wirecard Zins und Tilgung zahlen. Zum Vergleich: Eine Dollar-Anleihe der Republik Venezuela mit Laufzeit bis 2034 bringt aktuell 31 Prozent Rendite pro Jahr ein.

Wer gehört – neben Wirecard und seinen Anlegern – zu den Verlierern?

Natürlich Ernst & Young, das sich fragen lassen muss, ob man beim Testat für das Jahr 2018 und zuvor mit der nötigen Sorgfalt vorgegangen ist. Denn der Druck, extrem genau hinzuschauen kam erst mit dem KPMG-Sonderbericht am 29. April auf. Hintergrund: Wirecard hatte die erste Verschiebung des Jahresberichts auf den 30. April einst mit der längeren Dauer des KPMG-Sonderberichts erklärt, der natürlich berücksichtigt werde.

Warum die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung keinen Anstoß an den Bilanzen nahm, dürfte ebenfalls noch zu klären sein, auch Analysten hatten noch bis vor wenigen Wochen  Kursziele zwischen 95 und bis zu 240 Euro (Baader) und gar 270 (!) Euro (Hauck & Aufhäuser) aufgerufen und einen derartigen Schock kollektiv nicht auf dem Zettel.

Unangenehmen Fragen muss sich auch die Finanzaufsicht Bafin stellen: Auf die ersten kritischen Berichte in der „Financial Times“ im Januar und Februar 2019 reagierte die Bafin mit einem Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien. Damals berief sich die Aufsicht darauf, dass die Ereignisse oder Entwicklungen eine „ernstzunehmende Bedrohung für die Finanzstabilität oder das Marktvertrauen in Deutschland“ darstellen können. Ferner zitiert die Bafin „negative Presseberichte“, die zeitlich zusammenfielen mit verstärkten Netto-Leerverkaufspositionen. Viele Investoren empfanden das Leerverkaufsverbot als Urteil der Bafin, wer denn hier die Bösen seien – nämlich die Leerverkäufer und kritische Medien.

Spätestens seit gestern ist aber deutlich: Eine Bedrohung für die Finanzstabilität und das Marktvertrauen waren nicht die kritischen Berichte und Leerverkaufspositionen – sondern ganz offensichtlich die Tatsache, dass Wirecard mit katastrophaler Bilanzqualität und mangelnder Governance bis in den Dax durchmarschieren konnte. Der Finanzplatz Deutschland ist damit auch unstrittig ein Verlierer, er hat einen handfesten Reputationsskandal. Investoren werden sich fragen, ob angesichts des laschen Umgangs von Prüfern, Aufsicht, Analysten und letztlich auch Investoren mit einem Dax-Konzern ein Börsengang oder Notiz in Deutschland ein Gütesiegel ist. Geholfen hat der Skandal allen Neo-Banken, Neo-Brokern oder Fintechs mit Börsenplänen in Deutschland jedenfalls nicht.

Wer gewinnt?

Die „Leerverkäufer“ lagen richtig – sie haben in diesem Jahr mit dem gestrigen Kurssturz nach Berechnungen des Datenanbieters S3 Partners nunmehr einen Gewinn von 2,1 Mrd. Euro erzielt, größtenteils am gestrigen Tag.

Die „Financial Times“, die mit einer Serie kritischer Artikel nie nachließ (siehe hier, hier, hier und hier) und im Oktober 2019 den Finger in jene bilanzielle Wunde legte, die nun ganz konkret zum fehlenden Testat beigetragen hat: Der unklaren Herkunft der Gewinne und dubiose Drittparteien.

Gut weg kommt auch der von Wirecard selbst beauftragte Sonderprüfer KPMG, der im April trotz offenbar erheblichem Zeitdruck und mangelnder Kooperationsbereitschaft des Managements einen kritischen forensisch begründeten Sonderbericht ablieferte – und der Ernst & Young die Mängel offenlegte, die es gesondert zu prüfen gilt.

Was macht den Fall so irre?

Aus der Pflichtmitteilung geht hervor, dass der Konzern – ein Dax-Konzern! – Bankguthaben von einem Viertel seiner Konzernbilanzsumme „vermisst“. Der Ablauf der Ereignisse legt zudem nahe, dass Wirecard unter der Führung von CEO Markus Braun seit Monaten auf Zeit gespielt hat, zuzugeben, dass in der eigenen Bilanz heilloses Durcheinander herrscht und der Verbleib von Milliardensummen unklar ist – und das buchstäblich bis zur allerletzten Minute. Denn den gestrigen Tag hatten Optimisten wie Pessimisten zum „Tag der Entscheidung“ deklariert.

Hintergrund: Der Bilanz 2019 kam besondere Bedeutung zu, weil der Wirtschaftsprüfer KPMG im Zuge einer von Wirecard selbst beauftragten Sonderprüfung Ende April zu einem in großen Teilen vernichtenden Urteil über die Nachweisbarkeit von Umsätzen, Guthaben und vor allem der Kooperationsbereitschaft des Managements in der Aufklärung der Sachverhalte kam.

Zuvor hatte Wirecard aber in zwei Mitteilungen vorab signalisiert, dass die Sonderprüfung soweit keinerlei Unstimmigkeiten zu Tage gefördert habe – was wiederum die Finanzaufsicht Bafin auf den Plan rief, die diesen Sachverhalt an Ermittler übergab und am 5. Juni die Geschäftsräume von Wirecard durchsuchen ließ. Ermittelt wird gegen alle Wirecard-Vorstände wegen des Verdachts der Marktmanipulation.

Die Taktik, der Öffentlichkeit zu signalisieren, dass soweit alles in Ordnung und auf dem Weg sei, hat Wirecard aber nach dem KPMG-Deasaster (der die Aktie am 28. April um 26 Prozent einbrechen ließ) in Zusammenhang mit dem Jahresbericht noch einmal angewandt: Am 25. Mai, bei der seinerzeit dritten Verschiebung der Vorlage des Jahresabschlusses auf den gestrigen 18. Juni, erklärte Wirecard in der entsprechenden Pflichtmitteilung: „Im Rahmen der abgeschlossenen Teile der Prüfungshandlungen wurden Wirecard bisher keine wesentlichen Feststellungen bekannt gemacht. Es wurden jedoch noch nicht alle Prüfungshandlungen abgeschlossen.Das Unternehmen erwartet ein uneingeschränktes Testat.“

Was sagen die einstigen Wirecard-Großaktionäre Union Investment und DWS?

Beide Asset Manager hatten nach Aufkommen der Vorwürfe in der „FT“ signifikante Positionen aufgebaut (siehe hier) und zeitweise meldepflichtige Schwellen von 3 Prozent (Union) und 5 Prozent (DWS) überschritten. Der DWS Deutschland-Fonds von Tim Albrecht hielt nach einer deutlichen Reduktion Ende April per Ende Mai noch 4,4% des Fondsvermögens in Wirecard – immer noch eine deutliche Übergewichtung gegenüber dem Vergleichsindex.

„Die DWS hat über die letzten Monate ihre treuhänderisch gehaltene Position in Wirecard-Aktien sukzessive reduziert. Per Marktschluss 17. Juni 2020 hatte die DWS ihre Position bereits um ca. 60 Prozent reduziert. Aktuell halten wir keine materiellen Positionen in aktiv gemanagten Fonds mehr. Nach der heutigen Nachrichtenlage kommen wir unserer treuhänderischen Verpflichtung unverändert nach. In diesem Zusammenhang analysieren wir die Faktenlage und prüfen die Einleitung rechtlicher Schritte“, hieß es gestern in einer Stellungnahme seitens der DWS.

„Wir haben unseren Aktienanteil an Wirecard in den vergangenen Wochen drastisch reduziert. Schon vor dem heutigen Tag lag er bei unter 0,1 Prozent (der ausstehenden Wirecard-Aktien)“, sagte Andreas Mark, Fondsmanager bei Union Investment. Ferner prüfe man eine mögliche Beeinträchtigung von Anlegerinteressen und die Einleitung rechtlicher Schritte gegen Wirecard, wie die Union Investment am Abend twitterte. 

Fliegt Wirecard jetzt aus dem Dax?

Der Verbleib ist latent bedroht – allerdings nicht wegen des noch nicht vorgelegten Jahresabschlusses. Aber ein Unternehmen muss den Dax verlassen, wenn es bei den regulären Überprüfungsterminen (der nächste ist Anfang September) nicht mehr zu den nach Börsenumsatz und Marktkapitalisierung 40 größten Konzernen Deutschlands gehört und es einen geeigneten Nachrücker gibt, der hier auf mindestens Rang 35 kommt. Gehört es nicht mehr zu den Top 45 bei Umsatz und Marktkapitalisierung, kann auch ein sofortiger Rauswurf erfolgen.

In Sachen Umsatz gehört Wirecard laut letzter offizieller Dax-Rangliste vom 4. Juni (siehe hier) zu den liquidesten Werten des Dax. Nach dem gestrigen Kursrutsch beträgt der Börsenwert allerdings nur noch 4,8 Mrd. Euro. Das würde allerdings für einen Verbleib im Dax knapp reichen, denn die Region für einen „Zwangsabstieg“ liegt laut Finanz-Szene.de-Berechnungen aktuell ungefähr bei 4 Mrd. Euro Börsenwert. Nachrücker stünden in Abhängigkeit von der kurzfristigen Kursentwicklung bereit mit Symrise, Zalando und Delivery Hero.

Und wie geht es jetzt weiter?

Wirecard hat sich gestern nur in drei Pflichtmitteilungen geäußert, zuletzt am Abend mit der Personalie des freigestellten Vorstands Marsalek. In einer gut zweiminütigen Videobotschaft wiederholte man am Abend die Inhalte der Mitteilungen.

Fragen und Antworten stellte sich Wirecard nicht – wann Wirecard wieder in den Dialog treten will über die Lage, ist völlig offen. Im Raum steht auch die Frage, wieso der Konzern erneut bis zur letzten Minute gewartet hat, die unangenehme Wahrheit über den Dialog mit dem Wirtschaftsprüfer herauszurücken – es sei denn, man glaubt Wirecard, dass man vom Ausmaß der Probleme erst am Donnerstag früh erfuhr. Als sich Finanz-Szene.de jedenfalls um 8:16 Uhr telefonisch bei der Investor Relations Abteilung erkundigte, ob die auf dem Kurznachrichtendienst Twitter gepostete eMail-Antwort von Wirecard stimme, laut dem der Jahresbericht im Laufe des Vormittags veröffentlicht werden solle, lautete die Antwort: ja.

Der nächste „Spin“ der Geschichte wird sein: Ist Wirecard selbst Opfer eines Betrugs geworden, wie zumindest die heutige Mitteilung nahelegt? Oder hat man am Ende selbst betrogen? Angesichts der Dynamik der Ereignisse dürfte die Klärung dieser Fragen eher Tage denn Wochen dauern.

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