Deep Dive

Girocard gegen den Rest der Welt: Die große Analyse zum deutschen Kartenmarkt

13. April 2021

Christian Kirchner

Sechs Monate ist es her, dass wir die Fragen aufwarfen, ob jetzt der „Häuserkampf gegen die Girocard“ beginne. Schaut man sich an, was seitdem passiert ist, muss die Antwort lauten: Nein, der Häuserkampf hat nicht nur begonnen. Er ist in vollem Gange:

Kein Zweifel: Während es anfangs lediglich die Challenger-Banken, die die Girocard ignorierten und stattdessen konsequent auf die Debitkarten von Mastercard (N26) oder Visa (Solarisbank) setzen, so stellen Inzwischen auch klassische Direktbanken und sogar die ein oder andere Filialbank die Girocard offen infrage. Erleben wir also die große Zeitenwende im deutschen Kartenmarkt? Oder wirkt der Trend machtvoller, als es in Wirklichkeit ist? Und vor allem: Was sagen die Kunden – und damit die Zahlen?

1. Der Durchbruch der Kreditkarte (von Visa und Mastercard)

Es ist eine eindrucksvolle Wachstumsgeschichte: Zwischen 2010 und 2019 ist die Zahl der ausgegebenen Kreditkarten in Deutschland im Schnitt um 1,3 Millionen pro Jahr gestiegen. Insgesamt lag sie zuletzt bei rund 37 Millionen. Befeuert wird die Entwicklung von mehreren Beteiligten:

  • den Banken, die Kreditkarten herausgeben: Diese lockt die (im Vergleich zur Girocard etwas höhere) Interchange-Gebühr, die sie einstreichen, wenn der Kunde die Karte einsetzt. Zudem brauchen Kunden, die häufiger mit Karte zahlen, weniger Bargeld – das senkt die Kosten.
  • den Kunden: Kreditkarten können sie – anders als die tradierte Girocard, von denen rund 100 Millionen kursieren – auch im Ausland sowie online nutzen.
  • den Anbietern: Vor allem die beiden größten Konzerne Mastercard und Visa liefern sich einen harten Kampf um die Gunst der einzelnen Bank wie auch der Kunden. Dabei hat Visa in den vergangenen Jahren in Deutschland einen massiven Rückstand aufholt: Hatte man 2016 noch 14 Millionen Kreditkarten vs. gut 22 Millionen bei Mastercard, so lag man dann Ende 2019 gleichauf mit Visa bei rund 17 Millionen. Anfang Februar schlug Mastercard dann mit einem Mega-Deal mit der Deutschen Bank zurück (siehe hier)

Klar ist, dass der klassischen „Charge“-Kreditkarte, bei der die Rechnung meist monatlich liquidiert wird, Grenzen gesetzt sind: Nicht alle Kunden bringen die nötige Bonität mit. Die Lösung ist – insbesondere zur Begrenzung des Risikos – die Debitkarte, bei der offene Beträge sofort von einem Referenzkonto abgebucht werden. Es ist vor allem diese Spielart der Kreditkarte, die in der jüngeren Vergangenheit stark an Verbreitung gewonnen hat.

2. Der Aufstieg der Debitkarte (ebenfalls von Visa und Mastercard?

Der Versuch der großen US-Kreditkartenanbieter, den deutschen Markt mit Debitkarten zu erobern, lässt sich in drei Phasen unterteilen:

  • In der ersten Phase statteten Mastercard und Visa die Girocards der herausgebenden Bank mit Co-Badge-Lösungen aus; Mastercard begann mit seinem „Maestro“-System schon in den frühen 90er-Jahren, Visa zog mit „V-Pay“ Mitte der Nullerjahre nach. Damit war zumindest schon einmal die Nutzung der Karten an Geldautomaten im Ausland sichergestellt, wenngleich auch gegen (in der Regel sehr hohe) Gebühren.
  • In der zweiten Phase ab etwa 2015 paktierten die beiden Konzerne eng mit den neu aufkommenden Neobanken. Es war eine Win-Win-Situation: Die Kreditkartenanbieter wollten mit ihren Debits zum bevorzugt benutzten Produkt werden („Top of wallet“), und das bei einer im Vergleich zum Gesamtmarkt attraktiven Zielgruppe (jünger, mobiler, online- und digitalaffiner). Und die Neobanken schielten auf die Erlöse aus den Kooperationen und dem Einsatz der Karten. Dabei legten sie Wert auf simple Lösungen mit nur einer Karte, ohne sich mit dem Risikomanagement befassen zu wollen, das Charge-Kreditkarten erfordern. Im Ergebnis erhoben fast alle relevanten Neobanken in Deutschland die Debitkarte zum Standard, egal ob N26, Kontist, C24, Revolut, Holvi, Penta oder Tomorrow.
  • In der dritten Phase seit 2020 gehen Mastercard und Visa auch auf etablierte Banken zu, die bereits seit Jahren klar definierte Kartenportfolios haben – und schließen Deals, durch die Debitkarten ergänzend aufgenommen werden oder gleich ganz zum präferierten Produkt avancieren.

3. Welche Banken haben die Debitkarte (neu) im Angebot?

Vertrieb und Marketing der Kreditkartenriesen haben ganze Arbeit geleistet, wie die Meldungen der vergangenen Monate beweisen:

  • Die Commerzbank nahm eine (virtuelle) und kostenlose Mastercard Debit im Juni 2020 ins Portfolio auf, um einen Workaround für Apple Pay zu schaffen
  • Im August gab die Oldenburgische Landesbank bekannt, fortan nur noch mit Mastercard zusammenzuarbeiten. Jeder Kunde (!) erhält unaufgefordert eine Mastercard Debitkarte. Zunächst fungiert sie nur als Erweiterung des Portfolios, doch perspektivisch werden bestehende Giro- und Kreditkarten ersetzt.
  • Im November verkündete die HVB, ihren rund 2,5 Millionen Kunden mit Girokonten optional und vor allem gebührenfrei eine Debitkarte von Visa anzubieten. In diesem Fall bleibt die Girocard Standard.
  • Im Februar wurde bekannt, dass die DKB erwägt, ihr bisheriges Doppel aus Girocard und klassischer Kreditkarte mit einem Modell abzulösen, in dem eine Debitkarte von Visa der (kostenlose) Standard ist und Girokarte & klassische Kreditkarte die (kostenpflichtige) Extraleistung. Werden die Pläne umgesetzt, wäre dies der weitreichendste Umbau eines Portfolios hierzulande – bei einer Bank, die von aktuell 4,5 Mio. Kunden auf 8 Mio. Kunden im Jahr 2024 zulegen will.
  • Fast gleichzeitig gab die Comdirect kund, all ihren Kunden unaufgefordert eine Debitkarte von Visa zu schicken und diese zum „Top-of-Wallet“-Produkt zu machen; die Girocard gibt es künftig nur noch auf Wunsch.
  • Bei der C24 Bank gibt es auch sechs Monate nach dem Marktstart keine Girocard, nicht einmal optional – was auch heißt (wie uns auch Check24-Chef Christoph Röttele im aktuellen Podcast dem Sinn nach bestätigte), dass die bisherigen Analysen nicht ergeben haben, dass die Girocard unverzichtbar sei. Genau das wollte Check24 „am Markt“ prüfen.

4. Giro-, Kredit- oder Debitkarte: Was die Kunden bevorzugen

Gemessen an der Verbreitung in absoluten Zahlen (Gesamtmarkt in Deutschland: 162 Millionen Karten) kommt die Girocard per Ende 2019 auf einen Marktanteil von 62%. Den Rest teilen sich Kreditkarten (32%) und Handelskarten (5%). Zwar ist der Anteil der Girocard in den vergangenen zehn Jahren graduell gesunken (2010 lag er noch bei 70%), doch von einem echten Verschiebung der Kräfteverhältnisse kann keine Rede sein. Und in der Gruppe der Kreditkarten dominieren weiter die traditionellen Charge-Karten (32 Millionen Stück) vor den Debitkarten (11 Millionen) sowie den Prepaid- und Kreditfunktionskarten (10 Millionen).  Das geht aus Zahlen der  PaySys Consultancy GmbH hervor.

Gemessen an den Bezahlvorgängen, ergeben sich ähnliche Verhältnisse. So entfielen nach den Zahlen des Einzelhandelsverbands HDE für 2019, bezogen auf einen Gesamtumsatz von damals 544 Mrd. Euro, rund 50% auf Kartenzahlungen – und davon etwa 67% auf die Girocard. Nur 15% der Kartenzahlungen wurden mittels Kreditkarten abgewickelt, gerade einmal 2% mittels Debitkarten. Ähnlich die Verhältnisse bei der Zahl der Transaktionen: Dort entfielen 68% auf die Girocard, 15% auf Kreditkarten und nur 2% auf Debitkarten. Allerdings ist die Beschäftigung mit Umsatzzahlen und E-Commerce-Transaktionen immer auch eine Statistikschlacht.

5. Hat Corona den Markt umgekrempelt?

„Umgekrempelt“ wäre zu viel gesagt. Die Pandemie, der sinkende Anteil von Bargeldtransaktionen und der damit einher gehende Boom des kontaktlosen Kaufs hat Karten zwar einen Schub verpasst, doch das gilt – wie es aussieht – für alle Karten. So meldete die Girocard für 2020 ein Plus von 22% bei den Transaktionen und von 12% beim Umsatz. Allen Beschränkungen zum Trotz (kein Einsatz online, Einsatz im Ausland nur als Co-Badge) scheint sich der Klassiker auch weiterhin einiger Beliebtheit zu erfreuen.

Einen spannenden Datenpunkt liefert die ING Deutschland, die ihren rund drei Millionen Girokonto-Kunden grundsätzlich eine Girocard sowie eine Debitkarte von Visa bereit stellt und schon Zahlen zu deren Nutzung im Boomjahr 2020 vorgelegt hat.

Insgesamt legte das Transaktionsvolumen aus Kartenzahlungen um 10% zu. In absoluten Zahlen betrug das Plus 1,4 Mrd. Euro, dieses verteilte sich mit je 0,7 Mrd. Euro zu gleichen Teilen auf Girocard und Debitkarte. Weil die Girocard von einem höheren Niveau kommt, fiel ihr Anstieg relativ betrachtet leicht schwächer aus (+9%) als der Anstieg der Debitkarte (+12%). Schon deutlicher ist der Unterschied bei der Zahl der Transaktionen: Da legte die Girocard um 16% zu – und die Debitkarte um 32%.

Und was ist mit dem boomenden E-Commerce, in dem die Girocard schon per se keine Rolle spielt? 2020 kam der Online-Absatz nach jüngsten Zahlen des HDE trotz allen Wachstums nur auf einen Anteil von 12,5% gemessen am Gesamtumsatz des Handels von 577 Mrd. Euro. Auf den ersten Blick wird die Schlacht um die Kunden und ihren Karteneinsatz also wird noch immer an einem Point of Sale geschlagen. Und selbst wenn die Kunden online einkaufen, zahlen sie laut HDE nur bei 10,5% aller Transaktionen mit Kreditkarte (weit hinter der klassischen Rechnung, Paypal oder der Lastschrift).

Allerdings lassen die HDE-Zahlen andere Online-Transaktionen außer Acht, etwa das Bezahlen von Fahrkarten (Bahn!), Übernachtungen (Airbnb!) oder digitalen Gütern (Netflix!). Wie erwähnt: Eine Statistikschlacht.

6. Ein mögliches Schlachtfeld: Der Geldautomat

Nun läge der Gedanke nahe, dass eine debitbasierte Co-Badge-Lösung – eine Girocard mit den Funktionalitäten einer Debitkarte – die beste aller Welten darstellen müsste. Sie verbände die Kundentreue zur Girocard mit den gewünschten zusätzlichen Funktionalitäten einer Debitkarte (online, Ausland). Und tatsächlich haben einige Sparkassen genau eine solche Lösung entweder schon umgesetzt oder in Planung (auch wenn sie bisher nur sehr zögerlich ins Angebot aufgenommen wurde, siehe unseren Artikel „Sparkassen verschmähen Girocard mit Mastercard-Co-Badge“ neulich).

Nur gibt es aus Kundensicht aber mehrere Haken: Völlig ohne Cash geht’s in Deutschland oft immer noch nicht. Und an Geldautomaten können sie in Deutschland nicht automatisch wählen, welche Funktion der Doppelkarte sie denn nutzen möchten – die Girokarte der deutschen Kreditwirtschaft oder die Debitkarte der US-Kreditkartenhäuser? Sie bekommen diese Entscheidung abgenommen. „Eine Anwendungsauswahl bei Geldautomaten ist – im Gegensatz zum POS – (…) nicht vorgesehen. Grundsätzlich steht es allen Geldautomaten-betreibenden Kreditinstituten frei zu entscheiden, welche Karten und damit auch welche Akzeptanzmarken sie an ihren Geldautomaten akzeptieren. Die DK beschreibt die Standards – die Institute entscheiden über die Akzeptanz“, heißt es bei der Deutschen Kreditwirtschaft. Ähnlich bei der Arbeitsgemeinschaft Geldautomaten. „Das kartenausgebende Institut nimmt die Priorisierung laut Geldautomaten-Vereinbarung der Deutschen Kreditwirtschaft (DK) vor. Nicht der Geldautomaten-Betreiber“, sagt Kersten Trojanus, ihr Vorsitzender und Sprecher.

Auch virtuelle Karten – wie sie nun etwa bei N26 der kostenlose Standard sind, während eine physische Karte einmalig kostet (siehe hier) – sind auch keine Lösung: NFC-Funktionen an Geldautomaten sind eine Rarität und häufig deaktiviert (wer einen kennt: bitte melden!)

Gut möglich, dass die Girocard des eigenen Verbunds – Sparkassen, Cash-Pool oder Cash Group – noch ein Weilchen unersetzlich ist.

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