Kurz gebloggt

Ist der Appendix zum KPMG-Report wirklich das Schlüsseldokument?

6. Juli 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Um mal ein bisschen „Expectation management“ zu betreiben: Wir sind ein kleiner, harmloser Finanz-Newsletter, was impliziert, dass wir manche Zugänge, die wir gerne hätten, dann eben doch nicht haben. Oder anders gesagt: Der sagenumwobene, angeblich 232-seitige, unveröffentlichte Appendix zum KPMG-Prüfbericht von Ende April liegt uns nicht vor. Was uns aber natürlich nicht davon abhält, jeden Morgen brav Zeitung zu lesen. Und so lasen wir also letzte Woche, dass in dem Anhang unter anderem von fragwürdigen Kreditgeschäften in Asien und von umfänglichen Geldtransfers an eine Briefkastenfirma auf Mauritius die Rede sei – bevor wir dann diese Woche lasen, aus dem Appendix gehe des weiteren hervor, dass Wirecard im Kerngeschäft schon seit Jahren defizitär gearbeitet habe …

Halten wir mal kurz fest: Am 28. April wurde der eigentliche KPMG-Prüfbericht veröffentlicht; der Aufsichtsrat indes dürfte zum damaligen Zeitpunkt natürlich nicht nur den publizierten Teil, sondern auch den nicht-publizierten Anhang gekannt haben. Sprich: Als Wirecards AR-Chef Thomas Eichelmann dem „Handelsblatt“ am 30. April sein „Ich halte aus heutiger Sicht alle Aufgaben für lösbar“-Interview gab und als er in jenen Tagen die halbe Deutsche Börse AG (okay, es waren dann doch „nur“ Frau Stars und Herr Freis …) nach Aschheim lockte, da tat er das mit ziemlicher Sicherheit in Kenntnis des 232-Seiten-Konvoluts …

… was eigentlich nur drei Interpretationen zulässt: a) Die Wirecard-Aufsichtsräte waren zu faul zum Lesen; b) Sie waren zu diesem Zeitpunkt endgültig von allen guten Geistern verlassen; oder c) Der Appendix liest sich als Ganzes vielleicht doch nicht so viel krasser als der eigentliche Prüfbericht. Wobei der sich ja bekanntlich schon krass genug las. Aber: Den eigentlichen Prüfbericht konnten ja nicht nur die Wirecard-Aufsichtsräte lesen. Sondern genauso Frau Stars und Herr Freis und jeder Investor und jeder Analyst und jeder Journalist und jeder anderweitig Interessierte da draußen.

Was also ist das Schlüsseldokument? Der unveröffentliche Bericht – oder dann doch eher der veröffentlichte?

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