Ist die Deutsche Bank für ihr Payment-Comeback gerüstet?

25. Februar 2021

Von Heinz-Roger Dohms

Zu den vielen fragwürdigen Entscheidungen, die die Deutsche Bank im Laufe der Jahre getroffen hat, gehört zweifellos auch der Rückzug aus der händlerseitigen Zahlungsabwicklung. Noch mal zur Erinnerung: 2002 wurde die Tochter Easycash an die damalige GZS verkauft; 2012 folgte die Veräußerung der Deutschen Card Services an EVO Payments; 2015 ging die P.O.S. Transact (also das Acquiring-Geschäft der Postbank) ebenfalls an EVO; und 2017 stieß die Deutsche Bank schließlich auch noch ihre Beteiligung an Concardis ab.

Während rechts und links die Stripes und Squares und Adyens und (ja, ja …) auch die Wirecards emporschossen, hatte die Deutsche Bank dem Acquiring und Payment Service Providing still und leise abgeschworen. Kein Kerngeschäft mehr. Und nicht mal mehr Randgeschäft.

Doch nun – folgt, wie zuletzt bereits angedeutet und gestern auch offiziell verkündet, die 180-Grad-Wende: Die Deutsche Bank will wieder Bezahllösungen für Händler anbieten. Um das Comeback zu forcieren, hatte das größte Geldhaus der Republik nach Finanz-Szene.de-Informationen zuletzt sogar eine mögliche Übernahme ausgelotet. Stattdessen will man nun erst einmal organisch in das neue, alte Geschäft hineinwachsen.

Bleibt zu klären: Was plant die Deutsche Bank genau? Wo sieht sie ihre Marktlücke? Und kann die das überhaupt noch? Unsere FAQ:

Einmal ganz kurz: Worum geht es eigentlich?

Die Deutsche Bank nennt ihr neues Geschäftsfeld „Merchant Solutions“ und meint damit das Akzeptanzgeschäft mit Händlern („Acquiring“) und die zugehörige Zahlungsabwicklung („Payment Service Providing“). Dabei handelt es sich ursprünglich um zwei verschiedene Disziplinen, die im Laufe der vergangenen Jahre aber immer weiter zusammengewachsen sind und von klassischen Zahlungsdienstleistern wie Worldline oder Concardis ebenso wie von Payment-Fintechs wie Adyen längst aus einer Hand angeboten werden.

  • „Acquiring“ bedeutet: Ich versetze meinen Kunden (also den „Merchant“) in die Lage, Kreditkartenzahlungen v.a. mit Visa und Mastercard abzuwickeln und übernehme als Bank dabei auch das entstehende Ausfallrisiko
  • „Payment Service Providing“ bedeutet: Ich ermögliche dem Händler, dass dieser seinen Endkunden auch weitere Bezahlarten wie Girocard, Paypal oder Rechnungskauf anbieten kann. Hier geht vor allem um die technische Abwicklung

Warum ist die Deutsche Bank aus diesem Geschäft einst ausgestiegen?

In klassischen „Point of Sale“-Zeiten galten Banken oder bankennahe Spieler als natürliche Zahlungsabwickler für ihre Geschäftskunden (in Kombination mit klassischen Terminalherstellern wie z.B. Ingenico). Mit dem Aufstieg des E-Commerce entdeckten dann aber digitale Player wie Stripe, Adyen oder hierzulande Wirecard, Payone oder Heidelpay das Geschäft für sich. Die Banken gerieten technologisch ins Hintertreffen und verkannten das betriebswirtschaftliche Potenzial des Payment-Booms. Inzwischen versuchen ursprüngliche E-Commerce-Spezialisten wie Adyen oder Unzer (also die frühere Heidelpay) als Omnichannel-Anbieter auch den physischen „Point of Sale“ zu erobern.

Warum kehrt die Deutsche Bank nun zurück?

Gute Frage. Bei der gestrigen Präsentation der Pläne hob die Deutsche Bank vor allem auf das (zweifellos gegebene) Marktpotenzial ab. So wachse der Markt für globale Nicht-Bargeld-Zahlung mit durchschnittlich 12% pro Jahr und werde 2023 ein Niveau von fast 1.100 Milliarden Dollar (verglichen mit gut 750 Mrd. Dollar in 2020) erreichen. Die stärksten Zuwächse kämen zwar aus Asien, aber auch der europäische Markt werde „positiv überraschen“. Offenbar glaubt die Deutsche Bank, die sich bei ihrem Payment-Comeback zunächst auf die DACH-Region konzentrieren will, hiervon einen Teil herausschneiden zu können.

Auf welche Kundengruppe zielt die Deutsche Bank?

Im Kern will sich die Deutsche Bank auf ihre rund 800.000 Business-Banking-Kunden in der DACH-Region konzentrieren, darunter auch viele klassische „Merchants“. Das Problem: Viele dieser Geschäftskunden haben natürlich längst einen (oder auch zwei) Zahlungsabwickler – es ist darum nicht unbedingt zu erkennen, warum diese das Geschäft auf die Deutsche Bank übertragen sollen, selbst wenn das ihre Hausbank ist. Branchenexperten geben zudem zu bedenken, dass das „Merchant Acquiring“ auch eine Frage der Sales-Power sei. Reine Zahlungsabwickler wie Unzer beackern den Markt mit regelrechten Verkaufstrupps. Fraglich, ob eine klassische Bank mit ihren komplett anders gelagerten Vertriebsstrukturen dagegen anstinken kann.

Natürlich sieht die Deutsche Bank dieses Problem auch selbst. Sie will darum nehmen den klassischen „Merchants“ auch neue Kundengruppen ansprechen. Zum einen sind das Unternehmen, die eigentlich auf den B2B-Verkehr spezialisiert sind, mit einzelnen ihrer Produkte aber auch zunehmend die Endkunden direkt ansprechen und dafür nun Möglichkeiten der Zahlungsabwicklung installieren wollen. Und zum anderen? Setzt die Deutsche Bank auf zunehmende Verbreitung von Marktplatz-Modellen. Wenn wir es richtig verstehen, will das Geldhaus ihr Corporate-Kunden bei der Etablierung solcher Modelle unterstützen und dann selbst die Zahlungsabwicklung übernehmen.

Was kann die Deutsche Bank, was Adyen oder Stripe nicht können (I)?

Das ist die nächste gute Frage. In ihrer Präsentation gestern bemühte sich die Deutsche Bank, die Rückkehr ins Acquiring wie eine sozusagen natürlich Ergänzung ihrer sonstigen Geschäftsfelder erscheinen zu lassen:

  • Als Retailbank decke sie 10% der deutsche Issuing-Markts ab (sprich: die Karten, die die Deutsche Bank bzw. die Postbank für ihre Millionen von Endkunden herausgeben) …
  • Als Corporate-Bank sei sie – was ja auch ohne Zweifel stimmt – ein großer Player in der großvolumigen Zahlungsabwicklung (etwas fachspezifischer ausgedrückt: Es geht um Stichwörter  wie „Treassury Solutions“ oder „Clearing & Settlement Service“ …

… warum also solle sie diese Kompetenz also nicht auch auf das gewissermaßen dazwischen liegende Feld „Merchant Solutions“ ausweiten.

Wer’s an dieser Stelle gern ein bisschen plastischer hätte, den verweisen wir auf unseren Artikel „Warum die Deutsche Bank im Payment die Hilfe der Volksbanken braucht“ von Ende November. Darin hatten wir am Beispiel des Payment-Projekts von Deutscher Bank und Eintracht Frankfurt beschrieben, warum das größte Geldhaus hierzulande zwar im Issuing schon wieder ein ernstzunehmende Player ist – im Acquiring allerdings (zu diesem Zeitpunkt) noch nicht.

Was kann die Deutsche Bank, was Adyen oder Stripe nicht können (II)?

Also, tatsächlich betont die Deutsche Bank, dass sie als das, was sie ist (also als Bank mit starkem Fokus auf Themen wie Clearing oder Settlement) durchaus auch Fähigkeit mitbringe, die digitalen Player so nicht haben – und dass sich durchaus auch Vorteile für das Merchant-Geschäft herleiten würden. Mag sein, dass das so ist. Können wir nicht beurteilen.

Was hingegen kaum zu leugnen sein dürfte: Auch darüber hinaus sollte die Deutsche Bank den ein oder anderen, zumindest kleinen USP mitbringen, um als Herausforderer der einstigen Herausforderer wirklich Terrain erobern zu können.

Hier nun hob die Deutsche Bank gestern auf das Stichwort „SoftPOS“ ab. Damit sind Zahlungen direkt von Handy zu Handy gemeint, wobei das eine Handy dem Kunden und das andere dem Händler gehört. Spricht: Es braucht kein Terminal mehr. Und nicht mal mehr ein Mini-Terminal, wie es in den USA von Square und hierzulande von SumUp etabliert wurde. Sondern: Das Händler-Handy selbst ist das Terminal. Natürlich ist die Deutsche Bank nicht der einzige Player, der das Thema auf dem Zettel hat. Aber: Sie glaubt, im Laufe des Sommers mit einer Lösung auf den Markt kommen zu können, die andere so dann noch nicht haben.

Ein Schritt zurück: Beherrscht die Deutsche Bank denn überhaupt noch die Basics?

Hier muss man zwischen der regulatorischen und der technischen Seite unterscheiden:

  • Regulatorisch: Als Bank darf die Deutsche Bank all das, was die reinen Payment-Player da draußen auch dürfen. Sie kann also problemlos von heute auf morgen ins Acquiring zurückkehren, ohne die Bafin um Erlaubnis bitten zu müssen, braucht also keine speziellen Payment-Lizenzen oder ähnliches. Das gilt übrigens auch für den Umgang mit den Karten-Schemes. Als großer Kreditkarten-Issuer darf die Deutsche Bank auch die entsprechenden Acquiring-Lösungen anbieten, vonseiten Visa und Mastercards gibt es da keinerlei neue Auflagen (so jedenfalls haben wir es gestern verstanden). Dasselbe gilt z.B. für die Abwicklung von Girocard-Zahlungen. Auch das darf die Deutsche Bank aus dem Stand heraus tun, braucht also (anders als es bei den Point-of-Sale-Plänen von Adyen und Unzer der Fall) nicht erst eine entsprechende Netzbetreiber-Erlaubnis.
  • Technisch: Hier liegen die Dinge ein bisschen anders. Eine konkurrenzfähige Acquiring- und PSP-Lösung besteht heutzutage aus diversen Komponenten (im englischen Fachjargon: Gateway, Processing, Billing, Collecting, Invoices etc.). Hier hat die Deutsche Bank in den letzten Monaten vieles erst einmal bauen müssen bzw. teilweise baut sie immer noch

Wann geht’s los?

Mit der „Soft POS“-Lösung für kleine Händler soll es erklärtermaßen im dritten Quartal losgehen (bis dahin leitet die Deutsche Bank entsprechende Anfragen von Kunden weiterhin an First Data weiter, siehe das entsprechende Stück „unseres“ Experten Marcus Mosen hier); und was die Marktplatz-Lösungen für die Großkunden angeht: Die werden momentan mit einzelnen Kunden gebaut (oder zumindest hoffen wir das), was aber auch mal 12-18 Monate in Anspruch nehmen könne, wie es gestern hieß. Mal schauen, wann da was kommt, was man dann auch sehen kann.

Was ist/war jetzt mit den Übernahmeplänen?

Also, nach allem, was wir hören, soll (soll!) die Deutsche Bank beispielsweise am Deutschland-Geschäft von Elavon interessiert gewesen sein,  das ist ein hierzulande nicht übermäßig präsenter Zahlungsdienstleister, der zur U.S. Bank* gehört. Seitens der Deutschen Bank gab es hierzu gestern keinen Kommentar.  Generell, so hieß es, sei man allerdings weiterhin offen für die Idee, die Acquiring-Pläne auch durch (mutmaßlich nicht wahnsinnig große …) M&A-Aktivitäten voranzutreiben.


*Korrektur: Wir hatten ursprünglich geschrieben, Evalon würde zu Bank of America gehören. Diesen Fehler bitten wir zu entschuldigen.

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