Analyse

Ist die Girocard dem Untergang geweiht? Das sagen die Zahlen

18. Februar 2020

Von Christian Kirchner

Es ist ein mittlerweile liebgewonnenes Ritual. Zweimal im Jahr veröffentlichen die deutschen Banken voller Stolz die jeweils neuestes Erfolgszahlen zur Girocard. Arglos, wie wir sind, transportieren wir diese Erfolgszahlen dann 1:1 zu Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Und am nächsten Tag erreichen uns schließlich die Mails der Payment-Nerds, die uns für unsere angebliche Naivität schelten. Tenor:

  • Wisst ihr nicht, dass die Girocard als rein deutsches Scheme, das überdies zum Online-Kauf nicht taugt, dem Untergang geweiht ist?
  • Seht Ihr nicht, dass die Mobile-Payment-Revolution über die Girocard hinwegfegen wird wie ein Orkan?
  • Habt Ihr nicht mitgekriegt, dass das vorübergehende Wachstum der Girocard einzig und allein auf dem fortschreitenden Siechtum zweier anderer Bezahlmethoden fußt – nämlich Cash und Lastschrift?

Jedenfalls: Gestern Vormittag war es mal wieder soweit. „Wie bereits im Vorjahr stieg die Anzahl der Bezahlvorgänge [mit der Girocard] erneut um rund 19%“, teilte die deutsche Kreditwirtschaft frohgemut mit. Doch was hat die Zahl zu bedeuten? Bestätigen sie das Narrativ vom „Erfolgsmodell Girocard“? Oder geben sie in Wirklichkeit den Kritikern (und Konkurrenten wie Visa, Mastercard oder Apple) Recht?

Um sich der Antwort zu nähern, muss man die Zahlen der deutschen Banken erst einmal beiseite legen – und sich stattdessen die Statistiken des vom deutschen Einzelhandel betriebenen „EHI Retail Institute“ vornehmen. Das EHI untersucht nämlich einmal jährlich anhand eines umfassenden Panels die Verbreitung der Bezahlsysteme im stationären Handel.

Hier die Übersicht über die wesentlichen Anteile seit 2014 (wobei unter den „Rest“ auch die neueren Systemen wie VPay, sonstige Debitkarten und individuelle Zahlkarten fallen):

Umsatzanteil 2014 2015 2016 2017 2018
Girocard 23,7 23,2 24,6 26,3 30,1
Lastschrift 13,4 14,2 13,4 12,6 10
Bar 53,3 54,4 51,7 50 48,3
Rest 9,6 8,2 10,3 11,1 11,6

Klar zu erkennen ist: Die Zahlen bestätigen zunächst einmal die regelmäßigen Erfolgsmeldungen der Kreditwirtschaft. Die Girocard wächst nicht nur in absoluten Zahlen – sie wächst (mit Ausnahme von 2015) auch seit Jahren schon relativ zu anderen Bezahlarten. Und zwar kräftig. Und sogar kräftiger als jede andere Bezahlmethode am POS. Kein Wunder, dass die Bankenverbände ihre Pressemitteilungen nur so in die Welt hinausschleudern, übrigens gern auch mal doppelt (vor zwei Wochen hatten die Sparkassen bereits ihre Stand-alone-Zahlen für 2019 verbreitet).

Zugleich weisen die Zahlen aber auch schon auf ein Argument der Kritiker: Die ELV (also die elektronische Lastschrift) verliert seit 2016 Marktanteile. Und bei „Cash“ ist der Negativtrend sogar ein dauerhafter.

Worauf also das Wachstum der Girocard wirklich? In der gestrigen Mitteilung der Euro Kartensysteme GmbH (so heißt der Zusammenschluss hinter der Girocard) heißt es etwas nebulös, das „Kundenverhalten ist ausschlaggebend für diesen Wandel“, aber „auch das Bezahlangebot an der Ladenkasse“ verändere sich.  Die Zahl der Terminals mit der Akzeptanz auch der Girocard sei letztes Jahr um 4% auf auf 871.000 gestiegen. Von denen wiederum böten 755.000 die Kontaktlos-Funktion. Und „kontaktlos“ sei ja ohnehin  der Trend schlechthin.

Wörtlich heißt es:

„Katalysator der Entwicklung ist eindeutig das kontaktlose Bezahlen. Inzwischen sind 75 Millionen der über 100 Millionen girocards mit der Kontaktlos-Funktion ausgestattet. Mit einem Anteil von 26,6 Prozent der Gesamttransaktionen war über das Jahr betrachtet bereits mehr als jede vierte Transaktion kontaktlos (2018: durchschnittlich 9,8 Prozent). Bemerkenswert ist die rasante Entwicklung im Jahresverlauf: Waren im Januar 2019 noch 19 Prozent der Bezahlvorgänge kontaktlos, so lag der Anteil im Dezember bereits bei 35,7 Prozent.“

Der (auch an die Kritiker gerichtete) Subtext ist klar: Die Girocard ist nicht innovativ und staubt nur ab? Von wegen! Wir machen unser Wachstum selbst!

Um die Stichhaltigkeit dieser These zu überprüfen, muss man kurz ausholen: Der große Favorit vieler Händler (und damit auch Endkunden) war bis 2015 das antiquiert wirkende Lastschriftverfahren (Kunde zückt Karte, Händler erhält die Erlaubnis zum Einzug, Kunde unterschreibt). Für den Handel war die Methode unschlagbar billig, die Abrechnung kostete meist nur ein paar Cent. Nachteil: Lässt der Kunde die Transaktion platzen oder ist sein Konto nicht gedeckt, liegt das Risiko beim Handel (und nicht, wie bei der Bezahlung mit Pin, im wesentlichen bei den Banken). Das allerdings nahmen viele Händler angesichts des Kostenvorteils gerne in Kauf, zumal ein paar zusätzliche Sicherheitsmerkmale wie Scoringverfahren und Sperrlisten die Risiken etwas senken konnten. Folge, siehe oben: 14,2% Marktanteil für die ELV noch in 2015.

In diese Marktverhältnisse platzte allerdings vor fünf Jahren die Deckelung der Interchange-Gebühr durch die EU-Kommission auf 0,2% je Transaktion bei Debitkarten – also auch bei der Girocard. Was dazu führte, dass die sicherere und schnellere Girocard (ohne dass die Banken das unbedingt gewollt hätten) relativ zum Lastschriftverfahren attraktiver wurde. Trotzdem erklärten 2015 noch die große Mehrheit der Händler, im Zweifel (weiterhin) beides anbieten zu wollen, also die ELV und die Girocard.

Es kam anders: Mehr und mehr Händler verabschieden sich aus dem unterschriftbasierten Lastschriftverfahren, darunter 2018 große Akteure wie Rewe und Aral – dabei hatte gerade Aral immer gegen das als zu teuer empfundene Girocard-System gewettert. Mit gezielte Preissenkungen, so berichten Industrieinsider, hätten die Banken bei wichtigen Kunden (also solche mit hohen Umsätzen und vielen Akzeptanzstellen) noch ein wenig nachgeholfen. Folge, wiederum siehe oben: Die ELV begann zu verlieren, die Girocard zu gewinnen. Doch wie viel macht dieser Effekt aus?

Industrieexperten sagen, luftige zwei Drittel des Wachstums des Girocard-Wachstums dürften faktisch auf Kosten der ELV gehen. Gewissermaßen gehe es um eine Kannibalisierung – schließlich wird ja auch die Lastschrift-Transaktion traditionell mir der Girocard ausgelöst. Die Unternehmensberatung Paysys schätzt, dass das Lastschriftverfahren alleine 2018 circa 15 Mrd. Euro Umsatz zugunsten des Girocard-Zahlungssystems eingebüßt hat. Hier kommen nun die Nerds ins Spiel, also die Leute, die uns immer die bösen Mails schreiben: Sie sagen, wenn man überhaupt von einem „Erfolg“ der Girocard sprechen könne – dann sei das ein unfreiwilliger „Erfolg“, ausgelöst durch die Regulierer, nicht durch geschäftspolitische Entscheidungen.

So bissig muss man das nicht sehen. Aber zu denken gibt dann doch: Laut Paysys sind rund 10% der insgesamt 110 Mio. Debitkarten hierzulande sind bereits mit dem Brand „Mastercard“ oder „Visa“ ausgestattet. Und: Internationale Marken gewinnen auch auf der Issuing-Seite kontinuierlich Marktanteile. Packt man sämtliche mit der Girocard ausgelösten Transaktionen zusammen (also Lastschrift + klassisches Girocard-Scheme), so kommt man für 2018 lediglich auf ein Wachstum von 3,9%. Weniger als im Schnitt der Jahre 2013-2018 (4,6%). Und vor allem deutlich weniger als das Umsatzwachstum der internationalen Schemes (Mastercard, Visa u.a.) mit 8,5%.

Andererseits: Ein Scheme, dass auf Transaktionsbasis um 20% p.a. wächst und seinen Marktanteil binnen drei Jahren von 23% auf 30% gesteigert hat, kann nicht alles falsch gemacht machen. Und vielleicht ist der massive Umstieg aufs kontaktlose Bezahlen ja tatsächlich der Innovationsschritt gewesen, der die Girocard (bei allen Unzulänglichkeiten) zumindest auf nationaler Ebene und zumindest am stationären POS und zumindest auf mittlere Sicht mit der nötigen Widerstandskraft für den Kampf gegen die Visas, Mastercards und Apple Pays ausstattet.

Kann jedenfalls sein, dass das Wachstum der Girocard noch eine Weile anhält. Schließlich gibt es ja stationär genug zu verteilen. Denn der Anteil des Kuchen, auf den letztlich alle schielen – das sind die immer noch 48% Barzahlungen.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

 

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing