Analyse

Ist Wirecard noch zu retten? Hier unsere Berechnungen …

22. Juni 2020

Von Heinz-Roger Dohms

(aktualisiert auf Basis der Wirecard-Mitteilung von 2.48 Uhr, die wir im Newsletter nicht mehr berücksichtigt haben, weil die Finanz-Szene.de-Redaktion endlich mal geschlafen hat, was eine gute Sache ist)

Der Fall Wirecard droht zum Albtraum für die kreditgebenden Banken zu werden. Insgesamt rund 1,6 Mrd. Euro (=90% der Kreditlinie im Umfang von 1,75 Mrd. Euro) hat ein Konsortium aus insgesamt etwa 15 Instituten im Feuer; allein die Commerzbank, die LBBW und die ING sollen nach Angaben aus Finanzkreisen mit je 180 Mio. Euro engagiert sein. Das Wochenende über liefen zwischen Banken und Unternehmen intensive Gespräche, die dem Vernehmen nach zwar „konstruktiv“ sein sollen, auf Bankenseite aber auch geprägt von der Furcht, die Lage könnte sogar noch schlimmer sein als bekannt.

Am Montagmorgen um 2:48 Uhr jedenfalls veröffentlichte Wirecard eine Pflichtmitteilung, mit der die noch am Sonntag ventilierte Variante, Wirecard sei tatsächlich Opfer eines Betrugs geworden, endgültig vom Tisch sein sollte. Man gehe davon aus, „dass die bisher zugunsten von Wirecard ausgewiesenen Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Mrd. Euro mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen“, heißt es. Ferner untersuche man, ob es das Drittparteiengeschäft überhaupt je gegeben habe. Die Aktie verlor daraufhin bei Tradegate am Morgen auf bis zu 10,70 Euro.

Ob die fehlenden 1,9 Mrd. Euro jemals wieder aufgetaucht wären, war indes aus Bankensicht ohnehin nicht die wichtige Frage. Entscheidend war in erster Linie, ob sie jemals existiert haben. Dass das offensichtlich nicht der Fall war, wirft generelle Zweifel am Geschäftsmodell von Wirecard auf, wie unsere Berechungen zeigen.

Die Analyse:

Was ist mit den fehlenden 1,9 Mrd. Euro?

Die sind übers Wochenende erwartungsgemäß nicht aufgetaucht. Im Grunde waren damit schon vor der Wirecard-Mitteilung nur noch eine unwahrscheinliche und eine wahrscheinliche Möglichkeit denkbar:

  1. Wirecard wurde um das Geld betrogen (Das war das Markus-Braun-Theorem)
  2. Die Summe steht zwar in den Bilanzen – es gab sie aber nie

Hätte „Tor 1“ gestimmt, dann wäre unter Umständen alles nochmal gut geworden. Übrigens selbst dann, wenn das Geld nicht mehr aufgetaucht wäre. Denn: Wenn das Geld da gewesen wäre, dann hätte das geheißen, dass es verdient worden wäre. Und das wiederum hätte bedeutet, dass Wirecard im Kern tatsächlich jenes operativ erzgesunde Unternehmen gewesen wäre, als das es immer dargestellt wurde.

Nacht der Mitteilung aus der Nacht gilt indes die „Tor-2“-Variante. Und man darf dies jetzt auch sagen, ohne fürchten zu müssen, dass doch noch irgendein Wirecard-Medienanwalt vor der Redaktionstür auftaucht.

Was sagt es über den operativen* Zustand von Wirecard aus, dass die 1,9 Mrd. Euro aller Wahrscheinlichkeit nie da waren?

Im KPMG-Sonderprüfbericht war von „nicht hinreichend nachgewiesenen Einzahlungen auf Treuhandkonten im Umfang von rund 1 Mrd. Euro“ per Ende 2018 die Rede gewesen. Wenn Ernst & Young nun für Ende 2019 auf fehlende 1,9 Mrd. Euro kommt, dann muss die Annahme lauten: Im Geschäftsjahr 2019 haben sich die nicht nachgewiesenen Finanzmittel in der Wirecard-Bilanz um rund 900 Mio. Euro erhöht.

Mit der nächtlichen Pflichtmitteilung zog Wirecard zwar sämtliche Aussagen zu Umsatz und Gewinn seit Februar zurück. Was aber kaum jemandem aufgefallen war bzw. was in der Aufregung der vergangenen Tage mehr oder weniger untergegangen ist: Wirecard hatte in die zweite Ad-hoc am vergangenen Donnerstag die „vorläufigen Zahlen“ hineingeschrieben (auch geil: In die Ad-hoc, mit der man eingesteht, kein Testat für seine Zahlen zu haben, schreibt man die Zahlen rein …). Dort war von einem Ergebnis nach Steuern in Höhe von 482,4 Mio. Euro die Rede. Angenommen, diese Zahl stimmt und die oben genannten Zahlen stimmen ebenfalls – dann müssen wir von den 482 Mio. Euro Gewinn die nicht nachgewiesenen rund 900 Mio Euro abziehen und landen bei einem Verlust von etwa 420 Mio. Euro (alle steuerlichen Implikationen einfach mal außen vor gelassen; wir sind ja hier nicht in der CFA-Prüfung …).

*Anmerkung: Wenn wir hier von „operativ“ reden, nehmen wir an, dass die 2019er-Zahlen, die ja weiterhin unter Verschluss sind, zumindest nicht über die Maßen von außerordentlichen Effekten geprägt waren.

Lässt sich für frühere Jahre eine ähnliche Rechnung aufmachen?

Immer vorausgesetzt, dass 1.) die Erkenntnisse von KPMG und EY richtig sind und dass 2.) die nicht nachgewiesenen Vermögenswerte tatsächlich nie existiert haben, müssen wir zumindest hinter die Gewinne der Jahre 2016 bis 2018 ein Fragezeichen machen (denn diese Gewinne summieren sich ganz grob in Richtung jener rund 1 Mrd. Euro, die KMPG zufolge per Ende 2018 nicht nachgewiesen wurden).

Was ist mit der Zeit vor 2016?

Spätestens jetzt begeben wir uns auf arg glitschigen Untergrund. Denn hierzu Berechnungen anzustellen, hieße in letzter Konsequenz, jenseits der 1,9 Mrd. Euro über weitere Aktiv-Positionen zu spekulieren. Das wollen wir nicht tun.

Wie viel Geld schuldet Wirecard den Banken?

Die Kollegen von „Bloomberg“ haben am Samstag eine Tabelle veröffentlicht, auf welche Banken sich die Kreditlinie von 1,75 Mrd. Euro verteilt.

  • ABN Amro, Commerzbank, ING, LBBW: je 200 Mio. Euro
  • Barclays, Credit Agricole, DZ Bank, Lloyds: je 120 Mio. Euro
  • Bank of China, Citi, Deutsche Bank, MUFG: je 80 Mio. Euro
  • Raiffeisen International: 70 Mio. Euro *
  • Raiffeisen Niederösterreich: 60 Mio. Euro
  • Agricultural Bank of China: 55 Mio. Euro
  • Raiffeisen Oberösterreich: 45 Mio. Euro

 * „Die Raiffeisen Bank International hat kein Kredit Exposure gegenüber Wirecard“, teilt man uns am Montag mit. .

In Finanzkreisen wird die Aufstellung als „plausibel“ bis „wahrheitsgetreu“ eingestuft. Ebenso stimmt nach unseren Informationen, was „Bloomberg“ darüber hinaus berichtet hatte – nämlich dass nach jetzigem Stand 90% der Kreditlinie gezogen sind, also rund 1,6 Mrd. Euro.

Was hieran nun bemerkenswert ist: Beim „Capital Market Day“ in New York im vergangenen Oktober hatte Wiredard-Finanzchef Alexander von Knoop vorgerechnet, dass das Geld aus der  damals begebenen 500-Mio.-Euro-Anleihe zur Rückzahlung von Bankkrediten verwendet worden sei; zuzüglich weiterer 30 Mio. Euro. Darüber hinaus seien von dem 900-Mio.-Euro-Investment aus dem Umfeld des japanischen Technologie-Investors Softbank 340 Mio. Euro zur Rückführung von Krediten verwandt worden.

Abgeglichen mit den Q3-2019-Zahlen ergab sich aus den Ausführungen, dass Wirecards Bankschulden per Oktober 2019 nur noch bei rund rund 900 Mio. Euro gelegen haben dürften. Heißt: Wenn wir es jetzt mit rund 1,6 Mrd. Euro zu tun haben, dann sind die Verbindlichkeiten in den vergangenen Monaten markant angeschwollen.

Warum sind die Schulden in den letzten Monaten derart angeschwollen?

Auch das ist eine Frage, für die sich die Banken – spätestens – jetzt interessieren werden.

Was ist der eigentliche Hammer der nächtlichen Pflichtmitteilung?

Laut eigenen Angaben prüft die Gesellschaft „eine Reihe weiterer Maßnahmen um eine Fortsetzung des Geschäftsbetriebs zu gewährleisten“. Gegensteuern will man womöglich mit „Kostensenkungen sowie Umstrukturierungen, Veräußerung oder Einstellungen von Unternehmensteilen und Produktsegmenten.“

Was wiederum in der Ableitung auch umgekehrt heißt: Die Fortsetzung des Geschäftsbetrieb scheint gefährdet zu sein.

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