Exklusiv

KKR kapert deutsche Fintechs. Entsteht ein „neues Wirecard“?

29. Mai 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Der Wirecard-Herausforderer Heidelpay steht vor zwei M&A-Deals im deutschen Fintech-Markt. Laut Recherchen von Finanz-Szene.de steigt der Heidelberger Zahlungsdienstleister zum einen mit angeblich 30% beim Berliner Kassensystem-Anbieter Tillhub ein. Darüber hinaus ist die Übernahme des auf Risiko-Management spezialisten Hamburger Finanz-Startups Risk42 geplant, heißt es in informierten Kreisen. Keines der Unternehmen wollte sich auf Anfrage von Finanz-Szene.de äußern.

Die beiden Transaktionen ziehen ihre Relevanz daraus, dass Heidelpay (ein lange Zeit eher unscheinbarer mittelständischer „Payment Service Provider“) seit vergangenem Sommer zum Portfolio des mächtigen US-Finanzinvestors KKR gehört. Laut „Financial Times“  legten die Amerikaner im vergangenen August 600 Mio. Euro für die Mehrheit an dem Payment-Spezialisten auf den Tisch – eine spektakuläre Summe angesichts des Umstands, dass Heidelpay bis dahin nur Payment-Insidern ein Begriff war.

Allerdings gibt es zu dem Deal eine Vorgeschichte: Vor dem Verkauf an KKR hatte Heidelpay seinerseits gleich mehrere spannende Übernahmen getätigt. So schlüpfte der Hamburger Zahlungsdienstleister Startec ebenso unter das Heidelpay-Dach wie der Frankfurter Inkasso-Dienstleister Universum und ein weiterer Payment-Spezialist, nämlich mp24 aus Wien. Finanziert hatte das Ganze ein weiterer Finanzvestor, nämlich Anacap – bevor Anacap die „neue“ Heidelpay Group dann an KKR weiterreichte.

Um es nicht zu verwirrend zu machen – was da gerade passiert, ist offenkundig Folgendes: Zunächst Anacap und nun KKR versuchen nach der bei PE-Fonds beliebten „Buy & Build“-Methode einen breit aufgestellten Payment-Dienstleister zu errichten, der das Zeug haben könnte, es zumindest innerhalb der DACH-Region mit Schwergewichten wie Wirecard oder Nets/Concardis aufzunehmen. Jedes der ursprünglich sechs Einzelunternehmen bringt dabei spezifische Stärken in das entstehende neue Konglomerat ein:

  • Heidelpay: War als PSP ursprünglich fast ausschließlich auf E-Commerce ausgerichtet
  • Startec: War so etwas wie das Gegenstück – ein kaufmännischer Netzbertreierbmit Fokus auf stationäre Händler
  • Universum: Verfügt neben der Inkasso-Komponente (siehe hierzu übrigens unsere Analyse zum Verschmelzen von Payment und Inkasso) auch über Knowhow im Bereich Rechnungskauf
  • mp24: Ist so etwas wie die „Ösi-Mini-Version“ der „alten“ Heidelpay, könnte zum Brückenkopf im österreichischen Markt werden
  • Risk42: Soll neue Methoden zur Risikoeinschätzung in die Gruppe einfließen lassen
  • Tillhub: Soll die noch fehlende Verbindung von Payment und Kasse liefern

Vor allem der letzte Aspekt (also der Einstieg Heidelpays bei Tillhub) ist hochspannend. Schon 2014 war der Heidelpay-Konkurrent Concardis beim Tillhub-Konkurrenten Orderbird eingestiegen; und Anfang dieses Jahres war ein weiterer Wettbewerber von Tillhub, nämlich das ebenfalls in Berlin ansässige Startup Gastrofix, für rund 100 Mio. Euro vom börsennotierten kanadischen POS-Plattform-Betreiber Lightspeed aufgekauft worden.

Der frühere Payment-Manager und regelmäßige Finanz-Szene.de-Gastautor Marcus Mosen hatte den Gastrofix-Lightspeed-Deal damals wie folgt kommentiert:

  1. Die Konsolidierung, die wir in den letzten Jahren bei traditionellen POS-Payment-Anbietern erlebt haben, setzt sich jetzt bei erprobten Cloud-basierten Kassenlösungen fort.
  2. Diese Konsolidierung wird zum einen von traditionellen Zahlungsdienstleistern kommen, die mithilfe solcher Akquisitionen ihre Wertschöpfungskette am POS komplettieren wollen (Stichwort: SmartPOS). Oder sie kommt wie in diesem Falle durch Unternehmen, die nach Möglichkeiten eines schnelle Markteintritts in den deutschen und europäischen Markt schauen.
  3. Payment- und Tablet-basierte Kassenlösungen werden perspektivisch komplett in die Cloud gehen. Das Ganze wird damit noch mehr ein Skalierungs- und Internationalisierungs-Thema.

Der zweite Punkt aus Mosens Analyse dürfte praktisch 1:1 auf den Heideplay-Tillhub-Deal zutreffen (mal abgesehen davon, dass sich KKR/Heidelpay nach unseren Informationen zunächst nur einen Minderheitsanteil an dem Berliner Fintech sichert …). Der „traditionelle Zahlungsdienstleister“ Heidelpay erweitert sein Portfolio um die „Cloud-basierte Kassenlösung“ Tillhub – und verbessert als Komplettanbieter seine Position gegenüber dem Händler.

Bleiben trotz allem aber noch mindestens fünf Fragen offen:

  1. Wann werden die Deals offiziell verkündet?
  2. Um welche finanziellen Dimensionen geht es? (wir würden gefühlt für den Tillhub-Einstieg und die Risk42-Übernahme zusammen einen nicht zu hohen zweistelligen Mio.-Betrag veranschlagen)
  3. Was hat KKR in letzter Konsequenz mit Heidelpay vor? Wie weit reicht der Ehrgeiz? Soll auch (über Österreich hinaus) international expandiert werden?
  4. Welches Rad dreht die „neue“ Heidelpay Group denn überhaupt schon? Im August 2019 wurde fürs Gesamtjahr folgender Prognose herumgereicht: rund 90 Mio. Euro Erlöse, rund 40 Mio. Euro Ebitda. Ein testierter Abschluss, anhand dessen sich die Angaben abgleichen ließen, liegt noch nicht vor
  5. Fehlt nicht noch was? Ja: Was im KKR/Heidelpay-Konglomerat i.d.T. noch fehlt, das ist ein Player mit echter Acquiring-Kompetenz.

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