Analyse

„Mythos“ Advanzia Bank: So gehen 37% Eigenkapitalrendite

18. Mai 2020

Von Christian Kirchner

Kann es eigentlich sein, dass ein inverser Zusammenhang zwischen dem Sitz einer Bank und ihrer operativen Leistungsfähigkeit besteht? Denn: Deutsche Bank und Commerzbank? Residieren seit eh und je in Frankfurts Filetlagen. Die HCOB (Ex-HSH-Nordbank)? Zwischen Hamburgs Binnenalster und Mönckebergstraße. Die Haspa? Inmitten von Altstadt und Fleeten am Großen Burstah. Besser geht es jeweils kaum.

Dagegen die rasch wachsende BNP Paribas? Hockt in Frankfurts ungeliebtem Europa-Viertel. Die Cost-Income-Königin ING Deutschland? Am Beginn eines Autobahnzubringers in Frankfurt-Bockenheim. Die verlässlich rund 450 Mio. Euro Gewinn stanzende Santander Consumer Bank? Sitzt am, nun ja, Santander-Platz im Mönchengladbacher Stadtteil Gladbach.

Die erst 2005 gegründete Advanzia Bank toppt das Ganze allerdings locker – sowohl bei den Kennziffern als auch ihrem Sitz. Denn das fast ausschließlich hierzulande tätige Institut  erwirtschaftete laut letztem Geschäftsbericht eine Eigenkapitalrendite von 37% (!!!), wies eine Cost-Income-Ratio von 36% auf und wächst Jahr für Jahr um rund 20%. Ihren Sitz hat die Advanzia Bank indes in einem Gewerbegebiet im luxemburgischen Mundsbach, direkt in der Einflugschneise des Flughafens und zwischen einer Autobahnabfahrt und dem Feuchtgebiet „Schlammwiss“.

Luxemburg? Genau. Denn die Advanzia Bank betreibt zwar 90% ihres Geschäfts in Deutschland, „passportet“ aber von Luxemburg aus in den deutschen Markt. Wie kommt eine Bank auf solche Kennziffern?

Die Lösung liegt in einem Ansatz, der ähnlich radikal funktional und simpel ist wie die Wahl des Unternehmenssitzes: Die Advanzia Bank ist ein Zwei-Produkt-Unternehmen: Man gibt Kreditkarten aus, als White-Label-Partner (von 88 Finanzdienstleistern) oder direkt, und zwar nicht zu knapp: Auf knapp 1,5 Mio. Karten kommt Das Institut in Deutschland bereits, zum Beispiel mit Marken wie „Gebuhrenfrei.com“. Mag sein, dass das vom Namen und von der Anmutung an eine Phishing-Site erinnert. Aber macht das was, wenn es funktioniert?

Dann betreibt die Advanzia Bank Einlagengeschäft (ebenfalls in Deutschland) mit einem Tagesgeldkonto, auf das rund 0,3% Zinsen gezahlt werden. Ein simples Linke-Tasche-Rechte-Tasche-Geschäft: Die Einlagen – in der Summe zuletzt rund 2 Mrd. Euro – refinanzieren die ausstehenden Kundenkredite. Das waren in der Summe zuletzt 1,7 Mrd. Euro.

Und so simpel sieht letztlich auch die GuV aus:

in Mio. Euro 2018 2019 Delta %
Zinserträge 220 264 20
Zinsaufwendungen -12 -15 25
Provisionserträge 23 41 78
Provisionsaufwendungen -15 -19 31
Währungsergebnis -0 -1 100
andere Einkommen 4 3 -8
andere Ausgaben -6 -8 34
Kosten -73 -90 23
davon Personal -16 -18 10
davon Sachkosten -57 -72 26
Abschreibungen imm. Vermögenswerte -3 -5 63
Abschreibungen Sachwerte -1 -2 31
Amortisierung im. Vermögenswerte -2 -3 89
Abschreibungen Finanzanlagen -63 -75 20
Gewinn vor Steuern 75 96 27
Steuern -16 -18 9
Jahresergebnis 59 78 32
weitere KPIs
Cost Income Ratio 36% 36%
Eigenkapitalrendite 41% 37%

…. wobei der Klicker des Geschäftsmodells unschwer zu erkennen ist, er ist den ersten beiden Zeilen zu entnehmen: Zinserträgen von 264 Mio. im abgelaufenen Jahr 2019 stehen Zinsaufwendungen von gerade mal 15 Mio. Euro gegenüber. Wer seine Kreditkartenschulden nicht auf einen Schlag bezahlt, sondern abstottert (oder mit der Karte Geld abhebt), der zahlt aktuell 19,44 % (!!!) p.a. Effektivzins ab Transaktionstag. Eine hübsche Spanne bei besagten 0,3% Einlagenverzinsung.

Nun ist es allein natürlich noch kein betriebswirtschaftliches Differenzierungsmerkmal, Geld billig aufzunehmen und teurer zu verleihen. Auf diese Idee sind Banken schließlich zu allen Zeiten gekommen. Kleiner Rückblick: Mitte der Nullerjahre betrat die Advanzia Bank einen deutschen Markt, der in Sachen Kreditkarten zwar beträchtliches Potenzial aufwies (Anzahl der umlaufenden Kreditkarte damals: 22 Millionen, heute: 35 Millionen), aber mit den Hausbanken und unabhängigen Akteuren wie etwa Barclaycard bereits besetzt schien. Alles andere als ein Selbstläufer also. Was war der Kniff?

  • Man nehme ein Standardprodukt und statte dieses Produkt mit ein, zwei Eigenschaften aus, die das Produkt besonders wirken lassen, auch wenn es das gar nicht ist. Man nehme also: eine hochgeprägte, goldene Mastercard
  • Man erweitere diese hochgeprägte, goldene Mastercard mit Konditionen aus, die die Karte beim disziplinierten Einsatz (!) unschlagbar günstig machen und entsprechenden Verbrauchertests gut abschneiden lassen: Die Karte kostet keine Jahresgebühr, der Kartenversand, das Sperren, Ersatzkarten sind ebenfalls kostenfrei, Währungsumrechnungsgebühren und Auslandsgebühren fallen keine an, nicht mal Portokosten für den Rechnungsversand…
  • …. und dann ergänze man dieses Produkt auch noch mit einer Eigenschaft, die sie beim nicht so disziplinierten Einsatz irrsinnig teuer werden lässt: Denn der monatliche Rechnungsbetrag kann nicht per Lastschrift abgebucht werden. Die Kunden müssen die Rechnungen selbst initiativ begleichen. Die entsprechende Formulierung in den FAQs der Bank: „Damit bleiben Sie flexibel und können jeden Monat selbst entscheiden, in welcher Höhe Sie Überweisungen tätigen möchten“. Wer zu spät oder gar nicht zahlt, bekommt dann 19,44% Effektivzins in Rechnung gestellt.

Die Co-gebrandeten Karten, die von Partnern ausgegeben werden, unterliegen dabei in der Regel den gleichen Konditionen – einige Partner bieten die Karte indes auch mit Lastschriften an, etwa der „Deutsche Kanu Verband“ oder die Organisation „WeCanHelp“.

Dieses simple Konzept reicht, um weiter zu wachsen – während andere (auch strikt digitale) Institute immer kreativer werden, Gebühren einzuführen, um die Erträge zu steigern. Jüngstes Beispiel: Die AGB-Änderungen bei N26 (siehe hier), im vergangenen Jahr packte die Deutsche Bank einiges auf ihre Wechselkursumrechnungen (siehe hier), bei der Postbank kann man bei den zugrundeliegenden Modellen ohne Umschweife von Exzessen reden (siehe hier).

Nun ist fraglich, wie sich dieses Geschäftsmodell in eine Ära hinüberretten lassen wird, in der die Plastikkarten (möglicherweise) nach und nach von virtuellen Kreditkarten ersetzt werden – eine Frage, die sich auch der Mehrheitseigner der Advanzia Bank stellen dürfte, das norwegische Konglomerat Kistefos Group.

Folgt man den Geschäftsberichten oder raren Interviews mit Verantwortlichen (etwa hier), ist aber auch das kein Problem. Denn, so die Logik, die Kreditkarte erfülle ja eine Doppelfunktion: Die als Zahlungsmittel. Und die der Konsumentenfinanzierung auf Pump. Gut möglich, dass letztere weder von der Digitalisierung noch der Apple Card (und vielleicht nicht mal von Corona) bedroht werden wird. 19,44% Zinsen hin oder her.

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