Exklusiv

CEO-Eklat rund um die „European Payments Initiative“

5. November 2020

Von Heinz-Roger Dohms und Christian Kirchner

Eigentlich schien alles vorbereitet für den Launch der „European Payments Initiative“ – also für den politisch gewünschten Großangriff von 16 europäischen Banken (darunter die Deutsche Bank, die Commerzbank, die DZ Bank und die Sparkassen-Finanzgruppe) auf Mastercard und Visa. Die Vorbereitungen galten als abgeschlossen, die Finanzierung als gesichert, im belgischen Handelsregister tauchte am 7. Oktober sogar schon die vorläufige Projektgesellschaft auf. Name: „EPI Interim Company“. Selbst der diffizilste aller Punkte schien geregelt, nämlich das personelle Tableau.

Dann allerdings, so zeigen es exklusive Recherchen von Finanz-Szene.de, es kam vor wenigen Tagen zwischen zu einem handfesten Eklat – einem Eklat, der die Vorzeige-Initiative der europäischen Kreditwirtschaft weit zurückwerfen dürfte.

Doch der Reihe nach.

Die „European Payments Initiative“ ist jenes Prestigeprojekt, für das unter anderem der Bundesbankvorstand Burkhard Balz seit etlichen Monaten trommelnd durch die Manege zieht – und auf das sich, teils aus Überzeugung, teils aus einem Gefühl der politischen Nötigung heraus, in diesem Sommer dann die besagten 16 Banken aus insgesamt fünf Ländern verpflichten ließen. Neben den deutschen Instituten sind dies: die BBVA, die BNP Paribas, die BPCE, die CaixaBank, die Crédit Agricole, die Crédit Mutuel, die ING, die KBC, La Banque Postale, die Santander, die Société Générale und die Unicredit. Sprich: die Crème de la Crème der kerneuropäischen Bankenindustrie. Das erklärte Ziel lautet, dass sich im besten Fall schnellstmöglich weitere namhafte Institute aus weiteren europäischen Ländern der Initiative anschließen sollen.

Speziell in der deutschen Kreditwirtschaft (oder sagen wir: in Teilen davon) herrscht ein lebhaftes Interesse am „EPI“-Projekt. Das liegt zum einen daran, dass sich Gegenteiliges dem trommelnden Balz und anderen politischen Vorantreibern kaum vermitteln ließe. Es hat aber auch damit zu tun, dass manche Verantwortungsträger in der „European Payments Initiative“ die perfekte strategische Fortschreibung zur nationalen #DK-Initiative sehen. Wie Finanz-Szene.de im August exklusiv berichtete, waren im Rahmen von #DK zunächst die beiden Online-Bezahlverfahren Paydirekt und Giropay verschmolzen worden (wobei Giropay zwar von Paydirekt übernommen wird, als alleiniger Name allerdings Giropay erhalten bleibt). Auf mittlere Sicht soll das fusionierte Bezahlverfahren dann mit der Girocard zusammengeführt werden – bevor dieses #DK-Konglomerat dann in der „European Payments Initiative“ aufgehen könnte.

Dadurch soll (so jedenfalls das formulierte Ziel) letzten Endes ein regelrechtes europäisches Payment-Scheme entstehend, das basierend auf einer autonomen Infrastruktur in direkte Konkurrenz zu den großen US-Schemes treten könnte. Der renommierte Payment-Blogger Hanno Bender nennt dies „eine dringend notwendige Unabhängigkeitserklärung gegenüber Mastercard und Visa“ (siehe hier) – gibt aber zugleich zu bedenken, dass mittlerweile (Quelle: EuroCommerce) schon rund 80% der Kartenzahlungen in Europa über die beiden amerikanischen Duopolisten abgewickelt würden. Mit anderen Worten: Die europäischen Banken legen sich mit zwei mutmaßlich übermächtigen Gegenspielern an. Ob das Projekt nur ambitioniert oder womöglich überambitioniert ist, weiß daher im jetzigen Stadium niemand mit Sicherheit zu sagen.

Jedenfalls: Als das „European Payments Initiative“ im Sommer Fahrt aufnahm, waren sich die beteiligen Banken entsprechend einig, dass es für den Job als künftiger EPI-Chef einen Top-Shot braucht – und keinen politischen Kompromisskandidaten. In größter Diskretion zogen die Emissäre beteiliger Banken aus, um bei namhaften Payment-Managern aus Deutschland, Frankreich und Benelux vorzufühlen, ob diese sich vorstellen könnten, die anspruchsvolle Aufgabe zu übernehmen. Nach allem, was man hört, stießen die Emissäre bei verschiedenen spannenden Kandidaten auf Interesse. Die Wahl fiel schließlich auf den Franzosen Nicolas Huss, bis vor wenigen Tagen Chef der milliardenschweren Pariser Zahlungsdienstleisters Ingenico.

Unter den 16 Konsortialbanken galt diese Lösung als adäquat. Hätte sich Ingenico nicht an den ebenfalls französischen Konkurrenten Wordline verkauft (der im Februar verabredete Deal wurde vor wenigen Tagen endgültig fixiert) – womöglich hätte jemand wie Huss gar nicht erst zur Verfügung gestanden. Hinzu kommt: Bevor der heute 56-jährige Mitte 2017 zu Ingenico wechselte, hatte er knapp vier Jahre lang an der Spitze von Visa Europe gestanden. Mit anderen Worten: Huss kennt einen der beiden zukünftigen Hauptwettbewerber aus dem Effeff. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen.

Nun mag es auf der deutschen Seite vielleicht den ein oder anderen Akteur gegeben haben, der sich lieber einen deutschen EPI-Chef gewünscht hätte. Indes: Die politische Balance ließ sich letztlich dadurch herstellen, dass man den DSGV-Vorstand Joachim Schmalzl zum Aufsichtsratschef der „European Payment Initiative“ machte. Quasi das „Modell Airbus“. Offiziell verkündet ist diese Personalie zwar noch nicht. Bei einer EZB-Veranstaltung kürzlich soll sich Schmalzl allerdings schon in der neuen Funktion zu erkennen gegeben haben. Und: Auch im Handelsregistereintrag der „EPI Interim Company“ soll sich Schmalzls Namen finden (leider wurde uns die Anmeldung im belgischen Handelsregister am Dienstagnachmittag versagt, sonst hätten wir nachschauen können).

Es klang jedenfalls alles nach einer einvernehmlichen und durchaus vielversprechenden Gesamtlösung. Zumal es zwischen handelnden Personen auf deutscher und französischer Seite durchaus die ein oder andere Querverbindung gibt. So hatten die hiesigen Sparkassen erst letztes Jahr die Mehrheit an ihrem Acquiring-Spezialisten Payone an die damals noch von Huss geführte Ingenico verkauft; und Ottmar Bloching, Mitglied des Geschäftsführer beim Deutschen Sparkassen-Verlags, war bis 2015 knapp neun Jahre lang einer der Topmanager von Visa Europe – kennt Huss also auch aus dieser Zeit.

Als Anfang vergangener Woche ein französisches Fintech-Magazin den praktisch nahtlosen Wechsel des Nicolas Huss vom CEO-Posten bei Ingenico auf den CEO-Posten bei „EPI“ als mehr oder weniger perfekt vermeldete, soll man das auf Bankenseite relativ gelassen zur Kenntnis genommen haben. Zwar war die Berufung des Franzosen noch nicht schriftlich fixiert; allerdings galt dieser Schritt manchen Beteiligten nur noch als Formsache. Dann allerdings kam alles ganz anders.

Warum? Die Details sind unklar bzw. werden unterschiedlich geschildert. Es kursiert eine Lesart, die in die Richtung geht, die deutschen Banker hätten es nicht vermocht, die ambitionierten, aber berechtigten Ansprüche des französischen Topmanagers zu händeln. Es gibt allerdings auch eine ziemlich andere Version der Geschichte. Derzufolge sollen die Gespräche auf der Zielgeraden unvermittelt eskaliert sein, manche hiesige Banker und Bankfunktionäre fühlten von Huss auf der Zielgeraden regelrecht vor den Kopf gestoßen. Die Verhandlungen seien in einem Clash geendet, heißt es.

Wo auch immer die Wahrheit liegen mag. Nicolas Huss wird jedenfalls definitiv nicht der neue europäische Payment-Frontmann, auch wenn er es nach übereinstimmenden Aussagen von Beteiligten schon fast war. Stattdessen kam am Dienstagnachmittag – nachdem Finanz-Szene.de wegen der EPI-Personalie schon an diversen Stellen vorgefühlt hatte – urplötzlich die Nachricht, Nicolas Huss habe als Direktor beim auch in Europa sehr umtriebigen südafrikanischen Fintech Entersekt angeheuert. Ein bemerkenswerte Wende der Ereignisse.

Auf eine Linkedin-Anfrage von Finanz-Szene.de antwortete Huss am Abend freundlich, dass er sich in der Sache nicht äußern wolle.

Den 16 beteiligten Banken bleibt somit nichts anderes übrig, als die Suche nach dem künftigen EPI-Chef wieder aufzunehmen. Der Startschuss? Auf unbestimmte Zeit verschoben.

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