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Offenheit statt Exklusivität: Was Giropay jetzt braucht

Mit Exklusivität verbindet man Außergewöhnliches, Erlesenes oder das, was nur einem definierten Kreis zugänglich ist. Was sich die Macher des bankeneigenen Online-Bezahldiensts Paydirekt allerdings von einer „Exklusivitätsbindung“ versprochen haben – das bleibt diffus.

Doch der Reihe nach: Wie im Newsletter am Freitag bereits kurz vermeldet, hat das Bundeskartellamt der Paydirekt GmbH die “Weiterentwicklung des Internet-Bezahlverfahrens Giropay” gestattet (zur Erinnerung: Giropay gehört ja ebenfalls den Banken und wird bekanntermaßen auf Paydirekt verschmolzen). Die Kartellwächter versahen ihre Genehmigung allerdings mit einem Zusatz. Die Genehmigung erfolgte nämlich erst “nach Aufgabe der zunächst beabsichtigten Exklusivitätsbindung“.

Dazu muss man nun wissen: Mit dieser Bindung wollten die Paydirekt-Gesellschafter die teilnehmenden Banken und Sparkassen offenbar auf ein ausschließliches Angebot von Giropay einschwören. Ähnlich ausgerichtete Kooperationen zwischen hiesigen Banken und anderen Bezahldiensten wären erschwert oder sogar verhindert worden. Was das gebracht hätte? Unklar, aber auch nicht mehr von Belang. Denn die Klausel ist ja vom Tisch.

Stattdessen: Steht Paydirekt nun offen, dass Giropay-Verfahren zwar ohne Exklusivitätsanspruch, ansonsten aber nach bestem Wissen und Gewissen auszurollen. Was konkret die Erlaubnis beinhaltet, die digitale Girocard in die eigenen Prozesse zu integrieren und dabei auch die anfallenden Gebühren einheitlich festzulegen. Von einer „zentralisierten Preissetzung“ spricht das Kartellamt in diesem Zusammenhang. Zitat des Behördenchefs Andreas Mundt: „Gegen diese zentralisierte Ausrichtung des Giropay-Geschäftsmodells bestehen keine wettbewerblichen Bedenken. Als Internet-Bezahlverfahren steht Giropay im Wettbewerb zu starken Anbietern wie Paypal, Visa oder Mastercard.“

Wissen die Banken, was sie mit Giropay wollen?

Die Frage allerdings bleibt, ob die Banken auch willens und fähig sind, die Chancen, die ihnen das Kartellamt eröffnet, nun tatsächlich zu nutzen. Denn die Geburtsfehler des Paydirekt-Systems sind ja nur teilweise behoben:

  • Ja, die Etablierung des Systems erfolgt nicht mehr nur über Banken und Sparkassen, sondern auch über den Handel …
  • Aber nein, der größte Wettbewerbsnachteil, nämlich die Beschränkung auf ausschließlich hiesige Konsumenten, ist immer noch nicht korrigiert

Hinzukommt: Seit dem Startschuss für Paydirekt sind mittlerweile sieben Jahre vergangen – sieben Jahre, in denen der Hauptwettbewerber Paypal seine Marktposition ausgebaut und sich weitere starke Player wie Klarna/Sofort beim Verbraucher etabliert haben.

Mit #DK (also der Initiative, die die Verschmelzung von Paydirekt, Giropay und des P2P-Dienstes Kwitt begründete) sollte frischer Wind in das Projekt geblasen werden – mit dem Ziel, dass #DK und die Girocard schließlich in der “European Payments Initiative” aufgehen. Per se war diese Idee nicht verkehrt. Zumal 1.) die Corona-Pandemie das digitale Bezahlen in die Pool Position bei Kunden und im Handel katapultiert hat, 2.) POS und Online-Handel zusammenwachsen und 3.) die Pandemie gezeigt hat, dass die Kunden Payment-Lösungen mit hoher Akzeptanz präferieren. Indes: Das EPI-Projekt im umfassenden Sinne ist tot.

Und nun?

Giropay muss jetzt zusammen mit der Girocard gedacht werden

Die Konsequenz kann nur sein, nun wenigstens die #DK-Idee über Paydirekt, Giropay und Kwitt hinaus in Richtung Girocard zu denken. Denn es steht nicht weniger als die Frage im Raum, wie lange Paydirekt/Giropay und Girocard noch unabhängig voneinander existieren können. Hinter der Girocard steht die ebenfalls bankeneigene Eurokartensysteme (EKS). Die EKS gibt es seit 1982 mit einer nahezu konstanten Gesellschafterzusammensetzung und einem im Laufe der Jahre deutlich reduzierten Geschäftszweck.

Seit 2003 ist ihre Aufgabe im Wesentlichen auf das Marketing und Lizenzmanagement der Girocard reduziert. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, einige neue Schlussfolgerungen für Giropay und die EKS zu ziehen. Einige Erkenntnisse liegen meines Erachtens auf der Hand: Die Gesellschafter- und Entscheidungsstrukturen müssen vereinfacht, Markenbotschaften synchronisiert werden. Es geht um ein agiles „Go to market”. Nicht um weitere zwei Jahre Gremienarbeit.

Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass der deutsche Payment-Markt nicht mehr von Banken und Sparkassen geprägt wird – sondern von dem großen Kreditkarten-Schemes, den genannten Fintechs wie Paypal oder Klarna und anderen Anbietern. Diese sind mittlerweile so dominant, dass man sie nicht mehr als Wettbewerber bekämpfen, sondern als Unterstützer gewinnen sollte. Dafür allerdings braucht es wiederum mehr Offenheit sowie eine Ertragskomponente für alle. Denn ein modernes Payment-Produkt ist nicht einfach nur Commodity, sondern muss Nutzern und Akzeptanzstellen deutlich Mehrwerte bieten.

„Etablierte Zahlungssysteme, große Digitalkonzerne und auch Fintechs entwickeln laufend neue oder verbesserte Angebote für das digitale Bezahlen“, hat Kartellamtspräsident Mundt gesagt. Fast ein Auftrag an Paydirekt/Giropay, sich künftig weniger abzuschotten und größer zu denken als nur in der Dimension von Harmonisierung von Branding und Logos.

Fusion mit Giropay perfekt – Name “Paydirekt” verschwindet


*Marcus W. Mosen ist einer der führenden deutschen Payment-Experten und regelmäßiger Gastautor bei Finanz-Szene.de

Finanz-Szene geht ab Oktober hinter die Paywall ...

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