Exklusiv

Opfern die Sparkassen jetzt den Kern der „alten“ Payone?

19. April 2021

Von Heinz-Roger Dohms

Es ist alles ein bisschen verworren. Darum solle man eingangs vielleicht noch mal  ganz kurz aufdröseln, warum die deutschen Sparkassen 40% an einem deutschen Zahlungsdienstleister halten, der eigentlich ein französischer Zahlungsdienstleister ist. Und der in Frankfurt sitzt, obwohl er genau so gut in Kiel sitzen könnte – während die eigentliche Schaltzentrale indes Paris ist.

Erst dann versteht man nämlich, warum in Kiel (so wird es uns von Quellen jedenfalls zugetragen) momentan schlechte Laune herrscht. Weil man nämlich fürchtet, dass wieder ein Stück deutsches Payment-Knowhow verschwinden könnte.

Doch der Reihe nach:

Die alte Payone GmbH, gegründet 2000 in Kiel, war eine deutsches Payment-Startup, das sich auf die Abwicklung von E-Commerce-Zahlungen spezialisiert hatte. Ein Adyen in klein. Ein Wirecard in sauber. 2015 verlor die alte Payone ihre Eigenständigkeit. Sie wurde mehrheitlich vom Deutschen Sparkassenverlag übernommen. Der verschmolz das Fintech mit seiner Tochter B+S Card Service, einem klassischen, auf den stationären Handel spezialisierten Acquirer. Die Sparkassen nannten das neue Unternehmen „BS Payone“.

Ob es den Sparkassen von Anfang an darum ging, ihren alten Acquirer durch den Payone-Deal aufzuhübschen, um ihn dann zum Verkauf zu stellen? Weiß man nicht. Tatsache jedenfalls ist, dass die neue „BS Payone“ bald nach ihrer Entstehung bereits feilgeboten wurde. Den Zuschlag erhielt der französische Milliardenkonzern Ingenico. Das passte auch insofern, als Ingenico hierzulande eine Tochter namens Easycash unterhielt, die (fanden jedenfalls die Entscheidungsträger dies- und jenseits der Rheins) ganz gut zur „BS Payone“ passte. So wurde also Easycash in die „BS Payone“ eingebracht, im Gegenzug erhielt Ingenico 52% an der „BS Payone“. Im Zuge dieser Transaktion verschwand das „BS“ aus dem Namen, womit das neue Joint Venture plötzlich so hieß wie das einstige Fintech. Nämlich Payone.

Damit nicht genug, bandelte der neue, 52%-prozentige Payone-Eigentümer Ingenico kurz darauf mit seinem ebenfalls französischen Rivalen Wordline an. Es dauerte ein bisschen, bis auch dieser Deal vollzogen war, allein schon deshalb, weil diverse Kartellwächter ein paar Wörtchen mitzureden hatten. Jedenfalls: Als der Milliardendeal perfekt war und gewissermaßen alles mit allem und jeder mit jedem verschmolzen war – da hielten die Sparkassen statt der ursprünglichen 48% plötzlich nur noch 40% an der Frankfurter Payone.

Bekannt wurde dies Anfang März. Und begründet damit, dass die neue Worldline/Ingenico das Schweiz-Geschäft der Payone erhalten habe, während im Gegenzug die alten Deutschland- und Österreich-Aktivitäten von Worldline der Payone zugeschlagen worden seien. Und weil das, was Payone (und damit indirekt die Sparkassen) bekommen hatten, mehr wert sei als das, was abgetreten wurde, hätten die Sparkassen eben Anteile verloren..

So weit, so verworren, so logisch. Aber ist das schon die ganze Geschichte?

Was wird aus der Payone-Plattform, wenn eine neue Plattform kommt?

Nein: Denn die technischen Integration, die Worldline und Ingenico nach ihrer formellen Zusammenführung nun werden vollziehen müssen, hat laut Recherchen von Finanz-Szene.de auch Konsequenzen für die deutsche Payone. Und zwar in erster Linie für die sozusagen „alte“ Payone, also für den Standort Kiel.

Um das zu verstehen, muss noch ein weiterer Name eingeführt werden, nämlich: Ogone. Das ist bzw. war ein Mitte der 90er-Jahre gegründeter belgischer Payment Service Provider, der (ebenso wie die alte Payone) dem E-Commerce entstammte und 2013 (ebenso wie ein zwei Jahre später Payone) von einem der traditionellen Player aufgekauft wurde – in diesem Fall: Ingenico.

Da ja aber nun Ingenico neuerdings zu Worldline gehört, gehört jetzt also auch die alte Ogone zu Worldline. Genauso wie (jedenfalls zu 60%) die neue Payone, die alte Payone und überhaupt. Und genauso eine schwer zu überblickende Zahl anderer Anbieter, die über die vergangenen in der ein oder anderen Form hineingemergt worden sind in das, was heute das milliardenschwere, europaweit tätige Worldline-Ingenico-Konglomerat darstellt. Und nun? Soll dieser Wust an Payment-Playern und Payment-Plattformen entrümpelt werden.

Konkret sehen die Pläne unseren Recherchen zufolge so aus, dass Worldline über die kommenden Jahre sämtliche zum Konglomerat gehörenden E-Commerce-Plattformen in Richtung Ogone konsolidieren will. Zwar sei auch die Ogone-Technologie nicht mehr die allermodernste, sagen Marktkenner. Sie sei aber die, der man in der Pariser* Zentrale die größten Zukunftschancen zubillige und in die darum auch prioritär investiert werden solle.

In einer internen Präsentation, in die Finanz-Szene.de teilweise Einblick nehmen konnte, ist von einer „New United eCom Platform“ die Rede, deren Kern die Ogone-Plattform sein soll. Die übrigen auf den E-Commerce ausgerichteten Payment-Plattformen innerhalb der Gruppe (neben Payone sind das Bambora, Saferpay, SIPS und PayUnity)? Sollen der Präsentation zufolge zwar nicht verschwinden. Aber offenbar nur noch dazu da sein, den Kern (also Ogone), wie es wörtlich heißt, „anzureichern“. Die Folge: In Kiel wird nun befürchtet, dass – wenn Investitionen ausbleiben und personelle Kapazitäten in Richtung Ogone abgezogen werden – die Payone-Plattform früher oder später dem Siechtum anheimfallen könnte. Möglicherweise mit Folgen für Standort und Arbeitsplätze.

Ist diese Furcht berechtigt? Auf Anfrage von Finanz-Szene.de teilten Payone und die dahinter stehenden Eigentümer (also Worldline und die Sparkassen) am Freitag mit:

„Worldline plant im Zeitraum der nächsten drei Jahre den Aufbau einer internationalen E-Commerce-Plattform. Diese soll zukünftig die wichtigsten Plattform-Funktionalitäten sowohl von Ogone, als auch der jeweiligen nationalen Töchter, unter anderem auch die von Payone, in sich vereinen. Der Standort Kiel wird hierbei ein wichtiger Kompetenzträger für den Plattform-Aufbau sein und weiterhin als zentraler Knotenpunkt für alle E-Commerce-Leistungen von Payone fungieren. Entsprechend werden weitere Kapazitäten sowohl in der Entwicklung als auch im Vertrieb in Kiel aufgebaut, um der Entwicklung des E-Commerce Geschäftes Rechnung zu tragen. Die bestehende E-Commerce-Plattform von PAYONE wird bis zu der Implementierung der geplanten neuen Worldline E-Commerce-Plattform parallel weiterbetrieben und nach nationalen Kundenbedürfnissen weiterentwickelt. Die Servicequalität und Betreuung für unsere Kunden wird dabei unverändert gewährleistet.“

Liest sich (jedenfalls für uns) tatsächlich so, als würde die bestehende Payone-Plattform abgeschaltet, sobald die neue (unserem Verständnis auf Ogone beruhende) übergreifende Plattform startklar ist. Auch wenn Arbeitsplätze angeblich nicht zur Disposition stehen.

Spricht man mit Industrievertretern, dann wird eine Konsolidierung hin zu Ogone  als „vernünftiges“ Szenario beschrieben. „Die technischen Plattformen auf die Gruppenebene zu ziehen, würden Sinn machen – alles andere wäre Kleinstaaterei, auch vor dem Hintergrund der European Payments Initiative“, sagt ein Insider. Gleichwohl: Payone (also die neue Payone) ist ja kein reines Worldline-Unternehmen. Sondern immer noch ein 60-40-Joint-Venture zwischen Worldline und dem Deutschen Sparkassenverlag (DSV). Lassen die Sparkassen also zu, dass ihre eigene Beteiligung (also Payone) zugunsten der gesamten Worldline-Gruppe technologisch entkernt wird?

Payone erklärt hierzu: „Durch die Einbettung in Worldline partizipiert Payone als Joint Venture von Synergien innerhalb des Konzerns. […] Unser Shareholder DSV ist in die Planungen eingebunden und unterstützt das Vorhaben vollumfänglich.“

Die Sparkassen sind beim Ingenico-Deal die Gelackmeierten

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*Genau genommen ist der Sitz von Worldline nicht Paris, sondern Bezons, ein Städtchen vor den Türen von Paris. Sozusagen das Aschheim von Paris.

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