FAQ

Payconiq und iDeal: Was können die beiden EPI-Zukäufe wirklich?

Natürlich klingt das jetzt erst einmal sehr gut alles. Die EPI Company startet mit einem Doppelschlag! Die EPI Company kauft den niederländischen Payment-Dienstleister iDeal!! Die EPI Company kauft den luxemburgischen Paymemt-Dienstleister Payconiq!!!

Auf rund 60% Marktanteil soll iDeal im niederländischen E-Commerce kommen, die Zahl der Bezahlvorgänge wird mit etwa einer Milliarde jährlich angegeben – ein Vielfaches dessen, was hierzulande an Transaktionen über Paydirekt/Giropay läuft. Das Kalkül, so jedenfalls scheint es: Die neue EPI-Wallet soll in den Niederlanden vom Start weg zu den Marktführern gehören und von dort aus dann den Rest Europas aufrollen.

Doch ist die Sache wirklich so einfach? Oder anders gefragt: Was bringen iDeal und Payconiq der (wesentlich von den deutschen Banken finanzierten) European Payments Initiative wirklich?

Versuch eines FAQs:

1.) Was hat EPI da eigentlich gekauft?

  • Der sehr viel stärkere der beiden Zukäufe ist zweifelsohne iDeal. Dabei handelt es sich um das bankeneigene niederländische Online-Bezahlsystem, vergleichbar mit Paydirekt/Giropay hierzulande – allerdings (siehe oben) mit einer ungleich besseren Marktposition. 2020 entfielen laut Geschäftsbericht 40% aller Transaktionen auf Webshops, 21% auf Peer-to-Peer-Überweisungen der Nutzer untereinander und 39% auf sonstige Bezahlvorgänge. Gesellschafter von iDeal waren bislang ABN Amro, ING Groep und Rabobank, also die drei holländischen Großbanken.
  • Funktional gesehen ist Payconiq eine Bezahl-App, mit der sich Nutzer per Peer-to-peer-Verfahren gegenseitig Geld zusenden können – also wie hierzulande mit „Kwitt“. Darüber hinaus lässt sich mit Payconiq mittels QR-Code auch an der Ladenkasse bezahlen. Gegründet wurde das Unternehmen 2015 als Spin-Off der ING Groep. Ausweislich des jüngsten Geschäftsberichts besaß die ING-Diba-Mutter zuletzt allerdings nur noch 44% an Payconiq. Etwa genauso viele Anteile lagen bei der belgischen KBC Bank, 10% bei der Rabobank und 3% bei der Belfius Bank.

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2.) Wird EPI in den Niederlanden gleich durchstarten?

Auf den ersten Blick hat sich die EPI Company durch den Kauf von iDeal den Zugriff auf Millionen von Kunden und (siehe oben) rund 1 Mrd. Transaktionen gesichert. In Wirklichkeit allerdings – ist die Sache sehr viel komplizierter.

Durch die Übernahme von „Currence iDeal“ (so heißt das Unternehmen mit vollständigem Namen) besitzt die European Payment Initiative die Betreibergesellschaft von iDeal – das ist etwa so, als würde sie hierzulande die „Euro Kartensysteme“ übernehmen, also die Betreiberfirma hinter der Girocard. Dabei sollte EPI auch auf die Unterstützung der „Issuing“-Seite zählen können, also auf die Unterstützung jener niederländischen Banken, die iDeal in das neue europäische Bezahlverfahren eingebracht haben (und die hoffentlich incentiviert sind, ihren Teil zum Gelingen des EPI-Projekts beizutragen).

Weniger sicher ist, welchen Weg nun die Endkunden gehen. Wird es den „Issuing“-Banken gelingen, aus den bisherigen iDeal-Nutzern künftige EPI-Kunden zu machen? Selbst wenn der Name des Bezahldienstes wechseln sollte und die Funktionsweise ebenfalls? Überhaupt stellt sich die Frage, wie es jetzt eigentlich weitergeht. Wird iDeal abgeschaltet? Oder laufen EPI und iDeal zumindest vorübergehend parallel?

Entscheidend in diesem Zusammenhang: Was machen die Händler? Aufgrund der überragenden Verbreitung unter den niederländischen Konsumenten sind die Online-Shops bislang gezwungen, ihren Kunden iDeal anzubieten. Ob das künftig noch genauso gilt, sei keineswegs ausgemacht, sagen Branchenkenner. Denn iDeal brauche ja nicht nur die Unterstützung der Issuing-Seite, sondern auch das Einvernehmen mit der Akzeptanz-Seite. Konkret: Was ist mit den Payment Service Providern, deren Aufgabe es ist, die Händler an unterschiedliche Bezahlverfahren anzuschließen (im niederländischen Markt gehört dazu beispielsweise das rasant wachsende und auch hierzulande präsente Fintech Mollie)? Was ist mit den Acquirern, also den Akzeptanzbanken der Händler (zu denen in den Niederlanden seit dem Teilerwerb der ABN Amro im Jahr 2010 auch die Deutsche Bank gehören müsste) – jedenfalls ging es bei dem Deal damals wesentlich um die Geschäftskundensparte)?

Anders als vor einigen Jahren bei der Umbenennung der EC-Karte in Girocard dürfte es bei iDeal/EPI nicht (nur) um ein Rebranding gehen – sondern um eine regelrechte Transition von einer Bezahllösung auf eine andere. Ein Prozess, der viele Unwägbarkeiten bereithält. „Die Akquisition von iDeal war lediglich der erste Schritt. Die eigentliche Operationalisierung dieser Übernahme beginnt jetzt erst“, sagt ein Kenner des Geschäfts. Ob es wirklich die richtige Idee war, an ein bestehendes System anzuknüpfen, wird sich zeigen.

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3.) Welchen Wert hat Payconic für die EPI Company?

Unklar. Anders als iDeal hat sich Payconiq am Markt nie wirklich durchgesetzt, ohnehin beschränkt sich das Angebot inzwischen auf Belgien und Luxemburg (aus den Niederlanden hat sich der Dienst zurückgezogen, in Deutschland war nach einem Pilotprojekt im Raum München vor ein paar Jahren frühzeitig wieder Schluss). Die Folge: 2020 verbrannt Payconiq laut Geschäftsbericht fast 25 Mio. Euro, im vergangenen Jahr waren es dann knapp 14 Mio. Euro.

Um die Umsätze aufzubessern, nutzten die Benelux-Banken die ihnen gehörende Firma zuletzt verstärkt als IT-Dienstleister. Mag sein, dass EPI nun auf diese Kapazitäten zurückgreifen wird. Dennoch argwöhnen Branchenkenner im Falle von Payconic noch viel stärker als im Falle von iDeal, dass es sich letztlich um eine politisch motivierte Transaktion handeln könnte – also dass die belgischen und niederländischen Banken ihr Mitwirken an der EPI-Wallet an die Übernahme ihres Tochterunternehmens geknüpft haben.

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4.) Wird EPI außerhalb von Benelux von den Deals profitieren?

Das erste Feature innerhalb der EPI-Wallet dürfte eine Peer-to-Peer-Funktion werden; insofern ist es sicherlich kein Nachteil, dass iDeal und Payconiq just diese Funktion beherrschen. Indes – siehe oben: Inwiefern aus „iDeal-Transaktionen“ und „Payconiq-Transaktionen“ dann auch wirklich „EPI-Transaktionen“ werden, bleibt abzuwarten.

Darüber hinaus werfen die beiden Übernahmen die Frage auf, in welchem Verhältnis die European Payments Initiative zu anderen nationalen Systemen stehen soll – also beispielsweise hierzulande zu Paydirekt/Giropay. Kritiker monieren, die deutschen Banken hätten auf der Übernahme von Paydirekt/Giropay ebenso beharren müssen wie die Benelux-Banken das mutmaßlich bei Payconiq und angeblich auch bei iDeal getan haben. Allerdings lässt sich dagegen argumentieren: Aufgrund der schwachen Marktposition von Paydirekt/Giropay waren die deutschen Banken in einer viel schwächeren Verhandlungsposition als speziell die niederländischen mit iDeal.

Ganz grundsätzlich dürften im Zuge des Launchs der EPI-Wallet zwei Sachverhalte zu klären sein:

  • Inwieweit sind einzelne Länder bereit, nationale Systeme auch dann zugunsten von EPI aufzugeben, wenn sie dafür (anders als das mutmaßlich bei iDeal und Payconiq der Fall war) finanziell nicht entschädigt werden?
  • Geht es bei der EPI-Wallet in technischer Hinsicht um eine wirklich neue Bezahllösung – oder geht es eher darum, auf bereits bestehende Systeme aufzusetzen und diese miteinander operieren zu lassen?

European Payments Initiative startet mit gleich zwei Akquisitionen

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