Exklusiv

Projekt „Unzer“: Der Wirecard-Coup von KKR und Heidelpay

17. September 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Das Restaurant im Münchner „Hotel Prinzregent“ trägt den Namen „Der Biermann“. Entsprechend erstaunt registrierten die Kellner, dass die Gäste an diesem Abend praktisch allesamt Wasser oder Süßgetränke orderten. Kein Bier? Kein Bier! Was die Kellner vielleicht nicht wussten: Viele Gäste an diesem Abend waren keine normalen Gäste. Sondern: Es handelte sich entweder um Mitarbeiter des soeben implodierten Zahlungsdienstleisters Wirecard. Oder aber: um die Mitglieder einer kleinen Delegation, die sich aus Managern des Zahlungsdienstleisters Heidelpay und des US-Finanzinvestors KKR zusammensetzte.

So jedenfalls erzählt es einer, der dabei war an diesem Abend. Und eine zweite Quelle bestätigt: Jawohl, diese Speeddating-ähnlichen Veranstaltungen habe es gegeben nach der Wirecard-Pleite, organisiert vom Konkurrenten Heidelpay. Ob diese Treffen immer im „Hotel Prinzregent“ stattfanden, wissen wir nicht. Die Vermutung drängt sich allerdings auf. Denn das Prinzregent im Münchner Stadtteil Riem liegt praktischerweise nur wenige hundert Meter entfernt von der Wirecard-Zentrale im Münchner Vorort Aschheim. Die Wirecard-Mitarbeiter konnten sich also quasi auf dem Heimweg um einen neuen Job bewerben.

Wie fruchtbar diese Treffen offenbar waren, zeigt ein flüchtiger Besuch von Linkedin. Dort finden sich auf Anhieb rund ein Dutzend ehemalige Wirecard-Mitarbeiter, die ausweislich ihres Lebenslaufs entweder im September oder sogar schon im August bei Heidelpay eingestiegen sind. Brand Manager. Marketing Manager. Data Scientists. Und so weiter. In Wirklichkeit freilich soll die Zahl der Wirecard’ler, die nach dem Zusammenbruch ihres Unternehmens zum Konkurrenten Heidelpay rübergemacht haben oder im Begriff sind, dies zu tun, noch sehr viel höher sein. Eine unserer Quellen spricht sogar von „weit über 50 Leuten“.

Keine Frage: Alles deutet darauf hin, dass der ehemals mittelständische Heidelberger Zahlungsdienstleister Heidelpay, in dessen mehrheitliche Übernahme KKR im vergangenen Jahr angeblich rund 600 Mio. Euro investierte, die Wirecard-Pleite nutzen will, um nun zum ganz großen Angriff im deutschen Payment-Markt auszuholen.

Was man dazu wissen muss: Die 2003 gegründete Heidelberger Payment galt lange Zeit als ein eher mäßig ambitionierter Player im deutschen Payment-Markt. Das lag auch daran, dass sich Heidelpay aufs sogenannte „Payment Service Providing“  beschränkte – also auf die Anbindung von Händlern an die unterschiedlichen Zahlungsmethoden und die technische Abwicklung der Transaktionen. Fürs anspruchsvollere (und riskantere) Acquiring, bei dem die Zahlung durch die Bücher des Zahlungsdienstleister läuft, fehlte Heidelpay die Lizenz. Und tut das übrigens auch heute noch.

Die Wahrnehmung von Heidelpay änderte sich erst nach dem Einstieg des britischen Finanzinvestors Anacap im Jahr 2017. Unter der Ägide Anacaps tätigte Heidelpay erste Akquisition, namentlich die des Frankfurter Inkasso-Spezialisten Universum (siehe unsere entsprechende Berichterstattung aus dem Januar 2019), des Hamburger Zahlungsdienstleisters Startec und des österreichischen Payment-Spezialisten mp24. Nach dem Einstieg von KKR (und dem parallelen Ausstieg von Anacap) im vergangenen Sommer erhöhte Heidelpay allem Anschein nach sogar noch einmal die Schlagzahl. So berichtete Finanz-Szene.de dieses Frühjahr exklusiv vom Einstieg beim Berliner Kassensystem-Anbieter Tillhub sowie von der geplanten Übernahme des auf Risiko-Management spezialisierten Hamburger Finanz-Startups Risk42. Schon damals stellten wir fest:

„Zunächst Anacap und nun KKR versuchen nach der bei PE-Fonds beliebten „Buy & Build“-Methode einen breit aufgestellten Payment-Dienstleister zu errichten, der das Zeug haben könnte, es zumindest innerhalb der DACH-Region mit Schwergewichten wie Wirecard oder Nets/Concardis aufzunehmen. Jedes der ursprünglich sechs Einzelunternehmen bringt dabei spezifische Stärken in das entstehende neue Konglomerat ein.“

Mit dem Anwerben offenbar Dutzender bisheriger Wirecard-Mitarbeiter erhalten die Pläne von KKR und Heidelpay nun noch einmal eine neue Qualität. Zumal sich unter den ehemaligen Wirecard’lern, so berichten es Insider, auch etliche Sales- und Account-Spezialisten befinden sollen. Heißt: KKR und Heidelpay haben es allem Anschein nach darauf abgesehen, mit den Wirecard-Mitarbeitern gleich auch Wirecard-Kunden an Land zu ziehen. Doch das ist noch nicht alles: Denn unseren Informationen zufolge steht das neue Heidelpay-Konglomerat zugleich vor einem Rebranding. Der neue Namen soll „Unzer“ lauten (oder möglicherweise auch kleingeschrieben „unzer“), ausgesprochen offenbar englisch, womöglich auch zur Vorbereitung einer internationalen Expansion. Weder zu dieser noch zu unseren übrigen Informationen war gestern eine offizielle Bestätigung zu erhalten.

Hochinteressant in diesem Zusammenhang: Ist KKR (und also indirekt Heidelpay) darüber hinaus auch an der Wirecard Bank sowie an sonstigen im Zuge des Insolvenzverfahren zum Verkauf stehenden Kern-Assets von Wirecard interessiert? Das „Handelsblatt“ berichtete Ende letzter Woche, KKR zähle zu den sechs verbliebenen Bietern. In der Pole Position allerdings seien andere, nämlich das britische Telekomunternehmen Lycamobile und ein weiterer US-Finanzinvestor, nämlich Apollo. Plausibel erscheint, dass zahlungswillige Bieter wie Apollo oder Lycamobile die Favoriten des Insolvenzverwalters sind. Fragt sich nur: Was will die Finanzaufsicht Bafin, die ja zumindest beim Verkauf der Wirecard Bank mitzureden hat?

Als offenen Geheimnis gilt, dass die Bafin die Wirecard Bank am liebsten in die Hände der Deutschen Bank gelegt hätte – und zwar schlicht, um sich etwaige Scherereien zu sparen, sollte eine Nichtbank die Wirecard Bank und deren Banklizenz übernehmen. Indes: Die Deutsche Bank hat ihr Interesse erklärtermaßen verloren. Womit dem Vernehmen nach nur noch eine Großbank unter den Bietern ist, nämlich Santander. Ist das jetzt der neue Favorit der Bafin? Schwer zu sagen. Fest immerhin steht: KKR und Heidelpay sollte man kaum mehr als Außenseiterchancen einräumen. Was das Duo aber nicht unbedingt stören muss. Denn was KKR und Heidelpay wirklich wollten – das haben sie offenbar bekommen.

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