Deep Dive

Braun-Rücktritt & Aktien-Crash: Was steckt hinterm Wirecard-GAU?

19. Juni 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Wirecard-Wahnsinn, Tag 2: Die Aktie um bis zu 46% runter, Vorstandschef Braun zurückgetreten, und die philippinischen Banken, die angeblich die Treuhand-Milliarden halten sollten – wissen nach eigener Aussager nichts davon. Wie gesagt, Wahnsinn.

Gibt es irgendeine Erklärung für das, was da gerade passiert? Findet sie sich eventuell in den Bilanzen, wenn man genau hinguckt? Unser Deep Dive:

1.) Wirecard und das positive Working Capital

Dan McCrum, der „Financial Times“-Journalist, der sich über die Jahre wie niemand sonst in Wirecard verbissen hat, warf bereits in einem seiner ersten Wirecard-Blogposts [„Wirecard: Adjust your perspective (part 1)“ vom 23. Juli 2015″] eine hochinteressante Frage auf – nämlich die nach dem Working Capital, also sozusagen dem Betriebskapital des Aschheimer Zahlungsdienstleisters.

Dazu muss man wissen: Die meisten Unternehmen sind per Definition Working Capital-positiv, weil sie ihre Produkte zunächst einmal produzieren müssen (was Geld verschlingt), bevor sie sie verkaufen können (was Geld bringt). Sie brauchen also Working Capital.

Anders ist das bei Acquirern wie Wirecard (die nun folgende Passage ist aus Zeitgründen komplett einer Wirecard-Analyse entnommen, die 2017 bei „manager-magazin.de“ erschien; der Autor des damaligen Artikels ist auch der Autor dieses Artikels hier):

Ein Acquirer ist ein Zahlungsdienstleister, der bei Kreditkarten-Transaktionen zwischen die Kartenfirma auf der einen und den Einzelhändler auf der anderen Seite tritt. Das bedeutet konkret: Bezahlt ein Kunde per Kreditkarte, dann fließt das Geld von Visa oder Mastercard nicht direkt zum Händler, sondern geht zunächst einmal an den Acquirer. Erst mit zeitlichem Verzug leitet der das Geld dann an den Einzelhändler weiter.

Bilanziell gesehen hat dieses Geschäftsmodell folgende Implikationen: Beim Acquirer bilden sich Forderungen gegenüber den Kreditkartenfirmen und Verbindlichkeiten gegenüber den Händlern. Wird der Zahlungsfluss in Gang gebracht, verwandeln sich die Forderungen in Cash, das zunächst hineinrinnt in die Bücher des Acquirers (von den Kartenfirmen). Irgendwann aber rinnt es auch wieder hinaus (zum Händler) – womit sich nach den Forderungen auch die Verbindlichkeiten wieder auflösen.

Heißt: Das Geschäft generiert zunächst einmal mehr Verbindlichkeiten (gegenüber Händlern) als Forderungen (da die Kartenfirmen ja rasch überweisen). Die Differenz zwischen Verbindlichkeiten und Forderungen ist der Cash, den der Acquirer bereits von den Kreditkarten-Organisationen erhalten, aber noch nicht an den Händler weitergeleitet hat.

Mit anderen Worten: Acquirer benötigen in der Regel kein Working Capital, sondern sie haben es – und zwar im Überfluss. Sie müssten per Definition eigentlich Working Capital-negativ sein. Wirecard indes war dies nur bis 2011 und danach nie wieder.

2.) Die Wirecard Bank AG – ein phänotypischer Acquirer

Es gibt innerhalb der Wirecard-Konzerns eine Gesellschaft, die aus bilanzieller Sicht der Vorstellung eines Acquirers geradezu idealtypisch entspricht. Nämlich die Wirecard Bank AG, über die ein beträchtlicher Teil des europäischen Acquiring-Geschäfts abgewickelt wird.

Per Ende 2015 kam die Wirecard Bank AG …

  • auf „Forderungen gegenüber Kreditkarten-Organisationen“ in Höhe von 37,6 Mio. Euro
  • und auf einen „Überschuss aus liquiden Mitteln aus dem Acquiring-Bereich“ (sprich Acquiring-Cash) in Höhe von 281,8 Mio. Euro.
  • Rechnerisch ergaben sich hieraus Acquiring-Verbindlichkeiten in Höhe von 319,4 Mio. Euro

Die Zahlen erscheinen plausibel. Die 281,8 Mio. Euro „Cash“ sind das Geld, das die Kreditkartenfirmen zum Bilanzstichtag bereits überwiesen hatten – das Wirecard aber noch nicht an die Händler weitergereicht hatte. Die 37,6 Mio. Euro sind das Geld, dass die Kreditkarten-Schemes der Wirecard Bank AG noch schuldeten. Und dem gegenüber standen (als Summe aus Forderungen und Cash) die Verbindlichkeiten der Wirecard Bank AG gegenüber den Händlern. Das Bafin-regulierte Institut war also (anders als die Mutter) in der Tat Working Capital-negativ.

3.) Die Wirecard AG – ein aus bilanzieller Sicht untypischer Acquirer

Eigentlich sollte man meinen, dass sich Positionen der Wirecard Bank AG in der Bilanz des Wirecard AG widerspiegeln. Stattdessen stellten sich die Zahlen per Ende 2015 völlig anders dar:

Man sieht: Zwar entsprachen die Acquiring-Verbindlichkeiten der Wirecard Bank AG weitgehend der Passiv-Seite des Mutterkonzerns – auf der Aktivseite indes war das Bild ein völlig anderes: Lagen die Acquiring-Forderungen der Bank bei nur 37,6 Mio. Euro, so türmten sich im Konzern die Acquiring-Forderungen auf 334 Mio. Euro. Heißt: Per Ende 2015 gab es im Wirecard-Konzern gigantische Acquiring-Forderungen, denen allerdings keine entsprechenden Verbindlichkeiten gegenüberstanden.

4.) Wirecards Forderungen – und Wirecards Übernahmen

Ob Acquirer oder „ normales“ Unternehmen: Hohe Forderungen wecken bei Bilanzexperten gern mal Skepsis. Denn wenn ein Unternehmen eine üppige Forderungsposition aufweist, dann stellt sich irgendwann die Frage: Wie werthaltig sind diese Forderungen eigentlich? Falls sie nämlich werthaltig wären – müssten sie dann nicht irgendwann beglichen und also in Cash gewandelt werden?

Tatsächlich kam unter den ansonsten komplett unkritischen Sellside-Analysten in früheren Jahren ab und an mal die Frage hoch, ob Wirecard angesichts folgender Merkmale …

  • Cash-positives Geschäftsmodell
  • immens hohe Forderungen
  • ein Jahr für Jahr steil steigendes Ebit

… nicht eigentlich über mehr Geld in der Kasse verfügen müsste.

Es gab allerdings auch ein Argument, mit dem sich diese zarten Bedenken zerstreuen ließen: Allein zwischen 2011 und 2016 tätigte Wirecard 15 Übernahmen in 13 verschiedenen Ländern. Hier mal 30 Mio. Euro für die GFG Group in Neuseeland. Dort mal knapp 90 Mio. Euro für PT Aprisma in Indonesien. Das Ganze kulminierte schließlich 2015 in der Akquisition der indischen GI Retail für 340 Mio. Euro.

Wohlmeinende Betrachter deuteten das Ganze so: Die Forderungen wandeln sich tatsächlich in Cash – was man zu den Bilanzstichtagen aber nicht mehr unbedingt sieht, weil das Cash zu diesem Zeitpunkt schon wieder aus dem Unternehmen herausgeflossen ist. Nämlich um die Übernahmen zu begleichen.

Indes: War es wirklich so?

Wirecards Übernahmen jedenfalls provozierten immer wieder öffentliche Skepsis, das galt besonders für besagten 340-Mio.-Euro-Deal in Indien (siehe zum Beispiel die Artikel hier, hier, hier, hier, hier und hier). Man fragte sich: Warum zahlt Wirecard so viel Geld für ein relativ unbekanntes Unternehmen? Als Verdacht schwang mit: Floss bei den Übernahmen womöglich Geld in dunkle Kanäle?

Wirecard hat solche Mutmaßungen stets zurückgewiesen. Und tatsächlich konnte (so weit wir wissen) nie ein Fehlvergehen wirklich nachgewiesen werden. Vor dem Hintergrund der gestrigen Ereignisse (nochmal: laut Ernst & Young fehlt der Nachweis für 1,9 Mrd. Euro Cash …) muss die Frage nach den damaligen Übernahmen allerdings trotzdem erlaubt sein. Wobei man die Frage womöglich ein bisschen anders formulieren muss:

Nicht: Floss Geld in dunkle Kanäle?

Sondern: Wie viel Geld floss überhaupt?

Wurden die Akquisitionen möglicherweise größer dargestellt, als sie waren? Und dienten die Transaktionen womöglich dazu, einen Abfluss von Cash (und also auch: ein Vorhandensein von Cash) vorzuspielen, den es so gar nicht gab?

Da die für gestern geplante Bilanz-PK kurzfristig abgesagt wurde, konnten wir die Fragen dem Wirecard-Management nicht stellen. Wir wandten uns daher am Nachmittag an die Pressestelle, erhielten aber keine Antwort. Natürlich gehen wir weiterhin davon aus, dass bei den Übernahmen alles mit rechten Dingen zuging.

5. ) Wirecards „externe Partner“

Die Höhe der Wirecard-Forderungen waren 2015 das eine, was uns umtrieb. Das andere war der Charakter dieser Forderungen. Denn: Kann es überhaupt Acquiring-Forderungen geben, denen bilanziell gesehen keine Acquiring-Verbindlichkeiten gegenüberstehen?

  • Nach unserer Auffassung waren die damaligen Forderungen keine „echten“ Acquiring-Forderungen. Sondern sozusagen „unechte“ (Wirecard wies diese Unterscheidungs damals zurück). Es handelte sich nämlich nicht um Gelder, die Wirecard von Visa oder Mastercard erwartete, um sie an die Händler weiterzuleiten. Sondern: Es ging um Gelder, die Wirecard bei lokalen Acquiring-Partner als „Sicherheiten“ hinterlegte, um diese Partner vor potenziellen Ausfällen zu schützen.
  • Die „unechten“ Forderungen machten per Ende 2015 rund 250 Mio. Euro und damit drei Viertel von Wirecards gesamten Acquiring-Forderungen aus

Wer die „Acquiring-Partner“ waren, wollte das Unternehmen damals nicht sagen. Aber plausiblerweise handelte es sich genau um jene obskuren Unternehmen in Dubai und Singapur, die drei Jahre später durch diverse Enthüllungsberichte der „Financial Times“ (siehe vor allem: hier, hier und hier) fragwürdige Berühmtheit erlangen sollten. Und es sind auch die Unternehmen, die im KPMG-„Sonderprüfbericht“ aus dem April 2020 als sogenannte „Third Party Acquirer“ eine zentrale Rolle spielen.

6. Die Rolle von Ernst & Young

Bilanzfälschung (haben wir uns erklären lassen) funktioniert normalerweise wie folgt:

  • Ich stelle Rechnungen für Leistungen, die ich nicht erbracht habe
  • Dadurch steigen meine Forderungen
  • Durch den Anstieg meiner Forderungen wachsen in der Bilanz die Aktiva und erhöht sich in der GuV der Gewinn

Nun wollen natürlich nicht behaupten, dass es bei Wirecard zu Bilanzfälschungen gekommen ist; dafür haben wir keinerlei Beweise. Wir wollen auf etwas anderes hinaus:

Es waren ja gar keine Forderungen, die zum Bruch zwischen Wirecard und Ernst & Young geführt haben. Sondern: Es waren fehlende Prüfungsnachweise über die Existenz „von Bankguthaben“. Also quasi Cash. Und zwar (siehe oben) in astronomischer Höhe. Ähnlich hatte sich Ende April auch schon KPMG im „Sonderprüfbericht“ geäußert. Da war von „nicht hinreichend nachgewiesenen Einzahlungen auf Treuhandkonten“ die Rede gewesen.

Sind diese Bankguthaben binnen nur eines Jahres aufgelaufen? Oder hätten sie nicht auch schon in früheren Jahren Zweifel beim Wirtschaftsprüfer wecken müssen? Denn: Während einem Unternehmen, das falsche Forderungen bilanziert, nur sehr schwer beizukommen ist, liegt die Sache bei „falschem Cash“ ein bisschen anders (haben wir uns jedenfalls wiederum erklären lassen).

Denn: Cash ist da. Oder es ist nicht da. Auf dem Konto liegt Geld. Oder es liegt dort keines. Bestätigungen über Banksalden existieren. Oder sie existieren nicht. „Es gibt klare Verfahren, wie sich das validieren lässt“, sagte uns gestern ein Experte. „Darum sollte man als Wirtschaftsprüfer bei der Cashposition eigentlich immer wissen, woran man ist.“

Per Ende 2018 war mit dem Cash noch alles in Ordnung – doch per Ende 2019 fehlten plötzlich Nachweise im Umfang von 2 Mrd. Euro? Bemerkenswert.

7. Wirecard und der Cash

… womit wir bei der Frage wären: Wie kommt der viele Cash überhaupt in die Bilanz von Wirecard? Hatten wir nicht weiter oben gesagt, dass es 2015 noch die Forderungen waren, die ungewöhnlich hoch anmuteten?

Tatsächlich ist  auf der Aktivseite der Wirecard-Bilanz in den letzten Jahren ein bisschen was in Bewegung geraten. Forderungen gibt es zwar immer noch reichlich (übrigens nicht nur aus dem Acquiring-Geschäft, sondern auch aus Händlerkrediten und aus Darlehen, die über Fintech-Plattformen ausgereicht werden) – daneben nehmen aber auch sogenannte „Trustee Accounts“ eine immer größere Rolle ein. Also jene Gelder, für die jetzt die Nachweise fehlen.

Bei den „Trustee Accounts“ soll es sich, wenn wir es richtig verstehen, um von Treuhändern verwahrte Guthaben handeln, die im Geschäft mit besagten „Third Party Acquirern“ entstehen. Doch stimmt das so überhaupt? Oder wurde hier eine Legende gestrickt? Zumal: Ist die Klassifizierung dieser Guthaben als „Cash“ überhaupt zulässig? KPMG jedenfalls äußerte hieran im „Sonderprüfbericht“ größte Zweifel. O-Ton: Es sprechen „Argumente gegen die von Wirecard vorgenommene Bilanzierung der Escrow Accounts als Zahlungsmittel bzw. Zahlungsmittel-Äquivalente.“

Darum nun noch einmal zum Mitschreiben:

  • 2015 fanden sich auf der Aktivseite der Wirecard-Bilanz aus Drittpartner-Geschäft herrührende Acquiring-Forderungen, die keine Acquiring-Forderungen waren (jedenfalls nicht aus unserer Sicht)
  • 2019 fand sich auf der Aktivseite der Wirecard-Bilanz aus Drittpartner-Geschäft herrührender Cash, der gar kein Cash war (jedenfalls nicht aus Sicht von KPMG)
  • Und jetzt kommt Ernst & Young und nährt massive Zweifel an der schieren Existenz der Bankguthaben.

Was ist da gelaufen? Und wenn ja – wie lange schon?

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