Alles zum 11-stündigen (!) Ausfall des EU-Zahlungsverkehrs

26. Oktober 2020

Von Christian Kirchner

Wenn in der Öffentlichkeit von „Target2“ die Rede ist, dann geht es normalerweise um den einst von Professor Sinn popularisierten Umstand, dass die Bundesbank Forderungen in Billionenhöhe gegenüber der EZB angehäuft hat. Kenner der Materie freilich wissen: Im Kern steht das Stichwort „Target2“ für etwas anderes. Nämlich nicht für eine volkswirtschaftliche Debatte. Sondern für große Teile des Zahlungsverkehr in der Eurozone.

In Zahlen: Über das sogenannte „Target2“-System werden tagtäglich Zahlungstransaktionen, Liquiditätstransfers und Wertpapiergeschäfte im Umfang von fast 2.000 Mrd. Euro abgewickelt – jedenfalls an normalen Tagen. Am vergangenen Freitag indes war alles anders. Da nämlich erlitt das „Target2“-System der EZB gegen 14.40 Uhr einen veritablen technischen Kollaps, wie am Montagvormittag dank exklusiven Recherchen von Finanz-Szene.de öffentlich wurde. Der Totalausfall dauerte fast elf (!) Stunden, bei manchen Banken stauten sich Transaktionen in signifikant zweistelliger (!) Milliardenhöhe, Insider bemühen Beschreibungen wie „beispiellose Panne“ und „unglaubliche Peinlichkeit“. Vor allem aber, erstens: Es hätte wohl alles noch schlimmer kommen können. Und zweitens: Angeblich ist die Ursache des Mega-Kollaps völlig unklar.

Hier kommt alles, was sich bislang zu dem Vorfall recherchieren lässt:

Was genau ist passiert?

Am Freitag um 14.40 Uhr kam es zum technischen Kollaps des sogenannten Target2-System. Erst Samstagfrüh gegen 1.20 Uhr war der IT-Schaden weitgehend behoben. In der Zwischenzeit – fast 11 Stunden lang – konnten die Geschäftsbanken in der Eurozone untereinander weder Zahlungstransaktionen abwickeln noch Liquidität transferieren noch Wertpapiergeschäfte abrechnen. Um den Instituten die Gelegenheit zu geben, zumindest einen Teil der Transaktionen nachzuholen, wurden das Target2-System nach der Wiederherstellung bis 3.30 Uhr am Samstagmorgen offengehalten. Zur Einordnung: Die normale „Cut-Off-Time“ wäre 18 Uhr am Freitagabend gewesen.

Wörtlich spricht die EZB in ihrem Memo zum Vorfall von einem „major incident“ (schweren Vorfall) und von „internal issues“ (internen Problemem). Technische Details zu dem Vorfall allerdings gibt sie bislang keine preis. Klar ist aber auch: Alle Sicherungssysteme und „Backups“ haben auch nicht funktioniert, als man sie gebraucht hat.

Was genau ist Target2?

Target2 ist das System der Euro-Zentralbanken für die schnelle Abwicklung von Zahlungen und Wertpapier-Transaktionen. Die Abkürzung steht für „Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System“. Das System entstand durch die Zusammenführung der nationalen Zahlungsverkehrs-Systeme mit dem der EZB  im Jahr 2008. Seitdem können die beschriebenen Transaktionen quasi in Echtzeit abgewickelt werden. In Europa sind über 1000 Banken an das System angeschlossen.

Vereinfacht gesagt, kommt Target2 immer dann zum Einsatz, wenn Transaktionen aller Art zwischen unterschiedlichen Banken abzuwickeln sind. Sie entstehen quasi automatisch, wenn die täglich vielen Millionen Überweisungen, Lastschriften und Kartentransaktionen saldiert werden. Aber: Auch milliardenschwere Liquiditätstransfers zwischen einzelnen Instituten laufen über das Target2-System. Die technischen Dienstleister der Plattform sind die Deutsche Bundesbank, die Banca d’Italia und die Banque de France.

Wie groß ist Target2?

Über das Target2-System wurden 2019 Transaktionen im Wert von rund 1700 Mrd. Euro pro Tag abgewickelt. Rund 60% der Transaktionen entfallen auf klassische Kunden-Transaktionen, rund 25% auf Interbanken-Geschäfte. Ebenfalls betroffen vom Ausfall am Freitag war die Wertpapierabwicklung mit dem Kürzel T2S für „Target2Securities“. Hier wurden 2019 pro Tag rund 926 Mrd. Euro abgewickelt.

Was macht die Panne so besonders?

Finanz-Szene.de sprach gestern mit Experten verschiedener betroffener Institute. Durchweg wurden Begriffe wie „beispiellose Panne“ oder auch „unglaubliche Peinlichkeit“ bemüht, um das Ausmaß der Vorfalls zu beschreiben.

Dass diese Schilderungen nicht übertrieben sind, zeigen auch die drei folgenden Sachverhalte:

  1. Selbst die offizielle EZB-Mitteilung spricht davon, dass sämtliche Sicherungssysteme, die bei technischen Schwierigkeiten im Target2-System eigentlich anspringen müssten, versagt hätten: „Neither the failover to the secondary site in the same region nor the opening of the contingency module were possible“, heißt es im englischen Original, was sich frei ungefähr so übersetzen lässt: Weder die Ausfallsicherung noch das Notfallmodul hätten funktioniert, als es darauf angekommen sei.
  2. Den jährlichen Verfügbarkeitsberichten zum Target2-System auf den Seiten der EZB ist zu entnehmen, dass Ausfälle ansonsten sehr selten sind – und dass es, wenn die Technik doch einmal streikt, um Minuten geht und nicht um Stunden. Gemessen werden Vorfälle mit Verzögerungen in der Abwicklung von bis zu 5 Minuten, 5-15 Minuten sowie >15 Minuten. Seit Anfang 2017 hat es den Berichten  zufolge nur sieben dieser Verzögerungen überhaupt gegeben. Bei der längsten handelte es sich eine um zwei Stunden verzögerte Auslieferung von Datensätzen – verglichen mit dem einem diesmal mehr als zehnstündigen Totalausfall.
  3. Nach Finanz-Szene.de-Informationen stauten sich bei einzelnen Banken Transaktionen mit einem neun- bis zehnstelligen Volumen. Bei einem Institut soll es sogar um eine mittlere zweistellige (!) Milliardensumme gegangen sein.

Sind auch Endkunden betroffen?

Laut einem Finanz-Szene.de vorliegenden Bundesbank-Rundschreiben könnte am Montagmorgen auch das SEPA-System betroffen gewesen sein – also der „normale“ Zahlungsverkehr auch für privaten Girokonten. Die von Finanz-Szene.de befragten Institute wollten dies nicht generell ausschließen. Allerdings wiesen die Experten in den Banken mehrheitlich darauf hin, dass sich der durch den Komplettausfall verursachte Transaktionstau am Samstag und Sonntag durch Sonderschichten weitgehend habe auflösen lassen. Übereinstimmend hieß es:  Glücklicherweise sei es zu der Megapanne an einem Freitag gekommen. „Das hat uns die Möglichkeit gegeben, alles am Wochenende nachzuarbeiten. Werktags wäre das mit Sicherheit nicht möglich gewesen wäre“, so der Vertreter einer Bank.

Was sagen EZB und Bundesbank?

Jenseits der offiziellen Stellungnahme: Nichts. Die EZB habe „nichts hinzuzufügen“, hieß es gestern auf Anfrage, die Bundesbank meinte, sie wollte „einer laufenden Fehleranalyse nicht vorgreifen“. Das ist insofern verwunderlich, als dass der Hauptkritikpunkt einiger von Finanz-Szene.de befragten Banken gerade war, dass man sich über die Entwicklung nur unzureichend informiert fühlt. Mithin: Es herrscht seit Freitag also allseits Rätselraten. In der offiziellen Erklärung wird lediglich ausgeschlossen, dass es sich bei dem System-Kollaps um die Folge eines Cyber-Angriffs handele.

Was gibt dem Ganzen noch eine besondere Note?

Dass das Target2-System 2022 in seiner bisherigen Form abgeschaltet werden soll und die Marktinfrastruktur des Euro-Systems ab dann neu aufgestellt werden wird – und zwar mit einer, Zitat Bundesbank-Präsentation, „Big Bang“-Migration auf neue Systeme (siehe auch hier).  Die entsprechende Einführung wird seit 2018 vorbereitet.

Target2 – war da nicht irgendwas mit den südeuropäischen Staaten?

Der guten Ordnung halber (und wie eingangs bereits angedeutet): Über die so genannten „Target2-Salden“ tobt seit Jahren ein heftiger Streit unter Ökonomen. Der hat aber nur am Rande mit dem Vorfall von Freitag zu tun.

Konkret leitet sich Streit aus der tägliche Zusammenführung aller Forderungen und Verbindlichkeiten der nationalen Zentralbanken gegenüber der Europäischen Zentralbank ab (auch das war übrigens am Freitag zeitweise nicht möglich). Ob eine nationale Notenbank wie die Bundesbank eine Forderung gegenüber der EZB besitzt oder im Gegenteil eine Verbindlichkeit ihr gegenüber aufgebaut hat, hängt dabei unter anderem davon ab, in welchem Umfang die „eigenen“ Banken Geschäfte mit Banken im Ausland gemacht haben oder Liquidität transferiert wird.

Über die Jahre hat die Bundesbank hier Forderungen in Höhe von aktuell rund 1100 Mrd. Euro aufgebaut, das ist quasi die Summe der täglichen Target2-Saldierungen. Kritiker halten diese Forderungen für im Krisenfall womöglich „uneinbringlich“ und eine verdeckte Form der Staatsfinanzierung. Das ist indes eine Haltung, der selbst die Bundesbank seit einer Weile entgegen tritt.

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