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Wie Deutschlands Banken die Apple-Pay-Revolution verpassten

9. Dezember 2019

Von Marcus Mosen*

Ein Jahr ist vergangen seit dem Deutschland-Start von Apple Pay – und nein: Offizielle Zahlen, wie viele Menschen die neue Bezahlart wirklich schon nutzen, liegen immer noch nicht vor. Ein hochrangiger Payment-Manager (und zwar einer, der es wissen muss) sagte mir allerdings kürzlich, die Transaktionszahlen seien „erschreckend hoch“.

Was plausibel klingt. Denn nur noch mal zur Erinnerung: Beim Launch im Dezember 2018 bot gerade mal eine Handvoll namhafter Banken (Deutsche Bank, N26, Comdirect, HVB …) Apple Pay an. Seitdem jedoch sind praktisch alle anderen Institute aufgesprungen, einige geradezu hektisch (die ING Diba), andere fast widerwillig (Sparkassen und Genobanken).

Offenbar ist die transformatorische Kraft von Mobile Payment nun auch den letzten Marktteilnehmern bewusst geworden. Was die Frage aufwirft: Warum hat es so lange gedauert? Warum haben viele deutsche Banker schon wieder einen potenziell umwälzenden Trend im Zahlungsverkehr verschlafen?

Um dies zu verstehen, muss man nicht nur ein, sondern sechs Jahre zurückblicken, nämlich ins Jahr 2013, als die Europäische Union entschied, die Interchange-Gebühr bei Kredit- und Debitkarten auf 0,3% bzw. 0,2% zu deckeln – also die Gebühr, die der Händler bei einer Kartenzahlung an die kartenausgebende Bank abführt. Einige Zahlungsverkehrs-Manager innerhalb der deutschen Kreditwirtschaft sprachen sich damals dafür aus, das Herausgeben von Mastercard- oder Visa-Karten wegen mangelnder Profitabilität einzustellen oder in dieses Geschäft zumindest nicht weiter zu investieren. Die Kunden? Haben doch die Girocard.

Ende 2015 traten die Interchange-Gebühren dann in Kraft. Und seitdem? Ist gemäß Bundesbank-Statistik die Anzahl der Kreditkarten in Deutschland um mehr als 10 % gestiegen. Noch gar nicht eingerechnet sind die Debitkarten von MasterCard, die 2016 auf den deutschen Markt kamen, und das Debitprodukt von Visa, das drei Jahre später folgen sollte. Das Payment-Volumen, das hierzulande über die beiden internationalen Karten-Schemes abgewickelt wird? Ist laut Bundesbank in den letzten drei Jahren sogar um rund 30 % in angestiegen. Die Kunden haben doch die Girocard? Von wegen.

Nun muss man fairerweise sagen, dass die Transaktionszahlen der Girocard parallel ebenfalls zugelegt haben. Wenn das Kalkül allerdings so aussah, dass im Zuge der Digitalisierung des Zahlungsverkehrs alle Kartenarten profitieren – dann ging dieses Kalkül zunächst einmal auf. Bloß: Mit dem Marktstart von Apple Pay wurde diese Strategie zum Bumerang. Denn mobiles Bezahlen hat aufgrund seiner Einbettung in neue, digitale Ökosysteme das Potenzial, den klassischen Zahlungsverkehr, wie ihn die Banken einst installiert haben, von Grund auf zu ersetzen. Es geht nicht mehr um das Nebeneinander verschiedener Karten. Es geht um die Verdrängung der physischen Girocard durch die mobile Revolution.

Die Entscheidungsträger in der deutschen Kreditwirtschaft haben das viel zu spät erkannt – und manche wohl selbst heute noch nicht. Stattdessen reagierten sie auf die Einführung von Apple Pay genauso wie auf die gesetzliche Deckelung der Interchange: Von Tim Cook, also dem Apple-Chef, lassen wir uns unsere Gebühren genauso wenig kaputtmachen wie von der EU-Kommission. Die Kunden? Haben doch die Girocard.

Wie konnte es zu dieser neuerlichen, diesmal viel dramatischeren Fehleinschätzung kommen?

  • Das Thema Mobile Payment spielte bei der Entwicklung neuer Zahlungsverkehrs-Strategien innerhalb der DK bis zuletzt nur eine untergeordnete Rolle.
  • Das lag auch daran, dass die vermeintlichen Payment-Strategen den „Point of Sale“ nicht im Fokus hatten. Stattdessen waren sie mit dem Thema E-Commerce beschäftigt. Paydirekt hatte Priorität.
  • Zudem wurde die Konkurrenz durch die Debitkarten von Mastercard und Visa dramatisch unterschätzt. Erst mit dem Launch von Apple Pay dämmerte es den Banken, dass die beiden US-Schemes kartenseitig die großen Gewinner der mobilen Revolution werden könnten.

Und nun? Plötzlich sind überall Vorträge zu hören, in denen betont wird, die Bigtechs würden „zunehmend die Kundenschnittstelle besetzen“ – so als wäre das eine neue Erkenntnis. Parallel wird die Lobbymaschine angeschmissen. Stichwort: „Lex Apple Pay“. Die strategischen Antworten auf die Mobile-Payment-Revolution fallen indes karg aus. Während draußen die Revolution tobt (siehe:-> Facebook/Libra, → Apple Card/Goldman, → Paypal/Synchrony), flüchtet sich die hiesige Zahlungsverkehrsindustrie in kryptische Hashtags. Siehe: #DK. #Peps.

Im Kern geht es dabei um die Verknüpfung von Girocard, Paydirekt, Giropay und Kwitt – und die spätere Einbettung des Ganzen in einen irgendwie europäischen Kontext. Man kann in den hektischen Initiativen aber auch etwas anderes sehen – nämlich das Eingeständnis, dass bei all diesen Produkten in den letzten Jahren entweder zu wenig oder zu spät investiert wurde. Die daraus resultierenden Positionierungs- und Akzeptanzprobleme sollen nun durch eine (überfällige) Zusammenlegung der Aktivitäten unter einem Dach und womöglich einer gemeinsamen Brand gelöst werden. Das wesentliche Produkt in dieser Melange ist die Girocard. Sie soll für Apple Pay aufgerüstet werden, d.h. die Girocard ist dann nicht nur am POS, sondern auch im E-Commerce einsetzbar – im Prinzip eine funktionale Fusion von Girocard mit Paydirekt.

Der tiefere Gedanke dahinter ist, die Girocard genauso omnichannel-fähig zu machen, wie es die Debitkarten von Visa und Mastercard schon sind. Auf diesem Wege will die DK die Girocard als die deutsche Lösung für Apple Pay etablieren. Wenn Banken und Sparkassen nun zuerst die von ihnen ausgegebenen Kreditkarten für Apple Pay aktivieren – dann ist das im Grunde ein Überbrückungs- bzw. „Fall back“-Angebot. Bloß: Da die Kreditkarte nicht direkt am Bankkonto autorisiert wird, kann die Transaktionshistorie nur in der Apple-Wallet eingesehen werden, nicht jedoch in der Banking-App. Dies ist ein klarer UX-Nachteil gegenüber den Lösungen, die mit internationalen Debitkarten umgesetzt werden.

Dass die DK beim Thema ApplePay offenbar vor allem die isolierte Profitabilität der Girocard im Fokus hat, zeigt sich jetzt auch beim Zankapfel um die Öffnung von Apples NFC-Schnittstelle. Das Kalkül der deutschen Banken liegt darin, die Apple-Pay-Funktionalität direkt in die eigene Banking-App zu integrieren – damit der Kunde also beispielsweise die „Mobiles Bezahlen“-App seiner Sparkasse statt die Apple-Wallet nutzt. Dann bleibt der Kunde im eigenen Ökosystem – und das Abgeben eines Teils der Interchange glaubt man damit auch vermeiden zu können.

Was die Strategen dabei aber außer Acht lassen ist, dass die Payment-Funktion nur eine von mehreren Funktionen innerhalb des Apple-Wallets darstellt. Diese hat viel weitergehende Funktionen wie z.B. digitale Tickets vorhalten, Zugang ermöglichen, digitale Loyalty-Cards ermöglichen, Cash- oder Transit-Transaktionen vereinfachen. Und diese Einzelfunktionen werden im digitalen Zusammenspiel für den Konsumenten und den Handel am POS und im E-Commerce künftig mehr und mehr Relevanz erlangen.

Der vermeintliche „Spareffekt“ durch die Öffnung der NFC-Schnittstelle wird daher mit hoher Wahrscheinlichkeit bei vielen Banking-Apps mit einer Einbuße an optimaler UX bezahlt werden. Damit stellt sich auch die Frage, ob Kunden ihr gesamtes Portemonnaie in eine Banking-App integriert haben wollen. Oder ob sie nicht doch lieber – wie sie es vom klassischen Portemonnaie gewohnt sind – einfach eine digitale Wallet mit einer Vielzahl von verschiedenen Karten und Funktionen außerhalb der Banking-App nutzen möchten.

Hier übrigens knüpft sich dann das nächste und für die Banken dann wirklich existenzielle Thema an: Wer einmal Mobile Payment über eine digitales Wallet betreibt – bei dem könnte sich das Smartphone bald als kundenzentrisches Frontend für sämtliche Finanzservices des täglichen Bedarfs etablieren. Mit anderen Worten: Mobile Payment und Mobile Banking verschmelzen. Banks, build in concrete are not important, banks, developed in the cloud, are.

* Marcus W. Mosen, Payment-Nerd und Fintech-Experte

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