Exklusiv

Wie DPR und Bafin bei Wirecard versagten. Die Chronologie

10. November 2020

Von Christian Kirchner

Am 29. September 2016 geht bei der „Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung“ (DPR) eine E-Mail ein, auf deren Basis sich die Bilanz-Farce bei Wirecard womöglich schon damals hätte beenden lassen können. Von einem „eklatanten Überhang an Forderungen“ ist darin die Rede. Von „wildesten Cashflow-Schwankungen“. Und von „womöglich beträchtlichen Bilanzmanipulationen“. Sprich: Die DPR erhält damals alles, was sie gebraucht hätte, um Wirecard auf die Schliche zu kommen.

Von der Existenz der E-Mail, liebe Leserinnen und Leser, hatten wir Ihnen Ende Juni schon erzählt (siehe hier). Und falls Sie unser dreiteiliges „Podcast-Spezial“ zu Wirecard verfolgt haben (siehe hier), dann kennen Sie auch den Hintergrund des Schreibens – es beruhte nämlich auf den Recherchen des Finanzanalysten Thomas Borgwerth. Was hingegen bislang völlig unklar war: Wie sind die DPR und die Bafin mit dem Schreiben damals gegangen? Haben sie es übersehen? Nicht ernst genug genommen? Oder waren sie von der Komplexität des Thema schlicht völlig überfordert?

Der vor wenigen Tagen erschienene ESMA-Report über die Rolle der deutschen Aufsichtsbehörden im Fall Wirecard (zum 189-seitigen Dokument siehe hier) gibt auf genau diese Fragen verblüffend detaillierte Antworten. An etlichen Stellen nimmt die ESMA auf die vom späteren Finanz-Szene.de-Gründer Heinz-Roger Dohms verfasste E-Mail Bezug, und krasser noch: Der „Manager Magazin“-Artikel („Das 250-Millionen-Euro-Rätsel des Börsenwunders Wirecard“), der einige Monate später auf Basis der damaligen Recherchen veröffentlicht wurde, wird in dem Report sogar rund 50-mal zitiert.

Lesen Sie darum hier, wie sich die Dinge damals wirklich zugetragen haben: Die DPR, die Bafin und der Fall Wirecard versagten – Chronologie eines Versagens:

1.) Präludium

  • 2015: Die DPR startet eine Überprüfung des 2014er-Abschlusses von Wirecard. Dass sich die „Bilanzpolizei“ ausgerechnet den Aschheimer Zahlungsdienstleister aussucht, ist purer Zufall: Welche Bilanzen die DPR überprüft, basiert teilweise auf einer Art Losverfahren. Diesmal hat es Wirecard erwischt.

2.) Die E-Mail

  • 29. September 2016: Die DPR erhält die eingangs erwähnte E-Mail. Beim Absender handelt es sich laut ESMA-Report um einen „Whistleblower“. Tatsächlich ist dieser Begriff nicht ganz richtig: Verfasser der E-Mail ist der heutige Finanz-Szene.de-Redakteur Heinz-Roger Dohms. Er recherchiert damals als freier Journalist in Sachen Wirecard – und stützt sich bei diesen Recherchen unter anderem auf die Erkenntnissen des Finanzanalysten Thomas Borgwerth. Dohms erhofft sich von der DPR einen informellen Austausch über die Verdachtsmomente. Von der DPR erhält er jedoch lediglich die Aussage, sie werde sich des Falles annehmen, aber keine Auskünfte geben.
  • 4. Oktober 2016: Bei der DPR ist ein fünfköpfiges Team mit der regulären Überprüfung des 2014er-Abschlusses befasst. Viermal hat man bereits Fragen an Wirecard geschickt, seit die Prüfung im Jahr 2015 begonnen hat. Dieses Team wird nun über die Informationen aus der E-Mail unterrichtet.
  • 6. Oktober 2016: Innerhalb der DPR fällt die Entscheidung, die in der E-Mail aufgeworfenen Verdachtsmomente nicht gesondert zu überprüfen, sondern sie lediglich in die laufende Untersuchung des 2014er-Abschlusses einzubeziehen.
  • 11. Oktober 2016: Die DPR schickt einen Fragenkatalog an Wirecard.
  • 1. Dezember 2016:  Wirecard antwortet auf die Fragen und beruft sich dabei teilweise auf eine „externe Drittpartei“. Wer diese „externe Drittpartei“ war, geht aus dem ESMA-Report nicht hervor. Offenbar ist die DPR mit den Antworten zufrieden. Jedenfalls trifft sie die Entscheidung, die Überprüfung des 2014er-Geschäftsberichts abzuschließen. Man sehe keine Indikationen, dass mit der Bilanzierung irgendetwas nicht stimme.

Die heutige Einschätzung der ESMA hierzu: Die ESMA kommt zu einem vernichtenden Urteil, was den Umgang der DPR mit den Hinweisen aus der E-Mail anbetrifft. Die Prüfstelle habe 1.) das Geschäftsmodell und die Bilanzierungspraxis von Wirecard nicht ausreichend hinterfragt, 2.) es versäumt, das Ebitda und den Cashflow auf etwaige Inkonsistenzen hin zu überprüfen und 3) es ebenfalls versäumt, die von Wirecard in jener Zeit getätigten Übernahmen (Anm.: Auch die Übernahmen waren in der E-Mail thematisiert wurden) zu hinterfragen

  • 5. Dezember 2016: Die DPR informiert die Bafin, die Prüfung des 2014er-Abschlusses von Wirecard sei abgeschlossen. Allerdings trägt der entsprechende Bericht erst den Status „Interim“, noch nicht den Status „Final“.
  • 1. Februar 2017:  Die Bafin und die Bundesbank untersuchen, ob Wirecard als Finanzholding zu betrachten ist. Wäre diese Frage bejaht worden, hätten sich für die Aufseher erheblich erweiterte Eingriffsrechte ergeben; sie wird jedoch verneint. Damit unterliegt weiterhin nur die Wirecard Bank AG der direkten Aufsicht der Bafin, nicht aber der Gesamtkonzern.

3.) Der Artikel

  • 22. Februar 2017: Bei „Manager Magazin Online“ erscheint der weiter oben schon angesprochene Artikel „Das 250-Millionen-Euro-Rätsel des Börsenwunders Wirecard“ (also das Stück, das im ESMA-Bericht insgesamt 49-mal erwähnt wird). Der Artikel enthält in abgeschwächter Form auch jene Vorwürfe, über die Autor Dohms sich fünf Monate zuvor mit der DPR hatte austauschen wollen. Im ESMA-Bericht wird der „Manager Magazin“-Artikel insgesamt 49-mal erwähnt. Die Bafin reagiert auf den Artikel, indem sie Untersuchungen hinsichtlicher möglicher Marktmanipulation einleitet.
  • 23. Februar 2017: Wirecard veröffentlicht eine Stellungnahme, wonach der „Manager Magazin“-Artikel „falsch“ und „komplett bedeutungslos“ sei. Am gleichen Tag informiert die Bafin die DPR über den Artikel und fragt, ob die darin enthaltenen Vorwürfe Gegenstand der Prüfung des 2014er-Abschlusses gewesen seien.

Zum besseren Verständnis: Bereits von 2015/2016 war im „Alphaville-Blog“ der „Financial Times“ eine große, sehr kritische Artikelserie zu Wirecard erschienen; auch hier ging es explizit um Fragen der Bilanzierung sowie um Wirecards Übernahmen. Obwohl diese Veröffentlichungen also 1.) ziemlich genau in die Zeit fielen, in der die DPR ihre reguläre Wirecard-Prüfung begann, und obwohl 2.) Heinz-Roger Dohms in seiner E-Mail vom 29. September 2016 explizit auf die „FT“-Artikel rekurriert hatte, gab die DPR gegenüber der ESMA an, sie habe überhaupt erst durch den Artikel im „Manager Magazin“ (der die „FT“-Stücke ebenfalls erwähnt) von den Existenz der „Financial Times“-Serie erfahren. Ein – gelinde gesagt – erstaunliches Maß an Uninformiertheit.

  • 24. Februar 2017: Nachdem sie von der Bafin über den „Manager Magazin“-Artikel in Kenntnis gesetzt wurde, hakt die DPR nun doch noch bei Wirecard nach – obwohl ihre offizielle Prüfung (inklusive Persilschein für Wirecard) zu diesem Zeitpunkt ja eigentlich schon abgeschlossen ist und der entsprechende „Interim Report“ schon Anfang Dezember verfasst wurde.
  • 24. Februar 2017: Noch am selben Tag leitet Wirecard seine zuvor bereits an Journalisten verschickte Pressemitteilung zu den „MM“-Vorwürfen auch der DPR zu. Als weitere Anlagen fügt Wirecard noch eine Übersicht über die Forderungen und Verbindlichkeiten im Acquiring-Geschäft sowie zwei Analysten-Kurzstudien bei, die die eigene Sichtweise stützen. Wirecard lässt zudem nicht unerwähnt, der „MM“-Artikel sei im Kontext von Attacken von Shortsellern zu sehen.
  • 27./28. Februar 2017: Die DPR kommt zum Schluss, dass es an konkreten Hinweisen auf Bilanzfälschung erneut mangele. Sie ergänzt ihren „Final Report“ zu Wirecard um die Reaktion Wirecards auf den „Manager Magazin“-Artikel.

Die heutige Einschätzung der ESMA hierzu: Die ESMA wirft der DPR zusammengefasst vor, den diversen Hinweisen in dem „Manager Magazin“-Artikel nicht ausreichend nachgegangen zu sein – zumal vor dem Hintergrund, dass es dabei auch um Vorwürfe ging, die so ähnlich auch schon im „Alphaville-Blog“ der „Financial Times“ geäußert worden waren. Für besonders fatal hält die ESMA, dass die DPR dem Kern des „MM“-Berichts nicht auf den Grund ging – nämlich was es mit den von Wirecard als „rollierende Sicherheitseinbehalte“ bezeichneten Forderungen in Höhe von 250 Mio. Euro auf sich hatte. (Anm.: Nach heutigem Wissen darf man davon ausgehen, dass diese 250 Mio. Euro mehrheitlich oder sogar komplett inexistent waren.). Und mehr noch: dass Wirecard die Sache mit den 250 Mio. Euro letztlich auch nicht erklärt habe, schreibt sie in ihren Bericht sogar hinein. 

  • 9. März 2017: Die DPR teilt der Bafin in einem Brief mit, dass bei Wirecard keine hinreichenden Beweise für Bilanzmanipulation vorlägen.
  • 15. März 2017: Die Bafin schließt sich der Sichtweise der DPR an. In einem internen Memo von jenem Tag heißt es: „Die Tatsache, dass der Jahresabschluss das Geschäft von Wirecard nicht auf eine verständliche Art und Weise kommuniziert, stellt keine Verletzung der Bilanzregeln dar, da es keinen relevante rechtliche Vorschrift dazu gibt.“

Die heutige Einschätzung der ESMA hierzu: Die ESMA stellt fest, aus der Mitteilung der DPR an die Bafin gehe klar hervor, dass der Kern der Vorwürfe (sprich: die Sache mit den 250 Mio. Euro) überhaupt nicht Gegenstand der DPR-Untersuchung gewesen sein. An dieser Stelle wäre die Bafin aus ESMA-Sicht verpflichtet gewesen, entschieden nachzufragen, was die DPR denn nun geprüft habe – und was nicht. Wörtlich heißt es: „It is the enforcer’s duty to also form its own opinion and document it, all the more in the context of allegations which are detailed and of high level quality.“ Was die Einschätzung aus dem internen Memo der Bafin angeht, kommt die ESMA zu einem vernichtenden Verdikt: „The PRC (Anm.: Das ist das „Peer Review Commitee“, das den ESMA-Report erstellt hat) strongly disagrees with this assessment“

4.) Fazit

Zusammengefasst hält die ESMA zur Mail vom 29. September 2016 und zum „MM“-Artikel vom 22. Februar 2017 fest:

  1. Die Vorwürfe seien „detailliert“ gewesen
  2. Die Vorwürfe seien „von hoher Qualität“ gewesen
  3. Wirecard habe die Vorwürfe gegenüber der DPR nicht entkräften können
  4. Die DPR habe die Vorwürfe nicht selber entkräften können
  5. Trotzdem habe die DPR in ihrem „Final Report“ von Ende Februar 2017 und in ihrem Brief an die Bafin von Anfang März 2017 festgestellt, dass es bei Wirecard keine hinreichenden Hinweise auf Bilanzmanipulation gebe
  6. Die Bafin habe sich mit diese Feststellung zufrieden gegeben, auch wenn aus dem DPR-Brief hervorgegangen sei, dass die DPR dem Kern der Vorwürfe gar nicht auf den Grund gegangen sei

Aus Sicht der ESMA hätte die DPR auf Basis der Vorwürfe im „Manager Magazin“-Artikel in jedem Fall eine neue Prüfung vornehmen müssen (nämlich diesmal des 2015er-Abschlusses und der folgenden). Dabei erwähnt die ESMA explizit die damals in diversen Medien kritisch hinterfragte 340-Mio.-Euro-Übernahme der indischen GI Retail. Diese Akquisition habe eine „rote Flagge“ dargestellt, die allein eine Untersuchung des 2015er-Geschäftsbericht rechtfertigt hätte. Und die Bafin? Die hätte laut ESMA nach Veröffentlichung des „MM“-Berichts zumindest auf eine weitere Sonderprüfung durch die DPR dringen sollen.

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