Kurz gebloggt

Warum Wirecard (und die Banken) in einem großen Dilemma stecken

25. Juni 2020

Von Heinz-Roger Dohms

So, nach 168 Stunden Wirecard-Thriller (von denen wir unverzeihlicherweise etwa 22 Stunden verschlafen haben) ist es vielleicht mal Zeit für ein Zwischenfazit. Auf geht’s: Die Konsortialbanken haben sich ein Bild von der Lage gemacht und dabei festgestellt, dass diesem Bild so viele Mosaiksteine fehlen, dass man jetzt erst mal nach weiteren Steinen suchen muss. Helfen wird dabei die auf solche Fälle spezialisierte Consulting-Firma FTI (siehe etwa diese „Reuters“-Meldung)

Solange die Schnüffelhunde von FTI zugange sind (in Bankenkreisen rechnet man mit mehreren Tagen), scheint zumindest informell so etwas wie ein Stillhalte-Abkommen zu gelten: Die Banken stellen ihre Kredite nicht fällig, verlängern sie aber auch nicht. Dass Wirecard diese Vereinbarung bislang nicht offiziell vermeldet hat, könnte damit zu tun haben, dass man in Aschheim darauf hofft, bis Ende der Woche noch irgendeine Art von soliderem Agreement verkünden zu können. Ob es dazu kommt, wird man sehen. Im Umfeld der Konsortialbanken jedenfalls heißt es, mit dem „Daumen hoch oder Daumen runter“-Moment sei eher für die kommende Woche zu rechnen (es sei denn, die Schnüffelhunde schlagen die Pfoten gleich ganz überm Kopf zusammen).

Das Dilemma ist dabei folgendes: Ja, Wirecard hat ein zweifelsohne existentes und vielleicht, vielleicht, vielleicht sogar halbwegs solides (europäisches) Kerngeschäft. Ob sich dieses angesichts des offenbar gigantischen Schlamassels drumherum zu stützen lohnt, ist allerdings unklar. Je länger nun die Klärung ebendieses Sachverhalts dauert, desto größer wird die Gefahr, dass das vielleicht, vielleicht, vielleicht sogar halbwegs solide (europäische) Kerngeschäft vom Drumherum-Skandal sozusagen kontaminiert wird. Es bräuchte also eine schnelle Entscheidung. Für eine schnelle Entscheidung fehlt aber (siehe oben) noch die Informationsgrundlage.

Und also: Steigt jetzt die Nervosität unter Wirecards Geschäftspartnern. Die „Orange Bank“ des gleichnamigen französischen Telekom-Anbieters kündigte gestern an, einen neuen Payment-Dienstleister bestimmen zu wollen; das asiatische Uber-Pendant Grab will die Vorbereitungen für die zwar verkündete, aber noch nicht begonnene Partnerschaft mit Wirecard aussetzen; der Londoner N26-Rivale Revolut (hier ein längerer „Sifted“-Artikel über das Zusammenspiel britischer Fintechs mit der dortigen Wirecard-Tochter „Wirecard Card Solutions“) will Kunden zu alternativen Zahlungsanbietern verlagern. Und hierzulande? Zu den vielen Dingen, die N26 im Laufe der Jahre richtig gemacht hat, gehört ohne Zweifel die Entscheidung, sich frühzeitig auf eine eigene Bafin-Lizenz zu stützen und dem anfänglichen Banking-Partner Wirecard den Laufpass zu geben. Da ist man jetzt fein raus.

Bleiben Wirecards wichtigste Geschäftspartner, also Mastercard und Visa (btw: Was ist mit den beiden eigentlich? Auch im Tal der Ahnungslosen gesessen? ): Der Mirabaud-Analyst Neil Campling wird bei „Bloomberg“ zitiert: „Die große Frage ist, ob [Wirecard] die Lizenzen von Visa und Mastercard behält. Ohne diese hat [Wirecard] kein Geschäft.“ Recht hat er. Heißt: Wirecards Schicksal hängt nicht nur an den Banken, sondern auch den beiden großen Kreditkarten-Schemes. Diese ließen gestern verlauten, sie beobachteten die Entwicklung sehr genau.

Wirecard-Kurznews: Nach Einschätzung der Bank of America könnte die faire Bewertung der Wirecard-Aktie bei nur noch 1 Euro liegen (Bloomberg) +++ Der per Haftbefehl gesuchte und offenbar auf den Philippinen weilende Ex-Vorstand Jan Marsalek will sich angeblich stellen (Süddeutsche) +++ Die Wirecard-Aktie gestern: minus 32% auf 12 Euro

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