Dokumentiert

Das hier ist die wahre Dimension des KPMG-Berichts zu Wirecard

29. April 2020

Von Christian Kirchner und Heinz-Roger Dohms

Uff, die Nummer muss man erst einmal sacken lassen. Doch der Reihe nach: Unser Newsletter („Wirecard bleibt Veröffentlichung des KPMG-Berichts vorerst schuldig“) war gestern zweieinhalb Stunden im Markt, da kam besagter Sonderprüfbericht dann doch. Auf Basis einer von Wirecard um 7.55 Uhr versandten Ad-hoc-Mitteilung hieß es zunächst, das Unternehmen werde durch den 74-Seiten-Report „entlastet“. Wirecard schrieb: „Belastende Belege für die öffentlich erhobenen Vorwürfe der Bilanzmanipulation wurden nicht gefunden.“

In Wirklichkeit kann von einer Entlastung jedoch keine Rede sein. So kritisiert KPMG nicht nur einen mangelnden Kooperationswillen Wirecards, sondern sieht sich trotz monatelanger Prüfung außerstande zu bestätigen, dass ausgewiesene Umsätze im „Third Party“-Geschäft (dieses stand im Mittelpunkt der Manipulations-Vorwürfe gegen Wirecard) tatsächlich existieren. An anderer Stelle ist sogar von „nicht hinreichend nachgewiesenen Einzahlungen auf Treuhandkonten“ im Umfang von 1 Mrd. Euro (!) die Rede.

Um es kurz zu machen: Der KPMG-Bericht enthält etliche Passagen, die einen erschaudern lassen. Hier die wichtigsten Auszüge.

… über die Kooperationsbereitschaft von Wirecard

  • Die Wirecard AG hat von KPMG im Verlauf der Untersuchung angeforderte Dokumente teilweise nicht bzw. erst mehrere Monate nach Anforderung geliefert.
  • Die Wirecard AG hat einzelne vereinbarte Interview-Termine mit wesentlichen Wirecard-internen Ansprechpartnern mehrfach verschoben.
  • Einzelne, im Rahmen der ursprünglichen, dem Auftraggeber zu Beginn der Untersuchung zur Kenntnis gebrachte Untersuchungshandlungen konnten mangels verfügbarer Dokumente bzw. IT-Systemzugänge nicht bzw. nicht in der ursprünglich vorgesehenen Weise durchgeführt werden.
  • Darüber hinaus haben wir den Aufsichtsrat in einem Schreiben über eine erhebliche Verzögerung bei der Vorlage der von uns angeforderten Unterlagen durch die Wirecard AG informiert.
  • Der Vorstand der Wirecard AG hat KPMG die als Anlage 2 beigefügte Vollständigkeitserklärung vom 4. März 2020 (Anlage 2) im Zusammenhang mit dem Escrow-Account erteilt. Eine finale Vollständigkeitserklärung wurde von uns erbeten, jedoch bis zum Ende unserer Untersuchung am 27. April 2020 durch den Vorstand nicht abgegeben.

… über die Kooperationsbereitschaft der „Third Party Acquirer“ genannten zentralen Geschäftspartner von Wirecard

  • Für die Übergabe von Transaktionsdaten zumindest für die Jahre 2016 und 2017 bedurfte es der Unterstützung durch die TPA-Partner, die jedoch bisher ausblieb.
  • Ursächlich sind neben Mängeln in der internen Organisation insbesondere die fehlende Bereitschaft der Third Party Acquirer umfassend und transparent an dieser Sonderuntersuchung mitzuwirken. So konnten für Zwecke der von KPMG unter forensischen Aspekten durchgeführten Untersuchung Transaktionsdaten und entsprechende Settlement-Nachweise für den Untersuchungszeitraum 2016-2018, Verträge zwischen den TPA-Partnern und den Händlern sowie Kontoauszüge und Bankbestätigungen für Treuhandkonten (sog. Escrow-Accounts) für den Untersuchungszeitraum bislang nicht zur Verfügung gestellt werden.

… über die Authentizität der zur Verfügung gestellten Unterlagen

  • Zahlreiche Unterlagen liegen KPMG nur in Form einer Kopie oder als Scan vor. KPMG kann nicht beurteilen, ob diese Versionen den Originalen entsprechen. Wir haben für unsere Arbeiten unterstellt, dass die vorgelegten Kopien den Originalen entsprechen.
  • Bei den KPMG vorgelegten Dokumenten handelte es sich nahezu ausschließlich um elektronische Kopien, deren Authentizität nicht überprüft werden konnte.
  • KPMG weist darauf hin, dass KPMG insbesondere für die am bzw. ab dem 17. April 2020 gelieferten Unterlagen keine Untersuchung der Authentizität vorgenommen hat

… über die Frage, ob die Umsätze im „Third Party“-Geschäft wirklich existieren

  • Hinsichtlich der Höhe und Existenz der Umsatzerlöse aus den TPA-Geschäftsbeziehungen zwischen der Cardsystems Middle East, der Wirecard UK & Ireland sowie der Wirecard Technologies und den jeweils relevanten TPA-Partnern kann KPMG als Ergebnis der durchgeführten forensisch geprägten Untersuchungshandlungen in Bezug auf den Untersuchungszeitraum 2016 bis 2018 weder eine Aussage treffen, dass die Umsatzerlöse existieren und der Höhe nach korrekt sind noch die Aussage treffen, dass die Umsatzerlöse nicht existent und in der Höhe nicht korrekt sind. Insoweit liegt ein Untersuchungshemmnis vor.

… über die Schwierigkeit, Transaktionsvolumina im „Third Party“-Geschäft nachzuvollziehen

  • Die diesbezüglich bereitgestellten Nachweise (…) stellten keine für unsere forensische Untersuchung ausreichenden Nachweise dar, da sie nur die Beziehung zum TPA-Partner und nicht die gesamte Transaktionskette betrachten. Insoweit war es KPMG nicht hinreichend möglich die Existenz der Transaktionsvolumina im Untersuchungszeitraum 2016 bis 2018 forensisch nachzuvollziehen.

… über Treuhandkonten, Bankbestätigungen und Kontoauszüge

  • Bankbestätigungen und Kontoauszüge der die Treuhandkonten führenden Bank wurden uns nicht übermittelt, da der Treuhänder 1 auskunftsgemäß das Vertragsverhältnis mit den Wirecard-Gesellschaften beendet hat und auf Anfragen seitens Wirecard nicht mehr reagiert. Daher konnten die auskunftsgemäß erfolgten einzelnen Einzahlungen der TPA-Partner auf die Treuhandkonten durch KPMG nicht anhand von Kontoauszügen nachvollzogen werden. Insoweit konnte auch nicht hinreichend belegt werden, dass die Einzahlungen im Untersuchungszeitraum tatsächlich durch die TPA-Partner erfolgt sind.
  • Neben diesen nicht hinreichend nachgewiesenen Einzahlungen auf Treuhandkonten im Umfang von rund EUR einer Mrd. sind (…)
  • Im Verlauf der Untersuchung haben wir Kontoauszüge bzw. Bankbestätigungen der Bank 1 in Bezug auf die Escrow Accounts angefordert, die wir für die Untersuchung der Zahlungsflüsse und als Nachweis für die Existenz der Gelder und damit der Umsatzerlöse im Untersuchungszeitraum als zwingend notwendig erachten. Kontoauszüge und Bankbestätigungen für den Untersuchungszeitraum 2016 bis 2018 wurden uns jedoch nicht vorgelegt. Auskunftsgemäß reagierte der Treuhänder 1 nicht mehr auf entsprechende Anfragen. Es war daher auch nicht möglich, die Salden der Escrow Accounts zu den auskunftsgemäß dahinter liegenden Kontoauszügen der Konten der Bank 1 abzustimmen.
  • Auf Basis dieser Kontoauszüge konnten wir keine Verbindungen zwischen den Bankkonten und den auskunftsgemäß von TPA-Partner 1, TPA-Partner 2 und TPA-Partner 3 durch Zahlung auf das Escrow Account beglichenen Forderungen und damit den erzielten Umsatzerlösen herstellen. Somit konnten wir auch auf Basis der Auszüge der Bankkonten weder für den Untersuchungszeitraum (2016 bis 2018) noch für 2019 gesicherte Aussagen zur Herkunft der Gelder auf den Konten treffen. Insoweit haben diese Untersuchungshandlungen nicht zu einem positiven Nachweis zu der Existenz der Umsatzerlöse durch Zahlungseingänge von dem jeweiligen TPA-Partner im Untersuchungszeitraum geführt.

… über die sogenannten „Treuhänder“

  • Nachweise über während des Untersuchungszeitraums erfolgte Beurteilungen der wirtschaftlichen Verhältnisse und zur Zuverlässigkeit von Treuhänder 1 als Treuhänder wurden uns nicht vorgelegt.
  • Nachweise über eine vor der Mandatierung von Treuhänder 1 vorgenommene Zuverlässigkeitsbeurteilung dieses Unternehmens, auch unter Berücksichtigung von Abhängigkeitsverhältnissen und entsprechenden Abwägungen, insbesondere zu etwaigen Interessenkonflikten, wurden uns nicht vorgelegt.
  • Im Laufe der Untersuchung wurde KPMG mitgeteilt, dass die Geschäftsbeziehungen zwischen den betreffenden Wirecard-Gesellschaften und Treuhänder 1 im Q4 2019 durch Treuhänder 1 beendet worden seien. Daraufhin sei auf Empfehlung von Treuhänder 1 im Dezember 2019 Treuhänder 2 für die Verwaltung der Treuhandkonten mandatiert worden.
  • Auch in Bezug auf den neuen Treuhänder, einer Anwaltskanzlei, hatten wir um Vorlage der vor der Beauftragung vorgenommenen Zuverlässigkeitsbeurteilung dieser Kanzlei unter Berücksichtigung von Unabhängigkeitsüberlegungen und entsprechenden Abwägungen gebeten. Nachweise über hierzu erfolgte Beurteilungen wurden uns nicht vorgelegt.
  • Aus dem Beschlussprotokoll ist nicht ersichtlich, dass Alternativen zu der Beauftragung von Treuhänder 2 erwogen und die Zuverlässigkeit von Treuhänder 2 im Vorfeld der Entscheidung geprüft worden sind.

… über Wirecards Bilanzierung von Umsatzerlösen im Geschäft mit „Third Party“-Partnern

  • Auf Basis der erhaltenen Nachweise und Auskünfte und unserer auf dieser Basis durchgeführten Untersuchungshandlungen konnten wir die Angemessenheit der von Wirecard gewählten „Brutto-Bilanzierung“ der mit den TPA-Partnern erzielten Umsatzerlöse mangels ausreichender Nachweise u. a. zu den jeweiligen Vertragsbeziehungen nicht vollständig nachvollziehen.
  • Wirecard bilanzierte die Umsatzerlöse aus den TPA-Geschäften brutto, da sich Wirecard im Sinne der IFRS als Prinzipal für die in der Transaktionskette identifizierten Leistungsverpflichtungen einstuft. (…) KPMG war (…) nicht in der Lage, die eigene Einstufung der Wirecard als Prinzipal und damit die vorgenommene „Bruttobilanzierung“ der Umsatzerlöse vollständig nachzuvollziehen.

… über die von Wirecard vorgenommene Bilanzierung sogenannter „Escrow Accounts“ als Cash bzw. Cash-Äquivalent

  • Zusammenfassend kommt KPMG auf der Basis der KPMG zur Verfügung gestellten Dokumente und der KPMG erteilten ergänzenden Auskünfte zu dem Ergebnis, dass Argumente gegen die von Wirecard vorgenommene Bilanzierung der Escrow Accounts als Zahlungsmittel bzw. Zahlungsmitteläquivalente im Untersuchungszeitraum 2016-2018 sprechen. (…) Nach unserer Einschätzung sprechen Argumente gegen die Einhaltung der Voraussetzungen zur Klassifizierung der Gelder auf den Escrow Accounts als Zahlungsmittel, da Zweifel bestehen, ob die in den IFRS verankerten Voraussetzungen einer „jederzeitigen Verfügbarkeit ohne Strafe“ erfüllt waren.

… über Last-Minute-Vorgänge und Verträge ohne Unterschriften

  • Nachdem die vorgelegten Verträge mit den TPA-Partnern in weiten Teilen zunächst keine Anlagen zu den Konditionsvereinbarungen enthielten, wurden uns am 22. April 2020 einige weitere Konditionsvereinbarungen zwischen den einzelnen TPA-Partnern und den jeweiligen Wirecard-Gesellschaften vorgelegt, die jedoch teilweise nicht auf zwischen den Parteien bestehende Verträge Bezug nahmen und teilweise nicht unterzeichnet waren. Da uns die entsprechenden Unterlagen erst am 22. April 2020 zugingen, konnten wir keine Untersuchungshandlungen im Hinblick auf deren Authentizität durchführen.
  • Im Zeitraum vom 17. April 2020 bis zum 24. April 2020 wurden einige der bislang nicht vorgelegten Unterlagen und Nachweise nunmehr von der Gesellschaft vorgelegt.
  • Die im Rahmen der Untersuchung angeforderten Verträge und Konditionsvereinbarungen wurden KPMG teilweise nicht oder nur mit Verzögerungen von teilweise mehreren Monaten vorgelegt. Auf den KPMG im Rahmen der Untersuchung vorgelegten Vertragskopien fehlten teilweise Unterschriften der Vertragspartner. Die KPMG vorliegenden Vertragskopien enthalten Vereinbarungen, die zum Teil nicht eingehalten wurden bzw. vertraglich vereinbarte Rechte, die nicht nachweislich eingefordert wurden.

Und hier noch der KPMG-Bericht im Original (PDF)

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