KPMG erhebt deutliche Vorwürfe gegen Wirecard – Aktie fällt 20%

28. April 2020

Von Christian Kirchner

Wirecard hat am Dienstagfrüh das KPMG-Sondergutachten veröffentlicht, mit dem der Bezahldienstleister die von der „Financial Times“ erhobenen Vorwürfe der Bilanzmanipulation entkräften wollte. „In allen vier Prüfbereichen […] haben sich keine substanziellen Feststellungen ergeben, die für die Jahresabschlüsse im Untersuchungszeitraum 2016, 2017 und 2018 zu Korrekturbedarf geführt hätten“, fasst der Dax-Konzern selber die Ergebnisse der Untersuchung zusammen (zur Ad Hoc hier) und sieht sich dementsprechend entlastet.

Gleichwohl äußert KPMG in seinem Gutachten (das Original hier) starke Kritik an Wirecard – und weist darauf hin, dass mangels Vorlage wichtiger Dokumente wesentliche Sachverhalte gar nicht prüfbar seien.  Der Vorwurf der mangelnden Transparenz trug vermutlich entscheidend dazu bei, dass die Wirecard-Aktie am Morgen bis zu 22% an Wert zum Vortag einbüßte.

Die Vorwürfe von KPMG sind in ihrer Deutlichkeit erstaunlich. So heißt es im Sondergutachten zum Beispiel auf Seite 20 wörtlich:

„Zur Auftragsdurchführung sind folgende Umstände zu  berichten:

  • Die Wirecard AG hat von KPMG im Verlauf der Untersuchung angeforderte Dokumente teilweise nicht bzw. erst mehrere Monate nach Anforderung geliefert, wodurch sich die Untersuchung insgesamt verzögerte.
  • Die Wirecard AG hat einzelne vereinbarte Interview-Termine mit wesentlichen Wirecard- internen Ansprechpartnern mehrfach verschoben, wodurch ebenfalls erhebliche Verzögerungen der Untersuchungshandlungen entstanden
  • Einzelne, im Rahmen der ursprünglichen, dem Auftraggeber zu Beginn der Untersuchung zur Kenntnis gebrachte Untersuchungshandlungen konnten mangels verfügbarer Dokumente bzw. IT-Systemzugänge nicht bzw. nicht in der ursprünglich vorgesehenen Weise durchgeführt werden
  • Bei den KPMG vorgelegten Dokumenten handelte es sich nahezu ausschließlich um elektronische Kopien, deren Authentizität nicht überprüft werden konnte.“

Über die Verzögerung bei der Dokumentenübergabe in der bereits im Oktober 2019 beauftragten Sonderprüfung beschwerte sich KPMG laut dem Bericht auch schriftlich beim Aufsichtsrat. An zahlreichen Stellen finden sich auch Hinweise darauf, dass in der mehrmonatigen Prüfung insbesondere in den letzten Tagen offenbar mit der heißen Nadel gestrickt werden musste. So bemängelt KPMG, Dokumente teils erst in der Woche zwischen dem 17. und 24. April erhalten zu haben, andere wiederum gar nicht.

Zu keiner endgültigen Entlastung führt das Gutachten in einem wesentlichen Punkt der Vorwürfe der kritischen FT-Artikel im vergangenen Jahr – den so genannten Drittparteien-Umsätzen (siehe hier). Wörtlich heißt es dazu im Sonderbericht

„Hinsichtlich des TPA (Third Party Acquiring) Geschäftes ergab sich im Rahmen unserer Untersuchung, dass die Transaktionsdaten und entsprechende Settlementnachweise für den Untersuchungszeitraum 2016-2018, Verträge zwischen den TPA-Partnern und den Händlern sowie Kontoauszüge und Bankbestätigungen für Treuhandkonten (sog. Escrow-Accounts) für den Untersuchungszeit-raum bislang nicht zur Verfügung gestellt wurden. Zumindest für die Zeiträume 2016 und 2017 bedarf es hier für Zwecke der forensischen Sonderuntersuchung mangels Vorliegens eigener Datenbestände der Mitwirkung durch die TPA-Partner, die bislang ausgeblieben ist.“

In diesem Zusammenhang sei nun eine Auftragserweiterung vereinbart worden.

Dass die Drittparteien-Umsätze letztlich nicht umfänglich geprüft werden konnten, gibt auch Wirecard in seiner Ad-hoc vor Veröffentlichung des Berichts unumwunden zu. „Nach den gesteigerten forensischen Anforderungen der Untersuchung durch KPMG konnten (…)  nicht alle angeforderten Daten beschafft werden, die einen Nachweis der Umsatzerlöse in diesen Jahren (2016-2018, d. Red.) erfüllt hätten, da sich diese Unterlagen überwiegend im Zugriffsbereich der Dritt-Partner befinden“; teilte Wirecard mit. Die massiven Vorwürfe seitens KPMGs bezeichnet Wirecard in der Ad-hoc als  „Dokumentations- und Organisationsschwächen im Untersuchungszeitraum“.

Zudem wird laut Wirecard-Mitteilung auch die Vorlage des Jahresabschlusses 2019 und die Bilanzpressekonferenz erneut verschoben. Eigentlich war diese für den 8. April geplant, dann aber schon einmal auf den 30. April verschoben worden, damit die Sonderprüfung zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen sein konnte. „Die Veröffentlichung des Jahresabschlusses und die Bilanzpressekonferenz finden nicht am 30. April 2020 statt. Wirecard stimmt schnellstmöglich mit dem Abschlussprüfer E&Y ab, wann die Prüfungsarbeiten unter Berücksichtigung der Corona-bedingten Einschränkungen und des KPMG Berichts abgeschlossen werden können“, so Wirecard

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