Exklusiv

Woher, bitteschön, kommen die 200 Mio. Umsatz von SumUp?

29. Januar 2020

Von Heinz-Roger Dohms und Thomas Borgwerth

Die Bilanzierung des angeblichen deutsch-britischen Milliarden-Fintechs SumUp wird immer kryptischer. Nach übereinstimmenden Medienangaben generierte das Payment-Startup 2018 Umsätze in Höhe von rund 200 Mio. Euro. Dagegen weist die mutmaßliche operative Kerngesellschaft des Unternehmens für dasselbe Jahr gerade einmal Bruttoerträge in Höhe von 53.134 Pfund aus. Das ist dem kürzlich im britischen Handelsregister „Companies House“ veröffentlichen Jahresabschluss zu entnehmen. SumUp wollte sich hierzu auf Anfrage von Finanz-Szene.de nicht näher äußern: „Als privates Unternehmen veröffentlichen wir keine Finanzdaten und werden daher Ihre Fragen nicht kommentieren“, schrieb uns Gründer Marc-Alexander Christ per E-Mail.

Bei der mutmaßlichen operativen Kerngesellschaft handelt es sich um die in London ansässige „SumUp Payments Limited“. Um deren Bedeutung für den Gesamtkonzern zu eruieren, screente Finanz-Szene.de Mitte Januar die „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ sämtlicher nationaler SumUp-Niederlassungen weltweit. Das Ergebnis dieser Untersuchung (mit der wir das Unternehmen konfrontiert haben):

  • SumUp ist global in 31 Ländern tätig
  • 28 dieser Länder liegen in Europa (die drei übrigen sind die USA, Brasilien und Chile)
  • Sofern man „Google Translations“ trauen kann, ist die „SumUp Payments Limited“ in 27 dieser 28 Länder* die Gesellschaft, mit der der Händler seinen Vertrag schließt

[Exkurs: SumUp bietet Kleinhändlern relativ günstige Mini-Terminals zur Abwicklung von Kartenzahlungen an. Das Startup verdient am Verkauf der Terminals sowie an den einzelnen Transaktionen.]

  • Daher liegt aus unserer Sicht die Schlussfolgerung nahe, dass der operative Umsatz, den Sumup in diesen 27 Ländern erwirtschaftet, (zunächst einmal) in die „SumUp Payments Limited“ fließen sollte

Tatsächlich weisen frühere Geschäftsabschlüsse der „SumUp Payments Limited“ Bruttoerträge in sieben- bzw. gar achtstelliger Höhe aus. 2016 zum Beispiel kam die Gesellschaft auf einen Umsatz in Höhe von 9,1 Mio. Euro, ein Jahr später waren es sogar 27,4 Mio. Euro. 2018 erfolgte dann jedoch der Einbruch auf nur noch 53.134 Pfund. Wobei interessant ist: Auch der Ausweis für das Vorjahr (23.338 Pfund) macht im 2018er-Geschäftsbericht nur noch rund ein Tausendstel dessen aus, was die „Payments SumUp Limited“ im eigentlichen 2017er-Abschluss (wohlgemerkt damals noch in Euro) ausgewiesen hatte.

Nun drängt sich natürlich der Gedanke auf, der Finanzchef könnte im 2018er-Abschluss schlicht den gängigen „Angaben in Tsd.“-Hinweis vergessen haben. Das hieße nämlich: Die „SumUp Payments Limited“ hätte 2018 keine gut 53.000 Pfund umgesetzt, sondern gut 53 Mio. Pfund. Dagegen spricht aus unserer Sicht allerdings dreierlei:

  1. Wenn es so wäre, warum würde Herr Christ uns das dann nicht einfach sagen?
  2. Finanzchefs sind, anders als zum Beispiel Journalisten, eher nicht der Typ Mensch, der mal eben den Faktor 1000 außer Acht lässt
  3. Anders als dem (27 Seiten langen und durchaus detailreichen) 2017er-Abschluss fehlt dem (nur 10 Seiten langen und durchaus detailarmen) 2018er-Abschluss das Testat eines Wirtschaftsprüfers. Stimmt die Umsatzangabe von nur 53.000 Pfund, dann bräuchte der Abschluss tatsächlich kein Testat (weil die SumUp Payments Limited dann plötzlich eine sehr kleine Gesellschaft wäre). Für ein Unternehmen mit 53 Mio. Pfund Umsatz würde diese Ausnahme nach unserem Verständnis allerdings nicht gelten.

Über all diesen Fragen schwebt freilich noch eine andere Frage: Woher kommen die rund 200 Mio. Euro Umsatz, von denen zum Beispiel das „Handelsblatt“ und der „Tagesspiegel“ in Bezug auf die 2018er-Zahlen schrieben (in anderen Medien war  von „mehr als 200 Mio. Dollar“ die Rede)? Denn selbst wenn die mutmaßliche operative Kerngesellschaft 2018 die erwähnten 53 Mio. Pfund bzw. umgerechnet 62 Mio. Euro umgesetzt hätte – was ist dann mit den übrigen 138 Mio. Euro? (dieselbe Frage stellt sich übrigens für 2017. Damals sprach Christ etwa gegenüber dem „Tagesspiegel“ von 1oo Mio. Euro Umsatz. Die „SumUp Payments Limited“ steuerte hierzu aber lediglich – siehe oben – 27,4 Mio. Euro bei).

Alles, was sich zu diesem Thema an plausibler Erklärung finden lässt, ist die Aussage eines brasilianischen SumUp-Managers, wonach allein in Brasilien 2018 Bruttoerlöse in Höhe von 250 Mio. Real oder umgerechnet 60 Mio. Euro angefallen sein sollen.

Ist das des Rätsels Lösung? Oder zumindest ein Teil der Lösung? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Zumal die SumUp-Zahlen nicht zum ersten Mal Fragen aufwerfen. So hatte Marc-Alexander Christ 2018 in einem Interview betont, sein Unternehmen arbeite „seit mehr zwei Jahren“ (sprich: seit mindestens 2016) profitabel. Später wies Finanz-Szene.de dann jedoch anhand des 2018er-Abschlusses der „SumUp Holdings Luxembourg“ [das ist übrigens eine von fünf (!) SumUp-Holding-Gesellschaften] nach, dass sich die Verluste diverser in dem Abschluss aufgelisteter SumUp-Firmen 2018 auf fast 30 Mio. Euro addiert hatten. Christ erklärte hierzu seinerzeit uns gegenüber: „Die Aussagen zur Profitabilität galten in der Tat nur für 2016 und 2017, im vergangenen Jahr [Anm. der Red.: also 2018] waren wir nicht profitabel.“

Übrigens: Bei einer der SumUp-Firmen, deren Verluste sich 2018 auf fast 30 Mio. Euro addierten, handelte es sich um die in Irland beheimatete SumUp Limited. Laut Holding-Abschluss hatte sie einen Verlust von 1,6 Mio. Euro bei einem negativen Eigenkapital von 3,8 Mio. Euro erlitten. Im mittlerweile im irischen Handelsregister einsehbaren Abschluss der SumUp Ltd. selber ist nun jedoch von einem Verlust von 11,9 Mio. Euro und einem negativen Eigenkapital von 14 Mio. Euro die Rede. Wobei man dazusagen muss: 2017 hatte die SumUp Ltd.  im Durchschnitt gerade einmal vier Mitarbeiter beschäftigt. 2018 waren es dann plötzlich 225, davon allein 221 Software-Entwickler. Wie gesagt, es ist alles ein bisschen kryptisch.


* Bei dem 28. Land handelt es sich, warum auch immer, um Slowenien. Hier ist der Vertragspartner die in Litauen ansässige „SumUp EU Payments UAB“

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