Die Savedroid-Analyse, Teil II: Ist das noch Krypto oder ist das schon gaga?

Von Thomas Borgwerth

Was ist eigentlich aus dem ICO von Savedroid geworden? Der ist längst umgesetzt, glauben Sie? Die Anleger haben die Token? Savedroid den Emissionserlös? Und jetzt geht es endlich an die Arbeit? Ha!, weit gefehlt. Denn rund dreieinhalb Monate nach dem Ende des größten deutschen Krypto-Börsengangs befindet sich selbiger weiterhin in der technischen Abwicklung.

Das bedeutet konkret: Nach Recherchen von „Finanz-Szene.de“ warten noch immer Milliarden von Token darauf, auf die Wallets ihrer rechtmäßigen Erstzeichner gebucht zu werden. Warum das Ganze so lange dauert? Wir wissen es nicht. Und Savedroid will es uns nicht sagen.

(Anmerkung, Do, 28. Juni, 10.47 Uhr: Nach Veröffentlichung des Artikels ist Savedroid doch noch auf unsere Fragen eingegangen. Hier die Antworten)

Jedenfalls zeigen Berechnungen von „Finanz-Szene.de“: Geht es mit der Abwicklung des ICO in dem jetzigen Tempo weiter, dann dürfte die Buchung der Token erst im Herbst 2024 abgeschlossen sein.

Glauben Sie nicht? Dann lesen Sie doch bitte mal unsere Analyse:

Erstes Kapitel: Das war der Stand nach dem ICO
  1. Die Öffentlichkeit geht davon aus, dass Savedroid von etwa 35.000 Anlegern rund 40 Mio. Euro eingesammelt hat. Zumindest war es so im März/April in verschiedensten Medien zu lesen. Ob das Frankfurter Fintech diese Zahlen jemals offiziell genannt hat, ist allerdings unklar. „Finanz-Szene.de“ fragte bei Savedroid Anfang der Woche explizit nach, ob die Zahlen richtig sind. Bislang haben wir keine Antwort erhalten (Anmerkung, Do, 28. Juni, 10.47 Uhr: Nach Veröffentlichung des Artikels ist Savedroid doch noch auf unsere Fragen eingegangen. Hier die Antworten).
  2. Nur nochmal zur Klarstellung – weil dies ein beliebtes Missverständnis ist: Bei den 40 Mio. Euro (wenn die Zahl denn stimmt) muss es sich nicht zwingend um echtes Geld handeln. Viele Anleger dürften ihre Token auch mit Bitcoin oder anderen Kryptowährungen bezahlt haben.
  3. Laut Whitepaper zum ICO gingen 60 % der ausgegebenen Token in den freien Verkauf. Dabei durfte ein einzelner Anleger maximal 10 Mio. Token erwerben (anders ausgedrückt: Er durfte nicht mehr als 100.000 Euro anlegen).
  4. Die übrigen 40% der Token sollten gemäß Whitepaper folgenden Akteuren zugute kommen:
  • 10% für Gemeinschaftsinitiativen, Geschäftsentwicklung und Expansion
  • 5% für Teilnehmer des „Bounty-Programms“.
  • 10% für Berater, Community-Manager, Vertragsentwickler und Juristen
  • 15% für Savedroid-Aktieninvestoren und für das Savedroid-Team
Zweites Kapitel: Das ist der aktuelle Stand, wie er für jeden ersichtlich ist
  1. Dreieinhalb Monate nach dem Ende des Public Offering (9. März) werden die Savedroid-Token noch immer an keiner Krypto-Börse gehandelt.
  2. Die Anleger-Community wird zunehmend unruhig. Auf CoinForum.de, einem beliebten Forum für virtuelle Währungen, lautet die seit Wochen alles beherrschende Frage in Bezug auf Savedroid: Wann kommt das Listing?
Drittes Kapitel: Das ergaben unsere Recheren bei Etherscan

Etherscan beschreibt sich selbst als den führenden „BlockExplorer“ für die Ethereum-Blockchain. Anders ausgedrückt: Es handelt sich um eine frei zugängliche Suchmaschine, die es den Nutzern ermöglicht, Transaktionen, die auf der Ethereum-Blockchain stattgefunden haben, einfach zu suchen und zu validieren. Über Etherscan lässt sich also auch die Abwicklung des Savedroid-Tokensales minutiös nachvollziehen. Ist zwar einigermaßen aufwendig. Macht aber riesigen Spaß. Hier, was wir herausgefunden haben:

  1. Per 19. Juni hatten ca. 22.800 Anleger (von insgesamt – wenn denn die Medienberichte stimmen – 35.000 Anlegern) ihre Token erhalten
  2. Insgesamt waren exakt 3.207 Mio. Token ausgegeben. Aber: Von diesen 3.207 Mio. Token entfielen 2.150 Mio. Token (also gut zwei Drittel) auf nur 19 Adressen. Bei diesen 19 Adressen ist die Verteilung wie folgt:
  • 3 Adressen bekamen je 500 Mio. Token
  • 12 Adressen bekamen je 50 Mio. Token.
  • 4 Adressen bekamen zwischen 16 Mio. und 19 Mio. Token
  1. Diese Verteilung wirft ein paar Fragen auf: Wer sind die 19 Adressen? (Hinweis: Hinter den „Adressen“ müssen sich nicht zwingend einzelne „Anleger“ verbergen). Hieß es im Whitepaper nicht, dass kein Anleger mehr als 10 Mio. Token erhalten sollte? Wer von den 19 Adressen hat für die Token bezahlt? Oder entsprechen diese 2.150 Mio. Token jenen 40% der Token-Bezieher, denen die Token unentgeltlich überlassen werden sollten?
  2. Wenn man von den bislang insgesamt ausgegebenen 3,2 Mrd. Token die besagten 2,2 Mrd. Token abzieht, dann bleiben gut 1 Mrd. Token, für die Savedroid auch Geld bekommen hat. Dies wären dann per 19. Juni ziemlich genau 10 Mio. Euro gewesen. Ein Betrag in gleicher Höhe wird laut Angaben des den ICO begleitenden Bonner Rechtsanwalts Axel Hellinger von der Bank Frick in Lichtenstein und von ihm selbst treuhänderisch verwahrt. Dann müssten aber noch Token für 30 Mio. Euro auf Anleger verteilt werden, wenn es denn die in Medienberichten genannten 40 Mio. Euro werden sollen.
  3. In den letzten vier Wochen wurden an 883 Anleger für 425.000 Euro Token verteilt. Davon in den letzten zwei Wochen für 70.000 Euro an 161 Anleger. Wenn Savedroid in diesem Tempo weitermacht, dann wird es noch 75 Monate dauern, bis alle Anleger bedient sind. Also: bis Herbst 2024.
  4. Auffällig ist überdies die große Anzahl an Anlegern, die lediglich 100 Token gekauft und also nur 1 Euro angelegt haben. „Finanz-Szene.de“ hat eine Stichprobe von 14.000 der insgesamt 22.800 Adressen ausgewertet – und kommt zu dem Ergebnis, dass rund 8.500 Anleger lediglich den Mindestbetrag investiert haben (immer vorausgesetzt, es handelt sich hierbei nicht auch um irgendwelche „Give-aways“). Das sind satte 37% aller Anleger. Und noch auffälliger: Von den 883 in den letzten vier Wochen versorgten Anlegern erhielten sogar 561 Anleger nur den Mindestbetrag.

Nochmal die Frage: Warum dauert das alles so lange? Beziehungsweise: Was soll das alles? Ist das noch Krypto – oder ist es schon gaga?

„Finanz-Szene.de“ hat Savedroid am Montagmittag mit den Recherche-Ergebnissen und den sich daraus ergebenden Fragen konfrontiert. Trotz mehrmaligen  Nachsuchens, diverser Mailwechsel und Telefonate hat das Frankfurter Fintech die Fragen bis gestern Abend nicht beantwortet. Begründet wurde dies mit dem bevorstehenden Beta-Launch der Savedroid-Krypto-Spar-App.

(Anmerkung, Do, 28. Juni, 10.47 Uhr: Nach Veröffentlichung des Artikels ist Savedroid doch noch auf unsere Fragen eingegangen. Hier die Antworten)

Und hier noch aus unserem Archiv der erste Teil unserer großen Savedroid-Analyse:

Die ultimative Analyse des Geschäftsmodells des Fintech-Startups Savedroid