Exklusiv: Hat die größte deutsche KMU-Kreditplattform ihre Ausfallraten in den Griff gekriegt?

Von Heinz-Roger Dohms

Zweimal haben wir seit der Gründung von „Finanz-Szene.de“ bereits über die hohen Kreditausfälle bei Funding Circle Deutschland berichtet – der größten Plattform für die Vermittlung von KMU-Krediten hierzulande (nämlich einmal im vergangenen August und einmal im Mai). Die Reaktionen, die wir hierauf bekamen, waren beide Male die gleichen: „Haben wir’s doch gewusst“, meinten die Bank-Menschen. „Nun warten Sie’s doch mal ab“, meinten die Fintech-Menschen. Deren Begründung: Die Plattform sei ja noch relativ jung. Und so ein Algorithmus (bzw. das Tool, dass die Risikoeinschätzung vornimmt) müsse ja erst einmal „trainiert“ werden. Das klangt dann so, als sei ein Kreditmodell ein Bizeps, den man nur mal über einen längeren Zeitraum schikanieren muss – und schon nimmt er die gewünschte Form an …

Jedenfalls: Heute wollen wir nun das dritte Mal über die Kreditausfälle bei Funding Circle Deutschland berichten, Anlass sind die seit einigen Tagen auf der Website abrufbaren aktualisierten Statistiken. Was also ist dort zu sehen?

  • Auf den ersten Blick sieht alles so aus wie immer, die Graphen schießen in die Höhe, die Kreditausfälle scheinen gewaltig. Ein paar Beispiele: 30 Monate alte Kedite, die noch in der Frühphase des Vermittlungsportals vergeben wurden, konnten in 10,5% der Fälle nicht zurückgezahlt werden. Bei 2016 vergebenen Krediten wiederum, die seit 18 Monaten liefen, beträgt die durchschnittliche Ausfallrate schon 7,9%.
  • Die Zahlen sähen vermutlich sogar noch ein bisschen schlechter aus, wenn Funding Circle auf seiner Statistik-Seite die Form der Darstellung nicht verändert hätte (wobei die Begründung für die Umstellung aus methodischer Hinsicht einigermaßen plausibel zu sein scheint; zu dieser Einschätzung haben wir uns jedenfalls nach mehreren Telefonaten mit den Funding-Circle-Leuten durchringen können).

Was ist nun die Conclusio? Dürfen sich die „Haben wir’s doch gewusst“-Banker bestätigt sehen?

Nein, dürfen sie nach unserem Dafürhalten nicht. Die Grafik auf der Statistik-Seite von Funding Circle enthält nämlich auch noch einen kaum wahrnehmbaren Graphen zu den 2017 vergebenen Krediten. Und an dem nun zeigt sich, dass von diesen Darlehen, als sie jeweils 12 Monate alt waren, gerade einmal 1,0% ausgefallen sind. „Kein Kunststück“, mögen nun die Banker sagen, ein Jahr ist ja kein so wahnsinnig langer Zeitraum. Indes: Die 2014/2015 vergebenen Kredite waren zum gleichen Zeitpunkt (sprich: nach zwölf Monaten) schon zu 2,8% ausgefallen. Und bei den 2016 vergebenen Krediten betrug die Rate nach zwölf Monaten sogar 3,3%.

Wenn Funding Circle Deutschland seine Zahlen also sauber ausweist (wovon wir ausgehen), dann haben sich die Ausfallraten (jedenfalls bezogen auf die erste 12 Monate Laufzeit) zuletzt signifikant verbessert. Stimmt die Geschichte von dem Algorithmus, den man nur mal ordentlich „trainieren“ muss, also wirklich? Funding-Circle-Deutschland-Chef Thorsten Seeger gibt sich überzeugt davon: „Bei der Entwicklung eines funktionierenden Kreditmodells muss man anfangs höhere Ausfälle in Kauf nehmen. Genau das haben wir getan, aber inzwischen sind wir bei den Raten  da, wo wir hinwollten.“

Nach eigener Aussage geht Seeger davon aus, dass die Ausfallrate bei den 2017 vergebenen Krediten (die bis zu 60 Monate laufen) letztlich irgendwo zwischen zwei und vier Prozent liegen wird. Das wäre zwar immer noch mehr als bei den Banken – ist aber einkalkuliert. Denn: Funding Circle konzentriert sich explizit auf ein Segment, das manche Banken ohnehin lieber meiden, nämlich Kredite für Handwerker, Kleingewerbe, Freiberufler und so weiter. In diesem Bereich ließe sich für eine digitale Plattform (bzw. für die Investoren auf diesen Plattformen) auch bei Ausfallraten von zwei bis vier Prozent gutes Geld verdienen.

Was freilich klar ist: Eine  konjunkturelle Delle hat der Funding-Circle-Bizeps bislang noch nicht erlebt. Aber wenn die Delle kommt, dann werden das nicht nur die Plattformen zu spüren bekommen – sondern auch die Banken.

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2 Gedanken zu „Exklusiv: Hat die größte deutsche KMU-Kreditplattform ihre Ausfallraten in den Griff gekriegt?“

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