PSD2-Umstellung: Hier kommt das erste große Resümee

Von Christian Kirchner

Seit einem Monat ist die zweite und wichtigste Stufe der PSD2-Reform nun in Kraft. Während die Bafin schon unmittelbar nach der Einführung von einem Erfolg sprach („nur ein paar Ruckler), hatten Institute wie die Postbank mit der Umstellung zumindest kurzzeitig massive Probleme. Noch ärger traf es sogenannte Drittdienste – also Anbieter, die von außen auf Bankkonten zugreifen, um beispielsweise Zahlungen auszulösen oder Kontoinformationen zu aggregieren. Sie (und damit: Ihre Kunden) kamen bei manchen Banken nur noch schwerlich oder sogar gar nicht mehr an die Konten heran. Und nun? Herrscht da draußen wirklich Chaos? Oder läuft längst alles weitgehend in geregelten Bahnen?

Hierzu hat Finanz-Szene.de fünf direkt Beteiligte gefragt:

  • Michael Koch, Chief Digital Officer der Privatkundensparte der Deutschen Bank
  • Cornelia Schwertner, Chief Risk Officer beim u.a. auf API-Dienstleistungen spezialisierten Berliner Fintech Finleap Connect
  • Frank-Christian Pauli, Finanzexperte Bundes-Verbraucherzentrale
  • Mario Hachemer, Chief Technology Officer beim Buchführungs-Startup Fastbill
  • eine Sprecherin für die Deutsche Kreditwirtschaft

Hier die Antworten der Befragten:

Wie fällt – allgemein gesprochen – einen Monat nach dem 14. September Ihr Urteil aus?

„Deutlich negativ. Die PSD2 hat bislang ausschließlich negative Konsequenzen auf unser Geschäft. Die Kunden, insbesondere Geschäftskunden, werden durch den Umgang der Banken mit der PSD2 in eine unsichere Schwebephase geschickt. Wir als Drittanbieter müssen an unsere operativen Grenzen gehen, um unseren Kunden alternative Lösungen für nicht mehr funktionierende Prozesse anzubieten.“– Mario Hachemer

„Man hat im Rahmen der SCA-Einführung gut beobachten können, wie erheblich sich die Regulierung technischer Prozesse auf die Praxis auswirken kann. Leider bleibt beim Verbraucher nun wieder hier und da “Die EU ist Schuld‘ hängen  statt “Meine Daten sind jetzt sicherer‘. Hinsichtlich der Kontoinformations- und Zahlungsauslöse-Dienste über die neuen PSD2-Schnittstellen haben alle Beteiligten noch eine Weile gut zu tun, bevor sich ein Fazit ziehen lässt. “  – Cornelia Schwertner

„Banken und Sparkassen waren auf die neuen Anforderungen durch die PSD2 gut vorbereitet. In Online- und Mobile-Banking ist die Umstellung fristgerecht erfolgt. Bei der Bereitstellung der PSD2-Schnittstelle sowie bei Kartenzahlungen im Internet bestehen konstruktive Gespräche mit allen Marktteilnehmern und der Aufsicht, um gemeinsam einen schnellstmöglichen erfolgreichen Abschluss der Migration zu gewährleisten.“ Eine Sprecherin für die Deutsche Kreditwirtschaft

„Die PSD2-Umstellung lief nicht reibungslos. Verbraucher haben sich über Umstellungsprobleme, nicht funktionierende Technik überlastete Hotlines und über gestiegene Kosten beschwert. Letzteres betrifft den Fall, wenn nun jedes Mal beim Online-Uugang eine SMS-TAN zu bezahlen ist. Kunden ärgerten sich auch darüber, dass sie jetzt eine App nutzen sollen oder sogar müssen.“ – Frank-Christian Pauli

Wo liegt Stand heute noch das größte Problem??

„Wie befürchtet ist die Idee, bei der Zwei-Faktor-Authentifizierung vor allem auf Apps zu setzen, zum Problem geworden. Wenn nur eine Option angeboten wird, kann das selbst bei technikaffinen Verbrauchern schnell einmal zum Lock-out führen. Es muss nur das Handy kaputtgehen. Ein neues Handy ist zwar besorgt, die App neu installiert, aber dann: ‚Zum Anmelden der neuen App melden sie sich bitte zuerst beim Online-Banking an.“ Aber wie sollen sich Kunden anmelden, wenn das alte Gerät kaputt ist?“ – Frank-Christian Pauli

„Es gibt immer mehr als einen Weg, technisch eine PSD2-Compliance herzustellen. Die Kunst liegt darin, Wege einzuschlagen, die nicht nur compliant, sondern darüber hinaus auch nutzerzentriert sind – und dafür die notwendigen Zeit- und IT-Ressourcen zu besitzen.“ Cornelia Schwertner

„Verbindliche Standards sind, wahrscheinlich bewusst, umgangen worden. Dies führt dazu, dass die Banken das Regularium beliebig kreativ auslegen. Dies kann man allein schon an der  SCA-Pflicht (maximal nach 90 Tagen, minimal bei jedem Login) sehen. Noch ein Punkt:  Der Markt für Banking-API-Anbieter hat sich nach unserer Beobachtung überraschend schnell konsolidiert. Eine große Mehrheit aller ‚Third Party Provider‘ (TPPs) scheint den gleichen Schnittstellen-Dienst zu nutzen.  Diese Ressourcen-Bündelung war vom Regulator sicherlich nicht so beabsichtigt, führt am Ende aber zumindest auf Schnittstellen-Ebene zu einer Standardisierung durch die Hintertür.“ – Mario Hachemer

„Das größte Problem? Zeit! Wichtige Klarstellungen zu Auslegungen durch Aufsichtsbehörden standen erst sehr spät zur Verfügung. Zudem wurden weitergehende Anforderungen an die PSD2-Schnittstelle für den deutschen Markt erst im August kommuniziert.“  Eine Sprecherin für die Deutsche Kreditwirtschaft

Wie fällt die Reaktion der Endkunden aus?

„Rückblickend ist die Umsetzung der PSD2 sehr gut verlaufen. Unsere Kunden und die Bank waren gut vorbereitet. So haben wir zum Beispiel mit der Migration unserer Kunden auf alternative Sicherheitsverfahren (photoTAN/mobileTAN) bereits 2018 begonnen und unseren Kunden schon im Juli die Möglichkeit gegeben, sich mit der Einführung der Zwei-Faktor-Authentifizierung beim Zugriff auf Ihr Konto vertraut zu machen. Lediglich vereinzelt fragen Kunden nach Hilfe“ – Michael Koch

„Uns ist bewusst, dass die Umgewöhnung bei einigen Kunden zu Rückfragen geführt hat. Wir sind jedoch sicher, dass sie sich sehr schnell an die neuen Verfahren gewöhnen.“ – Eine Sprecherin für die Deutsche Kreditwirtschaft

„Manche Kunden haben Anbieter-übergreifend gute Erfahrungen gemacht. So entsteht bei den Kunden, die von Problemen gebeutelt sind, der Eindruck, sie müssten nur das Produkt wechseln, um ihr Problem zu lösen – was dann natürlich nicht der Fall ist. Das frustriert die Kunden und schafft sehr große Aufwände bei unseren Support-Teams.“ – Mario Hachemer

Was war die größte (positive) Überraschung?

„Das Zwei-Faktor-Verfahren meiner Zweitbank“ – Cornelia Schwertner

„Viele unserer Kunden zeigen uns in den letzten Wochen eine so starke Treue, dass sie bei uns einfach direkt erfragen, zu welcher Bank sie wechseln müssen, um wieder einen reibungslosen Transaktionsabruf ermöglicht zu bekommen.“ – Mario Hachemer

Und was ist bislang die größte Enttäuschung?

„Das Zwei-Faktorverfahren meiner Hausbank.“ – Cornelia Schwertner

„Wir als Bank, und auch die anderen Markteilnehmer haben sich vor allem im Bereich Drittanbieter mehr durch die PSD2 erhofft. Wir sind alle sehr enthusiastisch in die frühen Phasen der PSD2- und RTS-Diskussionen eingestiegen. Leider hat die Richtlinie hier nicht ganz die Inhalte geliefert, die wir uns erhofft hatten. Durch unsere Mitarbeit in diversen Gremien haben wir schnell ein gutes Ergebnis für einen europaweiten Standard erreicht. Dennoch liegt noch ein weiter Weg vor uns, um einen wirklich einheitlichen Standard zu schaffen, der den Zahlungsverkehr für Privat- und Firmenkunden in der EU regelt. Bestenfalls sind dann auch Depots, Spar-, Versicherungs- oder Vorsorgeprodukte Teil davon.“ – Michael Koch


„Die stark intransparente Kommunikation der Bafin. Bis heute ist das Schreiben über das „Aussetzen“ der Deadline zum 14. September nicht öffentlich auf der Bafin-Website zu finden, lediglich über Portale wie Finanz-Szene.de wurden wir darüber informiert. Für uns relevante Details mussten mühevoll erfragt werden, teilweise stehen Antworten immer noch aus.“ – Mario Hachemer

Welcher Schritt muss als nächstes kommen?

„Die Branche muss sich kurzfristig auf gemeinsame Standards einigen. Es kann nicht sein, dass der Kunde von Bank zu Bank eine derart unterschiedliche Nutzererfahrung bekommt. Dadurch müssten die TPPs in der Theorie zu jeder Bank ein eigenes FAQ pflegen. Das widerspricht nach unserem Verständnis der Idee des Open-Bankings ganz grundsätzlich.“ –  Mario Hachemer

„Hinsichtlich der SCA-Verfahren bin ich überzeugt, dass nach der ersten Phase, in der es darum geht, Compliance und Rechtssicherheit herzstellen, eine  Anpassung hin zum Nutzer stattfinden wird („Wie machen es denn die anderen, was sagen unsere Kunden, können wir es besser machen?“). Die gleichen Phasen erwarten uns in Hinblick auf die Umsetzung und Nutzung der neuen PSD2-Schnittstellen. Hier müssen die Marktteilnehmer eng kooperieren, damit für gemeinsame Kunden bzw. Nutzer etablierte Tools weiterhin bestmöglich genutzt werden können.“  – Cornelia Schwertner

„Die Anbieter müssen dringend dafür sorgen, dass es immer einen Plan B gibt, wenn ein Smartphone nicht oder nicht mehr zum Einsatz kommen kann. Und eine wichtige Zahlung kann nicht darauf warten, bis vielleicht sogar erst per Post ein Aktivierungscode für eine App zugesendet wurde. Was für das Online-Banking soweit bekannt ist, wie etwa ein unabhängiger TAN-Generator, muss auch weiter verfügbar bleiben. Ein zweites alternatives Authentifizierungs-Mittel sollte es auch beim OnlineBezahlen immer geben.“ – Frank-Christian Pauli

„Wir sind noch nicht am Ziel angekommen mit der PSD2. Getreu dem Motto ‚Nach der PSD2 ist vor der PSD3“ wäre es wünschenswert, dass die Marktteilnehmer gemeinsam daran arbeiten, die Grundlage für ein komplett digitales Angebot zu schaffen.“ – Michael Koch

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Die Ertragsprobleme der Deutschen Bank im Privatkundengeschäft

Von Christian Kirchner

Die Deutsche Bank hat – worauf via Twitter der Bloomberg-Kollege Steven Arons aufmerksam machte – in dieser Woche ein spannendes Dokument (PDF) online gestellt  Aus dem geht nämlich hervor, wie das 2017er, das 2018er und das diesjährige Sechsmonats-Ergebnis ausgefallen wären, wenn zu dieser Zeit bereits die neue Segment-Struktur gegolten hätte (also die, die sich die Bank im Juli verpasst hat).

Zur Einordnung: Die neue Struktur sieht vier Bereiche vor:

  • das Investmentbanking, nunmehr isoliert
  • die neue Unternehmensbank, in dem die Transaktionsbank (bislang gemeinsam ausgewiesen mit dem Investmentbanking) sowie das deutsche Geschäft mit Firmenkunden gebündelt werden
  • das Privatkundengeschäft (nunmehr ohne die kleineren Firmenkunden)
  • das Asset Management

Diese vier Einheiten bilden die Sparten, auf die wir uns in der folgenden Übersicht konzentrieren (und einfach mal unverschämt die interne Bad Bank und sonstige Gedöns außen vor lassen)

Blicken wir zunächst auf die Verteilung der Mitarbeiter auf diese Bereiche inklusive der Back-Office-Stellen:

Mitarbeiter Deutsche Bank per 30.6.2019 (in neuer Segmentstruktur)

Mitarbeiter
Investmentbank 19.979
Unternehmensbank 13.889
Privatkundenbank 44.039
Asset Management 4.508

Damit wird deutlich, dass die Privatkundenbank an ihrer prominenten Rolle (selbst ohne die Geschäftskunden, die zum Teil umgruppiert wurden) gemessen am „Headcount“ kaum einbüßt; auf sie entfallen rund 53% der Mitarbeiter – allerdings vor der eingeleiteten Restrukturierung.

Hier ein Blick, wie sich die Erträge der Sparten in der neuen Struktur entwickelt haben im Jahr 2018 zum Vorjahr sowie im ersten Halbjahr …

2018 vs. 2017 H1 2019 vs H1 2018
Investmentbank -10% -13%
Unternehmensbank -2% 0%
Privatkundenbank -1% -6%
Asset Management -14% 1%
Ganze „Core Bank“ (neu) -4% -7%

… woraus deutlich wird, dass die Deutsche Bank auch in der neuen Struktur in allen Bereichen außer dem Asset Management Schwierigkeiten hat, ihre Erträge zu verteidigen. Teils ist die Schrumpfung zwar einkalkuliert, teils aber auch schlicht ein Verlust an Geschäft.

Und schließlich ein Blick auf die Rentabilität der Bereiche, gemessen anhand der Eigenkapitalrendite nach Steuern:

2017 2018 H1 2019
Investmentbank 3,7% 2,3% 2,6%
Unternehmensbank 8,9% 9,7% 0,2%
Privatkundenbank 0,6% 3,6% -2,4%
Asset Management 10,7% 19,0% 15,9%

Zwei Dinge lassen sich hieraus (nochmals deutlich) ablesen:

  1. die zumindest gemessen am Kapital unverändert hohe Rentabilität des Asset Managements, aber auch …
  2. die Probleme des Privatkundengeschäfts (wenngleich hier 2019 Einmaleffekte hineinspielen)

Wobei: Die Deutsche Bank zieht die neuen Linien mutmaßlich nicht ohne strategisches Kalkül für den laufenden Restrukturierungsprozess. Das heißt, gerade die Zuordnung von Back Office-Positionen bietet Spielräume, Sparten glänzen zu lassen oder eben nicht. Die jüngsten Spekulationen, dass es beim geplanten Stellenabbau  das deutsche Privatkundengeschäft in besonderem Maße treffen könnte (die Deutsche Bank bezeichnet dies als Spekulation, nichts sei entschieden), erhalten durch das Tableau jedenfalls Nahrung.

Daher noch ein letzter genauer Blick in die Innereien des neuen Segments „Privatkunden“:

Erträge Privatkundensparte Deutsche Bank, Veränderung (nach neuer Segmentstruktur)

2018 vs. 2017 H1 2019 vs H1 2018
Privatkundengeschäft Deutschland 4% -6%
Privatkundengeschäft International -1% -3%
Wealth Management -14% -4%
Zinsüberschuss 2% 0%
Provisionsüberschuss -6% -3%

Man sieht: Ohne Geschäftskunden verliert die Privatkundensparte noch markanter an Erträgen. Ob in diesen Zahlen nun Kalkül steckt oder nicht – auf den neuen Privatkundenchef Manfred Knof wartet viel Arbeit.

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Immodeal lässt Boni bei Frankfurter Sparkasse sprudeln

Von Christian Kirchner

Dürfen wir noch ein paar ergänzende Anmerkungen zu unserer Fraspa-Geschichte von gestern machen? Weil, zur Erinnerung: Wie berichtet, bedurfte es bei der Frankfurter Sparkasse einer  Immobilen-Nummer mit der eigenen Mutter, um den 2018er-Gewinn nicht vollends zerbröseln zu lassen. Das hielt die Helaba-Tochter allerdings nicht davon ab, dreien ihrer Mitarbeiter (wir vermuten: drei Vorständen) fürs gleiche Jahre eine offenlegungspflichtige Vergütung in siebenstelliger Höhe zukommen zu lassen (siehe: Das sind die 40 Einkommens-Millionäre der Sparkassen).

Es kommt aber noch doller: Wie sich dem Geschäftsbericht nämlich fernerhin entnehmen lässt, führte das Immo-Nümmerchen (wegen des entstandenen „Bewertungsertrags“) direktemang zu einer Erhöhung der „variablen Vergütungs-Bestandteile“. Das wiederum ließ schließlich die Verwaltungs-Aufwendungen „über den ursprünglichen Plan“ hinaus steigen. Und das alles wohlgemerkt bei einer Krisen-Sparkasse, die sich öffentlich eines „strikten Sparkurses“ rühmt.

Herzlichen Glückwunsch, liebe Helaba, zu dieser Tochter.

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