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Betriebsrat versus Partner: Home-Office-Eklat bei Berenberg

Bei Berenberg eskaliert die Diskussion um die von der Geschäftsführung angeordnete 100%-Präsenzpflicht. Nach Finanz-Szene-Informationen hat die Geschäftsführung am Dienstag letzter entschieden, keine weiteren Gespräche mit dem Betriebsrat über eine mögliche Betriebsvereinbarung zum mobilen Arbeiten zu führen. Damit gilt die interne Ansage, dass sich alle rund 1.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter grundsätzlich jederzeit an ihrem Büroarbeitsplatz einzufinden haben – ein in dieser Deutlichkeit nicht nur für die Bankenbranche sehr ungewöhnlicher Schritt.

Ein Sprecher wollte sich nicht zur der Frage äußern, ob die Gespräche tatsächlich abgebrochen worden sind oder nicht. Finanz-Szene liegt allerdings eine zweiseitige Information des Betriebsrats zum Gesprächsabbruch vor. Dort zeigen sich die Arbeitnehmervertreter entsetzt von der geltenden Regelung. “Damit ist faktisch eine 100% Anwesenheitspflicht angeordnet worden”, heißt es in dem Schreiben. Der arbeitsrechtliche Nebeneffekt: Weil es keine Betriebsvereinbarung und generell keine formale Möglichkeit zum Home-Office gibt, hat auch der Betriebsrat keinerlei Mitspracherecht, sondern kann lediglich Appelle aussprechen.

“Ohne nachvollziehbare Begründung”

Diese Appelle unterstreicht der Betriebsrat mit einer umfangreichen, anonymisierten Stimmensammlung aus der Belegschaft. Der rote Faden: Mit der Präsenzpflicht werde ein funktionierendes System über den Haufen geworfen – die Attraktivität von Berenberg als Arbeitgeber sinke. “Ohne nachvollziehbare Begründung den Angestellten etwas zu nehmen, woran sie sich zwei Jahre gewöhnt haben, ist für mich unverständlich. Gerade weil die Angestellten das Vertrauen in die weniger kontrollierbare Arbeit von Zuhause durch nachweislich gute Leistung und Mehrarbeit zurückgezahlt haben”, zitiert der Betriebsrat eine von insgesamt 15 Stimmen. Auch auf Bewertungsportalen wie Kununu sammeln sich zurzeit die kritischen Rezensionen, Auch hier ist der Tenor der Unmut über die kurzfristig angeordnete Präsenzpflicht.

Dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch während Corona und ohne Präsenzpflicht “geliefert” haben, ist ökonomisch mit Zahlen unterfüttert: Im Jahr 2021 erhöhte sich laut bereits im Januar vorgelegten Zahlen der Jahresüberschuss um 57% auf den Rekordwert von 170 Mio. Euro. In der Folge schnellte die ausgewiesene Eigenkapitalrendite auf  83% vor Steuern in die Höhe (siehe hier).

Unklar ist allerdings, welchen Einfluss der scharfe Einbruch an den Aktienmärkten auf das Geschäft im laufenden Jahr hat. Das für Berenberg wichtige Geschäft mit der Platzierung von Aktien brach laut vorläufigen Branchenzahlen im ersten Halbjahr in Europa um 58% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein und in den USA sogar um 79%. Vor drei Wochen hatte Finanz-Szene exklusiv vermeldet (siehe hier), dass Berenberg in den USA rund ein Drittel der Beschäftigten entlässt.

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