Castellbank offenbart merkliche Probleme im Kerngeschäft

18. Mai 2021

Von Christian Kirchner

Aufreger in der deutschen Private-Banking-Szene: Die Fürstlich Castell’sche Bank – gegründet 1774 und damit eines der ältesten Geldhäuser überhaupt hierzulande – offenbart merkliche Probleme im Kerngeschäft. Zins- wie Provisionsüberschuss sind rückläufig, zudem räumte das Institut gestern überraschend eine „umfangreiche bilanzielle Vorsorge in Form pauschalisierter Wertberichtigungen“ ein. Ergänzt um Rückstellungen gemäß 340f HGB ergibt insgesamt eine Belastung in Höhe von 5,2 Mio. Euro, wie sich einer auf der Website veröffentlichten Kurzversion des 2020er-Geschäftsberichts entnehmen lässt. Zur Einordnung: Die Belastung entspricht, gemessen an den zurückliegenden Geschäftsjahren, grob ein bis zwei Jahresgewinnen. Wie sich die 5,2 Mio. Euro auf die Werberichtigungen einerseits und die Bildung von 340f-Reserven andererseits aufteilen, wollte die Bank nicht sagen. Alleine die laufenden Erträge halten die Bank inzwischen noch in den schwarzen Zahlen.

Erst vor wenigen Wochen hatte die Castellbank zur allgemeinen Überraschung einen Komplettumbau des bislang zweiköpfigen Vorstands bekannt gegeben. Der langjährige Vorstand Klaus Vikuk scheidet mit Ablauf seines Vertrags zum 31. Juli aus, seine Kollegin Pia Weinkamm hat das Institut bereits im April verlassen. Interimistisch ist der Aufsichtsratschef Ingo Mandt in den Vorstand eingetreten, um die Geschäfte zu führen. Später im Jahr soll dann mit Thomas Rosenfeld (Ex-BW-Bank), Stephan Wycisk (Ex-Oddo-BHF) und Christian Hille (Ex-DWS, seit November 2020 als Generalbevollmächtigter im Haus) eine komplett neue Führungsriege das Zepter übernehmen. Offiziell war bei Bekanntgabe der Rochade im April von einer „strategischen Neuausrichtung“ die Rede gewesen.

Tatsächlich lässt der gestern veröffentlichte Abschluss die Bank in neuem Licht erscheinen. Oberflächlich betrachtet, machten die Zahlen des in Würzburg ansässigen Instituts in den vergangenen Jahren gar keinen so schlechten Eindruck, siehe unseren Überblick über die hiesigen Privatbanken aus dem vergangenen Jahr und siehe auch die Entwicklung des Jahresüberschusses zwischen 2015 und 2020 …

Trotz der scheinbar soliden Überschüsse, die immer irgendwo zwischen 2,3 und 4,6 Mio. Euro lagen, hat die Fürstlich Castell´sche Bank aber offenbar ein fundamentales Problem im Kerngeschäft –  was allem Anschein nach über die Jahre von Erträgen aus Beteiligungen zugekehrt wird. Aber der Reihe nach:

1.) Der Einbruch der Überschüsse im Kerngeschäft

Bei einer längerfristigen Betrachtung der Ergebnisse fällt auf, dass der Zinsüberschuss der Fürstlich Castell’schen Bank seit 2015 um rund 42% auf zuletzt knapp 12 Mio. Euro eingebrochen ist – eine heftige, aber in der Tendenz für die Branche nicht unübliche Entwicklung. Schon erstaunlicher ist, dass der für eine Privatbank mit hohem Beratungsanteil so wichtige Provisionsüberschuss ebenfalls seit 2017 Jahr für Jahr sinkt. 2018 machte die Bank dafür noch ein „herausforderndes Marktumfeld“ verantwortlich, 2019 dann eine „sehr starke Wettbewerbssituation in der Stammregion“.

2020 fiel der Provisionsüberschuss dann erneut, und zwar um 14% (!) auf 12,7 Mio. Euro – und das trotz des größten Wertpapierbooms seit zwei Jahrzehnten hierzulande, mit immer neuen Rekordhöhen an den Aktienmärkten und damit auch „natürlichen“ Anstiegen der Assets, für deren Verwaltung die Provisionen anfallen. Wie begründet die Bank diese ungewöhnliche Tatsache? In einer Mitteilung verwies sie auf eine „erhebliche Volatilität aller Anlageklassen“.

2.) „Sonstige betriebliche Aufwendungen“ – ohne Ende?

2017 erschütterte die Bank ein Betrugsfall. Ein Mitarbeiter der Bank veruntreute laut späterem Urteil rund 7 Mio. Euro an Kundengeldern und wurde wegen Betrugs, Untreue und Urkundenfälschung 2018 zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Horror für die Reputation einer Privatbank – im Falle der Fürstlich Castell’schen Bank aber auch ein handfestes Problem für die GuV. Denn bis 2016 spielten die „sonstigen betrieblichen Aufwendungen“ keine Rolle. Dafür stiegen sie ab 2017 deutlich an.

in Mio. Euro sonstige betriebliche Aufwendungen
2015 -0,1
2016 -0,2
2017 -6,0
2018 -6,8
2019 -3,0

Die Begründungen für die kumuliert 15,8 Mio. Euro 2017 bis 2019 – bei einem kumulierten Jahresüberschuss von 8,6 Mio. Euro im gleichen Zeitraum! – waren in den Geschäftsberichten stets identisch (Hervorhebungen durch uns):

  • 2017:  Der sonstige betriebliche Aufwand beinhaltet im Wesentlichen Aufwendungen sowie Vorsorge für Schadensersatzleistungen im Zusammenhang mit einem mutmaßlichen Betrugsfall eines ehemaligen Mitarbeiters, Aufwendungen aufgrund von Beschwerden sowie Aufwendungen für Betriebsangehörige.
  • 2018:  Der sonstige betriebliche Aufwand beinhaltet im Wesentlichen Aufwendungen sowie Vorsorge für Schadensersatzleistungen im Zusammenhang mit einem Betrugsfall eines ehemaligen Mitarbeiters, Aufwendungen aufgrund von Beschwerden sowie Aufwendungen für Betriebsangehörige.
  • 2019: Der sonstige betriebliche Aufwand beinhaltet im Wesentlichen Aufwendungen sowie Vorsorge für Schadensersatzleistungen im Zusammenhang mit einem Betrugsfall eines ehemaligen Mitarbeiters sowie Aufwendungen für Leistungen im Zusammenhang mit dem Verkauf einer Immobilie eines verbundenen Unternehmens.

Ganz offenbar beschäftigte der Betrugsfall die Bank also noch sehr lange. Ob dies 2020 immer noch ähnlich aussieht oder das Elend ein Ende hat? Das geht aus dem bislang veröffentlichten verkürzten Bericht nicht hervor. Die Bank hat darin die sonstigen betrieblichen Aufwendungen und Erträge saldiert ausgewiesen und zeigt einen Ertrag von 2,1 Mio. Euro. Wie hoch die Aufwendungen, wie hoch die Erträge sind, die sich hinter dem Saldo verbergen – das bleibt vorerst offen.

3.) Was unter dem Strich herauskam

Insgesamt stellen sich die wichtigsten Kennziffern der GuV seit 2015 wie folgt dar:

in Mio. Euro 2015 2016 2017 2018 2019 2020
Zinsüberschuss 20 17,4 14,8 12,9 12,6 11,7
Provisionsüberschuss 14,9 14,8 16,5 15 14,7 12,7
laufende Erträge 2,4 2,7 2,9 4,4 5,8 8,2
Kosten 27,6 28,1 26,1 27,2 27,2 24,6
Jahresüberschuss 3,5 4,6 2,3 2,8 3,5 3,2

Quelle: Geschäftsberichte/Mitteilungen

Die Tabelle zeigt: Am Ende reicht’s immer für einen dezenten Jahresüberschuss. Und: Die Bank hat ihre jeweiligen Prognosen des Vorjahres auch stets erreicht oder gar übertroffen und bei den Kosten Maß gehalten.

Saldiert man allerdings die Summe der Zins- und Provisionsüberschüsse mit den Kosten, so fiel das kumulierte Zins- und Provisionsergebnis noch 2015 gut 7 Mio. Euro höher aus als die reinen Bankkosten. Genug Luft also, um auch nach Abschreibungen und Wertberichtigungen etwas zu verdienen.

2018 landete man schon bei einer „schwarzen Null“, genauer bei nur noch 700.000 Euro mehr an Zins- und Provisionsüberschüssen als an Kosten.

Und 2020? Da reichte schon die massive Kostenreduktion nicht mehr aus um aufzufangen, was an Zins- und Provisionsgeschäft wegbröselt. Und das in der besten aller Börsenwelten, mit Rekordhochs an den Kapitalmärkten noch und nöcher. Wer dann bedenkt, dass in diesem Saldo ja noch nicht einmal die besagten 5,2 Mio. Euro Wertberichtigungen plus 340f-Rückstellungen drin sind, dem wird klar, warum in der Bank Anfang des Jahres offenbar Panik ausbrach und ein kompletter personeller Neuanfang im Vorstand angesetzt wurde.

4.) Lebensretter Jahr für Jahr: die Leasingtochter

Allein: Wo kommt denn angesichts des zerbröselnden Kerngeschäfts Jahr um Jahr der Jahresüberschuss zustande? Die Lösung für diese Frage liegt in der Zeile „laufende Erträge“ in der obigen Tabelle. Diese Erträge steigen seit Jahren konstant und haben sich allein seit 2015 fast vervierfacht. Wo noch Geld verdient wird, geht aus dem Abschluss 2020 gar nicht hervor und wird auch in der Mitteilung nicht erwähnt: Es ist die MLF Mercator-Leasing GmbH & Co. Finanz-KG, die einzige Beteiligung der Bank. Dabei handelt es sich um eine Leasinggesellschaft, die die Fürstlich Castell’sche Bank mit je 50% der Anteile gemeinsam mit der regionalen Flessa Bank betreibt und ihren Sitz in Schweinfurt hat.

Immerhin dort brummt das Geschäft: Erst im Dezember berichtete die MLF Mercator Leasing von der „erfolgreichsten Bilanz seit der Firmengründung“ und von einer auf mehr als 1 Mrd. Euro ausgeweiteten Bilanzsumme. Der letzte ausgewiesene Gewinn datiert von 2019: 11,9 Mio. Euro.

Auch auf Nachfrage verweist die Bank darauf, dass „die höheren Erträge (…) durch das sehr gute Ergebnis der Mercator Leasing, aber auch durch die gute Entwicklung unseres selbst gemanagten Spezialfonds begründet“ seien. Das ist sei einerseits erfreulich, zeigte aber „zum anderen aber auch, dass die Bank im Kerngeschäft ertragsstärker werden muss“.

Wie es jetzt weitergeht, scheint die Fürstlich Castell’sche Bank selbst noch nicht in allen Details zu wissen. So ist im vorläufigen Geschäftsbericht vage von „zeitgemäßen digitalen Kommunikationskanälen“ im Vertrieb die Rede, die man einführen wolle, vor allem aber heißt es wolkig, dass man „die Details der Neuausrichtung  im laufenden Jahr weiter detaillieren und dann ausführlich kommunizieren“ werde. Ein bisschen Zeit müssen Kunden und Mitarbeiter aber offensichtlich mitbringen, bevor sie mit nachhaltiger Besserung rechnen können: „Souverän 2024“ heißt das Programm intern – und wenn die Jahreszahl das Zieljahr markiert, wird der Umbau vier Jahre brauchen (GJ 2024 vs. GJ 2020).

Also nur schlechte Nachrichten in der 2020er Bilanz? Nicht ganz. Eine gute Nachricht gab es dann doch: „An dieser Stelle gratulieren wir Ihren Durchlauchten Fürst und Fürstin Otto zu Castell-Rüdenhausen zur Geburt ihres ersten Kindes Lelio am 13. Oktober 2020. Im Namen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Fürstlich Castell’schen Bank wünschen wir der jungen Familie alles Gute.“

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