Analyse

Comdirect-Coup: Die Einlagen sinken! Wegen des Kundenbanns?

9. Januar 2020

Von Christian Kirchner

Es war ein radikaler Schritt: Seit November eröffnet die Comdirect ein Tagesgeldkonto nur noch für Kunden in Kombination mit einem Girokonto (siehe unser Scoop vom 6. Januar), das Festgeldangebot gibt es für Neukunden gar nicht mehr. Wer sich – wie Finanz-Szene.de in einigen Testanrufen – dennoch für ein Sparprodukt interessiert, erhält die Auskunft, „das lohnt sich angesichts von 0% Zinsen ja sowieso nicht“.

Was aus Kundensicht eine fragwürdige Auskunft ist. Denn auch 0% Zinsen sind für viele Menschen mittlerweile akzeptabel, solange ihr Geld sicher verwahrt wird.

Anders ist das aus Perspektive der Banken. Denn für die sind 0% Guthabenzins ein Verlustgeschäft, wenn sie dasselbe Geld zu einem Negativzins vom minus 0,5% bei der EZB in Verwahrung geben.

Daher ist die Comdirect nicht nur dazu übergegangen, bestimmten Kunden keine Sparkonten mehr anzubieten. Sondern: Für Einlagen über 250.000 Euro kündigte die Commerzbank-Tochter  Anfang Dezember ihrerseits eine „Verwahrgebühr“ von 0,5% an, die seit Jahresbeginn gilt. Anders glaubt Sie, der Einlagenflut nicht Herr werden zu können.

Und ja – es ist eine Flut: Auch weil die Comdirect kaum Kreditgeschäft betreibt, haben sich der Einlagenbestand seit Anfang 2015 wie folgt entwickelt:

Kundeneinlagen der Comdirect in Mrd. Euro

Quelle: Quartalsberichte

… bis jetzt jedenfalls. Denn ganz offenbar zeigen die oben beschriebenen Kunden-Abschreckungs-Maßnahmen erste Wirkung. So jedenfalls lassen sich die sogenannten Monatszahlen deuten, die die Comdirect dieser Woche veröffentlicht hat.

Laut denen ist es der Quickborner Direktbank nicht nur gelungen, den üblichen monatlichen Zufluss an Kundeneinlagen zu stoppen – sondern sie hat ihn sogar umgekehrt: Saldiert sind die Einlagen im Dezember um 90 Mio. Euro geschrumpft. Es ist der erste Rückgang nach 22 Monaten in Folge mit einem Anstieg.

Veränderung der kumulierten Kundeneinlagen der Comdirect in Mio. Euro zum Vormonat in Mio. Euro

Quelle: Comdirect Monatsberichte, eig. Berechnungen

Der kleine rote Balken unten rechts dürfte in der Bankenbranche für einiges Aufsehen sorgen. Denn: Den Einlagenbestand zu senken – das ist ein Ziel, an dem sich momentan zwar viele Banken versuchen, doch den wenigsten gelingt es. Wobei es im Grunde ja nur zwei Möglichkeiten gibt:

  • Entweder, man schafft es, die Kunden ins Provisionsgeschäft zu locken (also z.B. in den Kauf von Investmentfonds)
  • Oder aber, man bringt den Kunden dazu, sein Geld zur Konkurrenz zu bringen (optimalerweise natürlich, ohne gleich die ganze Kundenverbindung zu verlieren)

Letzteres indes scheint bei der Comdirect kein Thema zu sein, denn sowohl bei der Netto-Zahl der Kunden (+15.000 zum Vormonat im Dezember bei 2,7 Mio. Kunden) als auch der Depots (+14.000) ging es weiter aufwärts.

Wo aber sind die Einlagen hin?

Ein Sprecher der Comdirect erklärte zum Rückgang des Einlagevolumens: „Der aktuelle Rückgang hängt sicherlich mit unserem Bemühungen zusammen, unsere Kunden vermehrt zur Anlage in Wertpapiere zu bewegen. Beim Depotvolumen verzeichnen wir ein stetiges Wachstum, auch wenn dieses natürlich den üblichen Marktschwankungen unterworfen ist.“

Stimmt die Darstellung? Zweifel sind angebracht. Denn die Zahl der ausgeführten Orders sinkt bei der Comdirect, wenngleich nur leicht, seit August Monat für Monat auf zuletzt noch 2,023 Mio. Orders im Dezember. Womöglich haben die (einigermaßen vermögenden) Kunden ihr Geld also doch schlicht zu anderen Banken getragen oder zumindest damit begonnen.

Auffällig auch: Die Einlagenzuflüsse der vergangenen Jahre scheinen keine Funktion der Zinsen zu sein. Denn den ohnehin schon niedrigen Zins von 0,01% bzw. 0,05% auf Tages- und Festgeld strich die Comdirect bereits im Mai 2019 auf 0% zusammen. Die Zuflüsse bremste das nicht – noch im November kletterten die Einlagen gar wieder um fast eine halbe Mrd. Euro.

Nun muss man ganz klar sagen: Die Dezember-Zahlen sind nicht mehr als ein erstes Indiz. Für finale Rückschlüsse, ob der Trend zu immer mehr Einlagen wirklich gestoppt ist und woran das ggf. liegt, ist es noch zu früh.

Wenn wir trotzdem eine Prognose wagen dürften: Zeichnet sich ab, dass sich der Einlagenzufluss mit einer restriktiveren Eröffnung und Streichung von Tages- und Festgeldkonten und Standard-Verwahrgebühren bremsen lässt, dürfte das Modell in der Branche rasch Nachahmer finden.

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