von Christian Kirchner, 12. Februar 2026
So kann es gehen. Die Vorjahresziele übertroffen (siehe unsere News von Dienstagmittag). Die aktuellen Ziele angehoben (siehe unseren Live-Blog von gestern früh). Doch was macht die Aktie? Rauscht um bis zu 6,6% ab. Nun sollte man Börsenreaktionen nicht überbewerten, zumal bei einer Aktie, die ohnehin etwas aufgebläht wirkt (und sich dann auf ein Tagesminus von nur 2% erholt). Und doch illustriert der gestrige Tag sehr schön, in welche Lage sich die Commerzbank einstweilen manövriert hat: Sie kann liefern, so viel sie will – den hochgejazzten Erwartungen wird sie trotzdem kaum noch gerecht. Wie der Hase aus der Fabel, der läuft wie verrückt, nur um letzten Endes stets festzustellen, dass der Igel schon da ist („Ick bün all hier!“).
Konkret: 2,6 Mrd. Euro netto hat die Commerzbank im vergangenen Jahr verdient (prognostiziert waren 2,4 Mrd. Euro, jeweils nach Restrukturierungskosten). Fürs laufende Jahr kalkuliert sie nun sogar mit mehr als 3,2 Mrd. Euro (statt bislang genau 3,2 Mrd. Euro). Das wirkt alles überaus solide, zumal das gestern vorgestellte Zahlenwerk auch in den Details nur wenig Anlass zum Meckern gibt. Doch zugleich – kalkulieren die Analysten halt schon seit Wochen mit einem Gewinn von 3,4 Mrd. Euro. Ein Ziel, das der Vorstand insgeheim verfolgen dürfte, das er sich gestern aber nicht öffentlich zu formulieren getraut hat. Und so wirkt die neue Prognose im besten Fall konservativ und im schlechtesten Fall so, als mangele es der Commerzbank an Ambitionen (oder als traue sie sich die 3,4 Mrd. Euro nicht zu). Hinzu kommt: In Frankfurt hat man zwar Gefallen an der Erzählung von den tapferen Galliern gefunden, die sich gegen die übermächtigen Römer (genauer: Mailänder) zur Wehr setzen. Der Zaubertrank allerdings scheint nicht unbegrenzt zu wirken, wie sich am Aquila-Capital-Fiasko zeigt (im Q4 wurden weitere 52 Mio. Euro auf den Asset Manager abgeschrieben). Und so bleiben der Commerzbank eigentlich nur zwei Dinge: weiter zu liefern. Und sich damit abzufinden, dass die Zeiten, in denen sie fürs Liefern gefeiert wurde, vorbei sind.
Unsere Analyse in sechs flotten Punkten.
Als die Commerzbank vor einem Jahr ihr 15%-Ziel für die Eigenkapital-Rendite bis 2028 ausgab, steckte sie den Weg dorthin mit präzisen Zwischenzielen ab. Diese lauteten für 2025 vor allem:
Tatsächlich erzielt hat sie nunmehr:
Auch in Teilergebnissen wie der Risikovorsorge (erwartet: rund 850 Mio. Euro, erzielt: 722 Mio. Euro) oder dem Zuwachs des Provisionsüberschusses (versprochen: +7%, geliefert: +7%) hat die Commerzbank 2025 alle Ziele erfüllt oder übererfüllt.
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Beim Erreichen respektive Übererfüllen der wesentlichen Finanzkennzahlen spielte der Zinsüberschuss eine wesentliche Rolle. Noch vor einem Jahr ging die Commerzbank davon aus, dass dieser sich 2025 auf 8,1 Mrd. Euro (inkl. Bewertungsergebnis) reduzieren werde. Unter dem Strich sind es dann 8,2 Mrd. Euro geworden (wozu das Bewertungsergebnis nur minimal beitrug).
Dass das Zinsergebnis der Commerzbank (leicht) besser ausfiel als erwartet, lag daran, dass das Institut im Zinsgeschäft an den richtigen Stellschrauben gedreht hat. Dazu gehörte zum Beispiel, dass es ihr gelang, ab dem 2. Quartal neue Einlagen – vor allem Sichteinlagen – in Höhe von insgesamt 12 Mrd. Euro anzuziehen, je rund 6 Mrd. Euro pro Quartal. Zudem konnte sie das für das Ergebnis höchst relevante Zins-Beta (das bemisst, welcher Anteil des EZB-Einlagenzinses an die Kunden weitergegeben wird) zuletzt sogar wieder leicht drücken (von 42% im 3. Quartal 2025 auf 41% in Q4). Zur Einordnung: Ein Basispunkt beim Zins-Beta verändert das Ergebnis der Commerzbank um rund 80 Mio. Euro.
Nachdem die Commerzbank 2025 auch für das Asset Management große Ziele ausgerufen hatte (so soll dessen Gewinnbeitrag im Geschäftsjahr 2028 bei 700 Mio. Euro liegen, was fast einer Verdopplung gleichkäme), sah sie sich bei der Vorlage der 2025er-Zahlen offiziell weiter auf gutem Weg dorthin. Und tatsächlich konnte sie den Provisionsüberschuss des Asset Managements insgesamt auf 356 Mio. Euro steigern (plus 7% zum Vorjahr). Dabei handelt es sich allerdings um eine relativ weit gefasste Einheit einschließlich Wealth-Management-Dienstleistungen. Und so lieferten die Asset-Management-Töchter im Deutschland-Geschäft nur Erträge in Höhe von 223 Mio. Euro – ein Minus von 4%, verglichen mit 2024, und das trotz starker Rahmenbedingungen am Kapitalmarkt.
Auch sonst zündet die Offensive noch nicht so ganz. Bekanntlich hat die Commerzbank zum einen den hauseigenen Asset Manager Yellowfin gegründet und zum anderen Akteure wie Aquila Capital und Nixdorf Capital (teil-)übernommen. Diese Deals musste sie indes teils rückgängig machen, teils abschreiben. Beispiel Aquila Capital: 200 Mio. Euro bezahlte die Commerzbank 2024 für 75% am Sachwerte-Fondsmanager, und nur ein Jahr später hat sie bereits 117 Mio. Euro abgeschrieben (davon 52 Mio. Euro im Q4). Ursache dafür dürfte vor allem sein, dass zwei Fonds der Tochtergesellschaft im Volumen von 1,2 Mrd. Euro liquidiert werden müssen (siehe auch: Drama in zehn Akten – wie der Aquila-Kauf für die Commerzbank zum Fiasko geriet).
Kommunikativ hat sich die Commerzbank darauf festgelegt, das Desaster Aquila Capital mit „makroökonomischen Herausforderungen“ und „schwierigen Rahmenbedingungen“ zu erklären, insbesondere bei erneuerbaren Energien. Doch wie sie es auch dreht: Ganz offenbar hat das Institut die Risiken bei seinem Kaufobjekt entweder bei der Due Dilligence übersehen oder sie sträflich unterschätzt. So leidet zum Beispiel die Branche der Erneuerbaren Energien nicht erst seit gestern unter Schwierigkeiten.
Offen gestanden: Wenig! Die Commerzbank liefert ja im Großen und Ganzen, und wer kritische Punkte finden will, muss schon ein wenig haarspalterisch in die Tiefen der Zahlen eintauchen. Aber: Es gibt sie.
Stichwort Deutschlandgeschäft: So schön die Konzernzahlen auch aussehen – das Heimatgeschäft hatte zu kämpfen. So konnten die deutschen Einheiten ihren Gewinn aus dem Jahr 2024 nicht verteidigen. Die Sparte „Corporate Clients“ verzeichnete einen kleinen Rückgang um 1%, in der Sparte „PSBC Germany“ für Privatkunden und kleine Firmenkunden fiel das Minus mit 6% dann schon deutlicher aus. Diese Entwicklung ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass das Vorjahr 2024 das „perfekte“ Jahr fürs Zinsgeschäft war (rasch steigende EZB-Einlagenzinsen bei nur langsam steigendem Zins-Beta). Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass vor allem das deutliche Plus beim Ergebnisbeitrag der polnischen Tochter mBank (+75% auf 1.050 Mio. Euro) entscheidend dafür war, das Konzernergebnis 2025 zu steigern.
Ergebnisbeiträge nach Sparten:
Quelle: Unternehmensangaben
Eine andere (minimale) Schwäche zeigt sich beim Provisionsüberschuss. So ist es ein wesentliches Element der Commerzbank-Strategie bis 2028, den Provisionsüberschuss Jahr für Jahr um 7% zu steigern. Im Jahr 2025 hat die Commerzbank diese 7% auch exakt geliefert. Zumindest auf Quartalsbasis war die Dynamik zuletzt aber schon wieder leicht rückläufig (so betrug das Plus im Vorjahresvergleich im 3. Quartal noch 6%, im Q4 indes nur noch 5%). Das klingt auf den ersten Blick vernachlässigbar, allerdings hätten die Rahmenbedingungen im Provisionsgeschäft insbesondere mit der Rekordjagd an den Aktienmärkten und einem Jahresschluss nahe des Rekordhochs auch im Q4 kaum besser sein können. So gesehen, wären bessere Zahlen zu erwarten.
Schon in der Ära Manfred Knofs (2021-2024) kalkulierte die Commerzbank gerne konservativ und hielt sich bei Prognosen eisern an die Regel: Lieber nicht zu viel versprechen und dafür dann mehr liefern. Das setzt sich unter CEO Bettina Orlopp nahtlos fort. So spricht die Commerzbannk in ihrem Ausblick für 2026 lediglich von einem „Nettoergebnis über dem ursprünglichen Ziel ihrer Momentum-Strategie von 3,2 Mrd. Euro“ – ohne konkreter zu werden. Analysten rechnen längst mit 3,4 Mrd. Euro. Immerhin: Beim Zinsüberschuss erwartet das Institut für das laufende Jahr nun 8,5 Mrd. Euro (statt bisher 8,4 Mrd. Euro). Sollte diese Zahl ohne Bewertungsergebnis gerechnet sein, entspräche sie den Analystenschätzungen, sollte sie das Bewertungsergebnis mit einbeziehen, läge sie darunter (denn zusammen erwarten die Analysten derzeit 8,8 Mrd. Euro).
Nun ist eine konservative Herangehensweise bei Zielen und Erwartungen insofern nachvollziehbar, als es bei der Commerzbank früher gerne mal andersherum lief. Zudem hat das regelmäßige Übertreffen der eigenen Ziele seinen Teil dazu beigetragen, dass die Aktie bis zur Vorlage der 2025er-Zahlen bei mehr als 35 Euro notierte. Allerdings zeigt die negative Kursreaktion gestern (in der Spitze minus 6,6%), dass dem Markt solide Zahlen und ein verhalten optimistischer Ausblick nur noch bedingt reichen.
Zumal die Commerzbank ihrer Strategie treu bleibt, ihren Knapp-30-Prozent-Großaktionär Unicredit mit größtmöglicher Distanz zu behandeln und die Debatte über eine Übernahme tief zu hängen. Ist der Machtpoker wirklich noch über Jahre durchzuhalten, wie beide Akteure aktuell nahelegen (auch die Unicredit deutete das bei ihrer Bilanzvorlage zu Wochenbeginn an)? Die Ungewissheit zehrt an den Nerven aktueller Mitarbeiter, hält potenzielle Mitarbeiter ab und irritiert Investoren.
Weil die Kapitalisierung der Commerzbank mit 14,7% Kernkapitalquote auskömmlich ist, hat sie sich bereits vor einem Jahr entschieden, 100% ihrer Nettogewinne an Investoren auszuschütten – teils über Dividenden, teils über Aktienrückkäufe. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank verspricht, 60% des Nettogewinns auszuschütten, Unicredit verspricht 80%. Das Ausschüttungsversprechen der Commerzbank ist somit ungewöhnlich hoch und dürfte eines der zentralen Argumente für das Kaufen und Halten ihrer Aktie sein. Denn: Für das laufende Jahr dürften diesen Planungen zufolge 9% der Börsenwerts wieder zurück an die Investoren fließen; bei Deutscher Bank und Unicredit sind es nur 7%.
Ein Problem an diesem Versprechen ist, dass die Commerzbank damit auch Aktien über ihrem Buchwert zurückkauft, denn inzwischen beträgt der Aufschlag des Aktienkurses auf den Buchwert je Aktie bereits knapp 30%. Diese Tatsache stört dem Vernehmen nach besonders den Großaktionär Unicredit.
Aktuelle Kennzahlen, Commerzbank vs. Unicredit vs. Deutsche Bank
* Dividende plus Aktienrückkäufe in % des Börsenwerts
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