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Der 1250%-Hammer: Was Banken bei Krediten für fossile Energien droht

Europas Banken sehen sich im Zuge der “Basel IV”-Gesetzgebung mit einer krassen Forderung aus den Reihen des EU-Parlaments konfrontiert. Hintergrund: Im letzten Herbst hatte zunächst die EU-Kommission ihre Vorstellungen für das neue Eigenkapital-Regelwerk formuliert. Aktuell bringen der Europäische Rat (also die Vertretung der Mitgliedsstaaten) sowie das Parlament ihre Änderungsvorschläge ein. Dabei ist nun bereits am 11. August ein rund 200-seitiger Katalog öffentlich geworden, der unter anderem folgende Forderung enthält: Banken sollen sämtliche seit dem 1. Januar 2022 im Zusammenhang mit fossilen Energieträgern vergebenen Kredite mit einer Risikogewichtung von 1250% versehen.

Die 1250%-Regel würde grob gesagt darauf hinauslaufen, dass Europas Banken für jeden Euro, den sie der klassischen Energiewirtschaft neu zur Verfügung stellen, ebensoviel Eigenkapital vorhalten müssen. Damit wäre de facto in dem Bereich keine neues Geschäft mehr möglich. Was das Bestandsportfolio geht, sieht der Vorschlag zwar von der 1250%-Forderung ab – nennt aber immerhin einen Wert von 150%, was ebenfalls zu einer Belastung des Eigenkapitals führen würde. Zur groben Einordnung der Zahlen drei beispielhafte Vergleiche:

  • Die Deutsche Bank hat zwar 1.387 Mrd. Euro an Assets, aber “nur” 370 Mrd. an risikogewichteten Aktiva
  • Die ursprünglichen Basel-IV-Vorschläge des Baseler Ausschusses sehen überhaupt keine Sonderbehandlung fossiler Energieträger vor. Stattdessen strebt der Ausschuss beispielsweise bei Krediten an Unternehmen mit starker Bonität beispielsweise einen Wert von 20% an
  • Und in der hitzig geführten Diskussion um Kredite an Mittelständler ohne Rating geht es um eine Gewichtung von 100%

Der 1250%-Vorschlag stammt ursprünglich von Ville Niinistö, dem Schattenberichterstatter der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament. Interessanterweise wird Niinistö allerdings unterstützt von Gilles Boyer, der einen gleichlautenden Antrag in das 200-Seiten-Dokument eingebracht hat. Boyer gehört der liberalen Fraktion “Renew Europe” an, womit die Idee faktisch die Unterstützung der drittgrößten (Renew Europe) sowie viertgrößten (Grüne) Fraktion zu haben scheint. Offenbar meinen es also wenigstens Teile des Europäischen Parlaments ernst mit der extremen Forderung.

Innerhalb der deutschen Bankenbranche werden die Vorschläge trotzdem – noch – mit einer gewissen Gelassenheit gesehen. Bislang gelte in der Basel-Regulierung das eiserne Prinzip, wonach sich die Eigenkapitalunterlegung von Krediten ausschließlich an den Ausfallrisiken bemessen sollte, wird argumentiert. Eine Sonderbehandlung ökologisch umstrittener Engagements würde diesem Grundsatz zuwiderlaufen. Daher sei fraglich, ob es überhaupt statthaft ist, in der Bankenregulierung den Daumen über bestimmte Energieträger zu heben oder zu senken.

Denn: Es gibt zwar gute Gründe für die Annahme, dass die Risiken eines übermäßiges Exposure gegenüber fossilen Energieträgern zunehmen. Ein Gewichtung von 1250% allerdings würde das generelle Risiko eines totalen Wertverlusts nahelegen – was dann doch übertrieben erscheint. So geht man in der deutschen Kreditwirtschaft bislang davon aus, dass es sich bei den 1250% eher um Verhandlungsmasse als um einen ernsthaften Vorschlag handelt.

Und wenn nicht? Fest steht: Auch wenn viele Banken kundgetan haben, sich zumindest auf Sicht aus der Finanzierung beispielsweise von Kohleprojekten zurückzuziehen, stellen fossiler Energien für die Kreditwirtschaft noch immer ein riesigen Markt dar. sind, Laut Berechnungen der Öko-Lobbyisten von “Urgewald”, die auch regelmäßig auf Hauptversammlungen hiesiger Finanzinstitute auftreten, haben deutsche Banken allein in den zurückliegenden drei Geschäftsjahren gegenüber der globalen Kohleindustrie neues Kredit-Exposure im Umfang von umgerechnet gut 18,2 Mrd. Dollar aufgebaut. Hinzu kämen noch einmal 23 Mrd. Dollar an Aktien und Anleihen. Den globalen Gesamtmarkt für Aktien, Anleihen und Kredite bei fossilen Energien schätzen Experten auf rund 3,6 Billionen US-Dollar weltweit

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