Kurz gebloggt

Der Commerzbank läuft die Zeit davon. Merkt sie das???

6. November 2020

Von Christian Kirchner

Es versprach ein ruhiger Tag für die Commerzbank zu werden. Die am morgen vorgestellten Q3-Zahlen waren zwar nicht dolle (siehe unsere Ad-hoc-Analyse hier) – das allerdings hatte ja auch niemand insofern. Insofern: Business as usual. Dachte man. Dann allerdings begann die Aktie wieder mal zu fallen, zwar nicht dramatisch, aber doch spürbar. „Minus 6%“, lautete das Urteil zum Handelsende. Wohlgemerkt gegen einen Gesamtmarkt, der um 2% zulegte.

Wie kann das sein?

Ganz einfach. Die Commerzbank nimmt sich weiter Zeit, die sie nach Ansicht ihrer Investoren gar nicht mehr hat. Vor dem gestrigen Analysten-Call hatte der ein oder andere Aktionär noch die leise Hoffnung gehegt, der künftige Vorstandschef Manfred Knof würde seinen Job vielleicht doch schon vor dem 1. Januar 2021 beginnen. Diese Hoffnung indes wurde enttäuscht (Stichwort: Wettbewerbsverbot, schließlich ging Herr Knof ja kürzlich noch bei der Deutschen Bank ein und aus).

Heißt: Mit der Verkündigung der neuen Strategie ist erst irgendwann im Laufe des ersten Quartals 2021 zu rechnen. Und bis es dann mal an die Umsetzung geht, wird es (Stichwort: Verdi) sicher noch einmal Monate dauern.

Die Folgen? Potenziell dramatisch. Denn den faktischen Stillstand (der sich gerechnet seit der Rücktritts-Ankündigung durch CEO Martin Zielke im März letztlich über ein Jahr ziehen wird) – den kann sich die Commerzbank angesichts der Probleme da draußen kaum leisten:

  • Die Risikovorsorge wird in diesem Jahr (Analystenkonsens: 1,5 Mrd. Euro) und nächsten Jahr (1,3 Mrd. Euro) so hoch ausfallen, dass rote Zahlen unvermeidlich sein dürften, so Analysten. Indirekt räumte die Commerzbank gestern ein: Wird’s noch schlimmer mit Corona, dann wird’s bei den von ihr selbst prognostizieren 1,3 bis 1,5 Mrd. Euro 2020 nicht bleiben.
  • Je stärker die Pandemie den Arbeitsmarkt erfasst, desto schwer werden sich auch grundsätzlich abwanderungsbereite Commerzbanker tun, anderswo rasch unterzukommen. Sprich: Die Bereitschaft, das Institut freiwillig gegen Abfindung zu verlassen, wird sinken, die Abfindungen teurer.
  • Obwohl die Tochter Comdirect wie kaum ein anderer Anbieter da draußen vom Retail-Trading-Boom profitiert, reicht es für die Commerzbank auf 9M-Sicht trotzdem nur zu einem Plus von 9% beim Provisionsergebnis. Heißt: Gerechnet „ex Comdirect“ tut sich kaum was.
  • Beim Zinsergebnis verkündete die Commerzbank gestern zwar einen Zuwachs von immerhin 2%. Vieles spricht allerdings dafür, dass es sich hierbei um ein (auch von den Corona-Hilfskrediten getriebenes) Zwischenhoch handelt. Denn: Die Abkehr von der bisherigen Volumenstrategie ist unübersehbar. Das Kreditvolumen der Firmenkundensparte verminderte sich gegenüber dem Vorquartal um rund 6 Mrd. Euro auf 89 Mrd. Euro. Der Grund? Bei Neugeschäft gehe man jetzt „selektiv“ vor und lege den Fokus auf die Bestandskunden.
  • Die Commerzbank wird auch in diesem Jahr ihre Aufwendungen nur leicht senken können. Auf 9M-Sicht beträgt das Minus gerade mal 2%. Gerade hier  zeigen sich die Folgen des momentanen Interregnums.

Der neue CEO Knof steht somit (auch innenpolitisch) vor nochmal größeren Herausforderung, als dass bei seinem Ex-Chef Christian Sewing im Sommer 2019 der Fall war. Denn: Der Deutschen Bank wurde damals wenigstens zugestanden, dass sie die Zeichen der Zeit nach fünf Verlustjahren erkannt habe. Genau das ist es, was die Investoren der Commerzbank (die 2018 noch 1,2 Milliarden Euro verdient hat) zunehmend absprechen. Und das ausgerechnet vor dem Hintergrund von Corona. Mit jedem Verlustquartal wird der Spielraum für Fehler kleiner.

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