Analyse

Deutsche Bank: Vergütungen wie 2014 – und kaum einer merkt’s

27. Mai 2021

Von Christian Kirchner

Vor einigen Wochen haben wir uns näher mit den sinkenden Kosten bei der Deutschen Bank beschäftigt, genauer: mit den Sachkosten, bei denen sich CEO Christian Sewing überraschend als Sparmeister erweist (siehe hier). Nun, da der Tag der Hauptversammlung gekommen ist (die wegen der Pandemie erneut virtuell statt wie üblich in die Frankfurter Festhalle abgehalten wird), haben wir uns einmal den anderen großen Posten angeschaut: die Gesamtvergütungen.

Zu diesem Zweck haben wir Höhe und Strukturen der Vergütung untersucht, insbesondere im Zeitverlauf der vergangenen Jahre. Denn dass die Personalkosten der Deutschen Bank zuletzt gesunken sind, ist zwar unübersehbar – und von ihr in der Mitteilung zum Jahresergebnis 2020 von Anfang Februar auch gerne betont worden. Allerdings fällt dort auch 49x das Wort „bereinigt“. Nachdem die Bank im März ihren Geschäftsbericht 2020 samt ausführlichem Vergütungsbericht vorgelegt hat, haben wir die Daten des Jahres verglichen – mit 2014 und den folgenden Jahren.

2014? Was willkürlich klingen mag, ist es (hoffentlich) nicht. Denn: 2014 war – vor dem Jahr 2020 mit seinem schmalen Gewinn – das letzte „schwarze“ Jahr der Deutschen Bank. 1,6 Mrd. Euro Nettogewinn fielen damals an. Co-Vorstandschef war Anshu Jain, ein waschechter Investmentbanker (der erst Ende Juni 2015 abgesetzt wurde),  und die Investmentbanking-Sparte brummte. Die Nahtod-Erfahrung mit der hohen Milliardenforderung der US-Justizbehörden stand der Bank erst noch bevor. Und die Deutsche-Bank-Aktie notierte dreimal so hoch wie heute, bei zeitweise 32 Euro.

Die wichtigsten Erkenntnisse unseres Vergleichs:

1.) Die Gesamtvergütung ist nicht gesunken – und pro Kopf ist sie um fast ein Fünftel gestiegen

Der im Geschäftsbericht genannte Personalaufwand auf Konzernebene ist 2020 wie auch 2019 gesunken – um jeweils 6% zum Vorjahr. Das ist die Zahl, die die Bank auch selbst für relevant erklärt und an der sie sich messen lässt. Sie liegt auch ein knappes Fünftel unter dem Jahr 2014, dem letzten „vollen Jahr“ mit einem Investmentbanker, Anshu Jain, an der Spitze der Bank.

Anders sieht es aber mit der Gesamtvergütung aus. Der Geschäftsbericht für 2014 weist eine Gesamtvergütung für alle Mitarbeiter des Deutsche-Bank-Konzerns in Höhe von 10,020 Mrd. Euro aus. Der Bericht für 2020 beziffert die Gesamtvergütung auf exakt 10,119 Mrd. Euro. Mithin, die Deutsche Bank hat zuletzt mit Blick auf die Gesamtvergütung so viel Geld für ihr Personal ausgegeben wie sechs Jahre zuvor. Beziehungsweise: Es war sogar 1% mehr.

Aber Filialen, Personal, war da nicht was? Genau. Seit 2014 hat die Deutsche Bank, gerechnet nach Vollzeitstellen, 13.500 Jobs abgebaut. Statt 98.138 Vollzeitstellen damals waren es Ende 2020 nur noch 84.659.

Das heißt konkret: Pro Vollzeitkraft lag die Vergütung bei der Deutschen Bank vor sechs Jahren bei 102.100 Euro, jetzt sind es gut 119.500 Euro – ein Plus von 17%.

Ein Einmaleffekt, etwa weil 2020 knapp 0,5 Mrd. Euro für Abfindungen fällig wurden? Nicht nur. Zur Einordnung hilft ein Blick, wie sich die Zahlen Jahr für Jahr entwickelt haben. Der Blick zeigt: Die Gesamtvergütung der Bank bleibt über all die Jahre – Chefwechsel hin, Pandemie her – erstaunlich konstant …

Konzern gesamt (in Mio. Euro)
2014 10.020
2015 10.528
2016 8.887
2017 10.270
2018 10.633
2019 9.961
2020 10.119

… wohingegen die Pro-Kopf-Vergütung recht regelmäßig steigt …

Nun heißt das natürlich zwingend, dass die Deutschbanker heute im Schnitt 17% mehr verdienen als vor sechs Jahren. Denn: Es gibt natürlich noch andere Gründe, etwa die „Internalisierung“ von Jobs aus dem IT- und Beratungsumfeld. Sprich: Was früher Sachkosten waren (bezahlt für eingekaufte Dienstleistungen), sind jetzt Personalkosten (weil die Leistungen von eigenen Leuten erbracht werden). Und in die Vergütungen flossen auch Abfindungen.

Und dennoch darf man festhalten: Wirklich schwäbisch sparsam scheint die Deutsche Bank bei der Vergütung nicht zu sein. Bis sich die Effekte der laufenden Transformation dann auch mal unter dem Strich und „nach allem“ zeigen, soll es noch dauern.

2.) Das Verhältnis von fixer und variabler Vergütung hat sich kaum verändert

Nicht nur in der Gesamtvergütung hat sich bei der Deutschen Bank (ohne die Vielzahl an Bereinigungen) wenig verändert. Auch die Zusammensetzung aus fixer und variabler Vergütung war 2020 trotz allerlei Umbauten der Vergütungs- und Anreizstrukturen fast gleich verteilt wie 2014 (in diesem Fall haben wir zur besseren Illustration einfach einmal das Jahr 2017 dazu gestellt).

 

3.) Der Vorstand verdient heute deutlich mehr

Ebenso einfach wie eindrucksvoll zu sehen: Der Vorstand der Deutschen Bank kam 2020 auf Gesamtbezüge von 50 Mio. Euro. Das entspricht einem Plus von rund 40% gegenüber 2014 (dem, wie erwähnt, letzten Jahr mit einem signifikanten Jahresgewinn; dieser betrug damals 1,6 Mrd. Euro, verglichen mit 113 Mio. Euro 2020).

Ach ja: Hätte die EZB als europäische Aufsicht nicht die Erwartung formuliert, dass Banken angesichts der Pandemie Zurückhaltung üben, wäre die Gesamtvergütung sogar noch um 4,6 Mio. Euro höher ausgefallen.

So wird dann etwas klarer, was die Union-Investment-Managerin Alexandra Annecke im Interview mit dem „Handelsblatt“ mutmaßlich meinte, als sie vergangene Woche erklärte: „Der Vorstand fährt in der 1. Klasse im ICE davon, die Aktionäre bleiben am Bahnsteig zurück“.

Auffällig in dieser Reihe ist vor allem das Jahr 2018. Dies bleibt auch nach einem Blick in dessen Geschäftsbericht ein kleines Rätsel. Zwar tauschte die Deutsche Bank in jenem Jahr den Vorstandsvorsitzenden John Cryan ebenso aus wie IT-Chefin Kim Hammonds, Ober-Investmentbanker Marcus Schenck und Vermögensverwalter Nicolas Moreau. Da könnte man annehmen, Sonderzahlungen seien für den Sprung verantwortlich, doch dem ist nicht so. Zwar erhielten die vier Entschädigungen für ein Wettbewerbsverbot, und zwar …

  • Cryan: 2,21 Mio. Euro
  • Hammonds: 1,56 Mio. Euro
  • Schenck: 1,95 Mio Euro (wovon Teile entfielen, nachdem Schenck einen neuen Job angenommen hatte)
  • Moreau: 960.000 Euro.

Als wäre das nicht genug, gab es auch noch Abfindungen, und zwar für …

  • Cryan: 8,7 Mio. Euro
  • Hammonds: 3,3 Mio. Euro
  • Schenck: 0 Euro (!)
  • Moreau: 7,8 Mio. Euro

… doch diese Zahlungen wurden nur in kleinen Teilen schon 2018 fällig und ansonsten aufgeschoben in die Zukunft.

Nein, die 55,7 Mio. Euro setzten sich allein aus den regulären Bezügen zusammen, und diese stiegen in dem Jahr vor allem bei den verbleibenden Vorstandsmitgliedern signifikant – teils um 3 Mio., 4 Mio. oder 5  Mio Euro. Großverdiener war Investmentbanker Garth Ritchie, der allein dafür, dass er sich wegen des Brexit eingehender um Großbritannien kümmern sollte, mal eben eine Funktionszulage von 3 Mio. Euro kassierte und insgesamt auf 8,6 Mio. Euro kam.

Wie dem auch sei: Sieht man von 2018 ab, gleicht die Entwicklung der Vorstands-Gesamtvergütung nach einem starken Rückgang 2015 recht trendstark einer Treppe – nach oben.

Und, ach ja, aus purer Neugierde haben wir noch einmal in den Vergütungsbericht des letzten Vor-Finanzkrisen-Jahres geschaut, 2006 – jenem Jahr, in dem die Bank unter CEO Josef Ackermann (remember?) 6 Mrd. Euro netto verdiente. So viel wie nie zuvor und nie wieder danach. Die Gesamtvergütung damals: 32,9 Mio. Euro.

4.) Die Zahl der High Earner sank etwas langsamer als die Gesamtbelegschaft …

2014 kamen in der Deutschen Bank 816 Mitarbeiter auf eine Gesamtvergütung von mehr als 1. Mio. Euro. 2020 waren es noch 684. Damit thront die Bank klar an der Spitze aller (!) europäischen Banken (siehe hier).

Immerhin sank die Zahl der „High Earner“, wie die Topverdiener im Jargon der Aufseher heißen, seit 2014 damit um 16%. Zum Vergleich: Die Zahl der Vollzeitkräfte sank im gleichen Zeitraum insgesamt um 17%. Da lässt sich schon fast von Gleichschritt sprechen…

4.) … aber die Zahl der Super High Earner ist auf Rekordhoch!

Seit 2014 muss die Deutsche Bank nicht nur genau offen legen, wie viele Topverdiener jenseits von 1. Mio. Euro Gesamtvergütung sie hat, sondern auch, in welchen Vergütungsklassen diese sich genau befinden. Für Detailverliebte hier die Gesamtübersicht auf Jahresbasis …

Vergütung in Mio. Euro 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020
1 bis 1,5 391 385 183 330 356 305 333
1,5 bis 2 168 151 62 155 125 122 150
2 bis 2,5 85 84 36 85 61 50 67
2,5 bis 3 56 48 15 56 31 37 38
3 bis 3,5 35 29 14 29 15 21 25
3,5 bis 4 25 21 2 21 22 20 15
4 bis 4,5 19 10 1 10 5 9 17
4,5 bis 5 8 8 0 8 3 8 9
5 bis 6 15 8 1 4 14 6 12
6 bis 7 7 6 2 4 8 4 10
7 bis 8 5 3 0 3 1 0 3
8 bis 9 2 1 0 0 0 0 3
9 bis 10 0 0 0 0 2 0 1
10 bis 11 0 1 0 0 0 0 1
11 bis 12 0 1 0 0 0 0 0
12 bis 13 0 0 0 0 0 0 0
13 bis 14 0 0 0 0 0 1 0
Gesamt 816 756 316 705 643 583 684

…. und diese weist eine Besonderheit auf: Geholzt wurde in absoluten Zahlen vor allem in den „niedrigeren“ Vergütungsschichten. 2020 gab es zwar 132 High Earner weniger als 2014, doch diese wurden (netto) vollständig in den Segmenten von 1 Mio. bis 5 Mio. Euro Gesamtvergütung abgebaut (ja, mehr sogar: 133).

Zieht man hingegen – zugegeben, recht willkürlich – bei 5 Mio. Euro einen Strich, gab es bei der Deutschen Bank im vergangenen Jahr 30 „Super High Earner“. Das waren so viele wie nie zuvor – selbst verglichen mit den 29 des Jahres 2014, dem letzten Jahr mit einem signifikanten (ja, deutlich höheren!) Jahresgewinn.

Dass dies – wie auch der Anstieg der High Earner um 101 Köpfe im Jahr 2020 – erklärungsbedürftig ist, sieht offenbar auch die Bank so. „Dieser Anstieg basiert auf einer insgesamt höheren leistungsabhängigen variablen Vergütung, die aus der (…) deutlichen Verbesserung der Ergebnisse auf Konzern- und Geschäftsbereichsebene folgt.“ Eine Verbesserung, die allerdings nur dann plausibel klingt, wenn man zum Vergleich allein das Jahr 2019 mit seinem Horror-Verlust von fast 6 Mrd. Euro heranzieht.

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