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Die Bilanz-Tricks von Donner & Reuschel – und die Frage nach dem Loch

Privatbanken in Deutschland werben gerne mit ihrer Diskretion. Sie betreuen wohlhabende, mitunter auch namhafte Kunden, meist geht es um große Geldsummen, die sie noch größer machen sollen – da ist Verschwiegenheit hilfreich. Einige Institute treiben es mit der Diskretion allerdings weiter und geben sich auch bezüglich ihrer eigenen Zahlen sehr zurückhaltend. Bilanzpressekonferenz? Pfff. Eine knappe Mitteilung muss reichen. Noch einen Schritt weiter geht Donner & Reuschel. Das Haus mit Stammsitzen in Hamburg und München schweigt sich dieses Jahr einfach aus, was seine Geschäftszahlen angeht.

Wieso? Hat da jemand was zu verbergen?

Um die Antwort vorwegzunehmen: Offenbar ja!

Wobei man, um Donner & Reuschel sowie die Geheimnisse von Donner & Reuschel zu verstehen, gewissermaßen drei Ebenen betrachten muss.

Ebene eins: Die zwei Probleme von Donner & Reuschel

Auf den ersten Blick ist Donner & Reuschel eine normale, also schwächelnde deutsche Privatbank, die offenkundig ein Problem mit ihren Kosten und offenbar auch mit ihrem Bewertungsergebnis hat (demgegenüber, fairerweise, steht ein erfreulicher Aufwärtstrend im Provisionsergebnis). Als Konsequenz verwandelt sich ein kleiner Überschuss in 2019 in eine schwarze Null in 2020 …

2019 2020 Veränderung
Bilanzsumme 4.797 6.135 +28%
Zinsüberschuss 52 53 +2%
Provisionsüberschuss 59 70 +18%
Verwaltungsaufwand 105 113 +8%
Bewertungsergebnis 4 -19 -570%
Ergebnis v. Steuern 6,5 1,6 -75%
Jahresüberschuss 7,4 0,2 -97%
Cost-Income-Ratio 97% 103% +6%-Punkte

… der tendenzielle Abwärtstrend der vergangenen Jahre hat sich also fortgesetzt, die Nulllinie ist erreicht.



Ebene zwei: Die heimliche(n) Ertragsquelle(n) von Donner & Reuschel

Ein kleiner Rückblick: 2009 hatte das traditionsreiche Hamburger Bankhaus Donner das Haus Reuschel in München übernommen. 2018 „bemerkte“ das Institut, das zur Versicherung Signal Iduna gehört, auf einmal, dass der alte Stammsitz von Reuschel doch eigentlich 21 Mio. Euro mehr wert ist als gedacht. In jenem Jahr beendete Donner & Reuschel eine komplizierte Eigentümerstruktur, was der Bank erlaubte, das Stammhaus von Reuschel in der Friedrichstraße 18 in München-Schwabing in die eigenen Bücher zu nehmen.

Dabei machte Donner von dem handelsrechtlichen Wahlrecht Gebrauch und bewertete das Gebäude neu. Der gesellschaftsrechtliche Spezialbegriff einer solchen Übertragung nennt sich „Anwachsung“. In dem Fall kam heraus, dass das vierstöckige, 1903 im Jugendstil erbaute Mehrfamilienhaus in München nunmehr 56 Mio. Euro wert sei. Immobilienboom, München, Sie verstehen.

Es war vor allem diese Transaktion, die Donner & Reuschel im Geschäftsjahr 2018 noch eben so in die schwarzen Zahlen brachte. Trotz hoher Abschreibungen bei den Investmentvermögen verzeichnete die Bank damals 2 Mio. Euro Jahresüberschuss (siehe auch unsere Analyse hier).

2019 dann: die nächste Immobiliengeschichte. Diesmal versilberte Donner & Reuschel die Anteile an einer Verwaltungsgesellschaft, die im Zentrum Münchens die Bausünde des Kaufhofs am Marienplatz bewirtschaftet. Der Einmaleffekt auf den Gewinn: 14,9 Mio. Euro. Dies trug maßgeblich dazu bei, dass der Jahresüberschuss damals bei 7 Mio. Euro landete.

Womit wir bei den 2020er-Zahlen wären: Denn tatsächlich findet sich in den Tiefen des von Finanz-Szene.de eingesehenen Abschlusses ein Teil der Lösung, warum die Bank auch 2020 noch schwarze Zahlen geschrieben hat, wenn auch seeeehr knapp. Donner & Reuschel hat nämlich schon wieder an den alten Stammsitz in München bilanziell Hand angelegt.

Sprich: 2018 Stammsitz. 2019 Kaufhof-Immobilie. 2020 schon wieder Stammsitz.

Einen Monat vor Ultimo, genauer: am 25. November, brachte Donner & Reuschel das Haus in Schwabing samt Grundstück in die neu gegründete Donner & Reuschel Grundstücksgesellschaft Friedrich18 ein. „Dadurch ist ein Buchgewinn (….) in Höhe von 11,7 Mio. EUR (Ausweis unter den sonstigen betrieblichen Erträgen) angefallen“, heißt es im Geschäftsbericht. Und das, nachdem die letzte „Anwachsung“ gerade mal zwei Jahre zurücklag.

Konkret befragt, warum denn jene Immobilie, die 2018 ins die Bankbilanz wanderte, nun schon wieder in eine neue GmbH abgeht samt Bewertungsgewinn, teilt die Bank mit: „Mit der Transaktion hat Donner & Reuschel einen Buchgewinn realisiert und diesen vollständig der Risikovorsorge gemäß §340f HGB zugeführt. Dies dient als flexibler Sicherheitspuffer für unvorhersehbare Risikoentwicklungen, die trotz konservativer Risikopolitik dennoch eintreten können. Die Immobilie ist dennoch immer konservativ bewertet, was durch ein neutrales Gutachten und mehrere unaufgeforderte Kaufofferten belegt ist.“

Um fair zu bleiben: Donner & Reuschel ist nicht die einzige Privatbank hierzulande, die ihre Zahlen mit Geld aus Quellen fern des Kerngeschäfts aufhübscht. In den Bilanzen geht es teils kreativ zu, Hauptsache unterm Strich steht eine schwarze Null. Denn das ist ja der Grund, warum solche Geschäfte überhaupt gemacht werden: Nur einer Privatbank, die selbst kein Geld verliert, trauen die Kunden zu, ihr Geld zu mehren.

  • Bei Merck Finck überweist die Mutter KBL regelmäßig „Ertragszuschüsse“ in zweistelliger Millionenhöhe, um die operativ roten Zahlen auszugleichen; zuletzt (2019) waren das 26 Mio. Euro (siehe hier).
  • Das Bankhaus Lampe versilbert seit Jahren Beteiligungen und schob 2019 mal eben die Immobilien der Standorte in Bielefeld und Frankfurt an die Noch-Muttergesellschaft Oetker, was den Jahresgewinn kräftig aufpolierte, um den Preis künftiger Mietbelastungen (siehe hier).
  • Bei der Fürstlich Castell’schen Bank ist es, wie Finanz-Szene.de-Recherchen belegen, ganz offenbar die Leasing-Tochter, die das Institut seit Jahren operativ in den schwarzen Zahlen hält; das klassische Bankgeschäft wird derzeit radikal restrukturiert (siehe hier)

Ebene drei: Warum hat Donner & Reuschel das überhaupt nötig?

Bleibt die Frage: Was ist eigentlich los mit der Privatbank aus Hamburg und ihrer schicken Immobilie in München? An sich, wie weiter oben gezeigt, haben sich die wesentlichen Ertragskomponenten von Donner & Reuschel zuletzt ja recht solide entwickelt (Zinsüberschuss: +2%, Provisionsüberschuss: +18%). Auf jeden Fall zeigten sie sich, absolut betrachtet, dynamischer als die Kosten (+8%).

Das Problem, abgesehen von den Kosten, ist wie gezeigt das Bewertungsergebnis, und auch das nicht zum ersten mal.

Warum?

Auffällig ist:

  • Die 2018er-Transaktion half, ein heftiges Minus von 23 Mio. Euro bei den Wertpapier- und Finanzanlagen zu kompensieren
  • 2019 wiederum sorgte der Verkauf der Immobilienbeteiligung zwar für einen Gewinn in Höhe von 14,9 Mio. Euro, welcher im Posten „Erträge aus Zuschreibungen zu Beteiligungen, Anteile an verbundenen Unternehmen und wie Anlagevermögen behandelten Wertpapieren“ ausgewiesen wird. In der Bilanz stand in genau jener Zeile aber nur ein Plus von 6,4 Mio. Euro. Heißt übersetzt: Es wurde saldiert und offenbar ein anderes Minus ausgeglichen.
  • Und 2020? Wie ist das brutal negative Bewertungsergebnis von minus 19 Mio. Euro zu erklären?

Donner & Reuschel schreibt uns:

„Die Zuführung zur §340f Risikovorsorge hat unser Bewertungsergebnis im Jahr 2020 um 10,9 Mio. Euro belastet. Es handelt sich dabei um einen strategischen Sicherheitspuffer für unvorhersehbare Risikoentwicklungen. Unser Kreditportfolio ist unauffällig, konservativ und weitreichend mit Grundschulden besichert“.

Nach unserem Verständnis hübschte der Immobiliendeal die sonstigen betrieblichen Erträge (siehe oben, plus 16,8 Mio. Euro) zwar massiv auf (die Bank selbst spricht in der Stellungnahme weiter oben ja auch von einem „Buchgewinn“), da aber sozusagen in einem Atemzug die 340f-Reserve gestärkt wurde, floss der Erlös gewissermaßen sogleich auch wieder aus der GuV heraus. Bloß, die 340f-Belastung betrug ja lediglich 10,9 Mio. Euro, das gesamte Bewertungsergebnis lag ja bei minus 19 Mio. Euro. Eine Differenz von 8 Mio. Euro.

Schon wieder eine Belastung, aus der man nicht recht klug wird. Wie schon 2018. Wie schon 2019. Was ist es, das die Privatbank Donner & Reuschel Jahr für Jahr dazu bringt, ihren Immobilienbesitz zu bemühen, um mal gerade eben so noch schwarze Zahlen auszuweisen? Ist da irgendwo ein Loch?

Finanz-Szene geht ab Oktober hinter die Paywall ...

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