Analyse

Die höchst rätselhaften Zahlen der Berliner Sparkasse

31. August 2021

Von Heinz-Roger Dohms

Unspektakulärer kann eine Pressemitteilung kaum klingen: „Trotz Corona 32 Mio. Euro Ergebnis – damit über Vorjahr““.

Indes: Schaut man sich die gestern veröffentlichten Halbjahreszahlen der Berliner Sparkasse näher an, dann drängen sich ein paar Fragen auf:

  1. Warum stellt die Berliner Sparkasse ihr H1-Ergebnis schlechter dar, als es in Wirklichkeit ist?
  2. Warum geht sie davon aus, im zweiten Halbjahr keinen Gewinn mehr zu erwirtschaften, und stimmt das überhaupt?
  3. Wie kann es sein, dass in zwei der drei großen Kreditsegmente das Neugeschäft um 45% bzw. 59% eingedampft wurde?; und …
  4. Was sagt es über das Geschäftsmodell aus, wenn die Erträge aus Negativzinsen in Relation zur Bilanzsumme eine Größenordnung erreichen, die hochgerechnet auf deren Bilanzsumme bei der Deutschen Bank einem H1-Ergebnisbeitrag von 1,5 Mrd. Euro entsprochen hätten?

Versuchen wir doch einfach mal, den vier Komplexen auf den Grund zu gehen:

1.) Die Sache mit den 32 Mio. Euro

Zum Beispiel bei „Reuters“ liest es sich so: „Trotz spürbarer Auswirkungen aus der Virus-Pandemie auf einzelne Geschäfte [hat die Berliner Sparkasse] das Ergebnis nach Steuern auf 32 Mio. Euro (Vorjahr: 30 Mio. Euro) leicht erhöht, teilte die nach Kunden größte deutsche Sparkasse am Montag mit.“ Diese Darstellung ist richtig und falsch zugleich. Im H1 2020 hatte die Berliner Sparkasse nämlich 30 Mio. Euro Gewinn erwirtschaftet, ohne darüber hinaus Reserven (für die Connaisseure: Wir reden von 340g …) zu bilden. Diesmal allerdings hat das Hauptstadt-Institut sehr wohl ein bisschen was in 340g gepackt, nämlich immerhin 23 Mio. Euro. Sprich: Wirtschaftlich betrachtet lag der Gewinn nicht bei 32 Mio. Euro (vs. 30 Mio. Euro), sondern bei 55 Mio. Euro (vs. 30 Mio. Euro), ein Zuwachs von 72%. Dass die Berliner damit nicht hausieren, dürfte auch damit zu tun haben, dass man keine Vergleichswerte kreieren will, die in näherer Zukunft nicht mehr zu wiederholen sind. Denn …

2.) Warum malt die Berliner Sparkasse fürs H2 schwarz?

Im Zwischenbericht findet sich der unschöne Satz:

„Die Ergebnisabführung an die LBBH [Anm.: Die „LBBH“ ist die Landesbank Berlin Holding, also der Mutterkonzern] des Jahres 2021 wird sich voraussichtlich auf dem Niveau des geplanten Wertes von 32 Mio. € bewegen.“

Sprich: Mehr Gewinn (nach 340g), als es jetzt schon ist, wird’s offenbar nicht mehr werden. Nun stellt sich natürlich die Frage, ob auch der Ausblick von einer etwaigen geplanten Bildung von 340g-Reserven überlagert wird. Deuten wir Aussagen im Umfeld der Sparkasse richtig, so scheint das allerdings nicht der Fall zu sein. Sondern: Es geht offenbar wirklich operativ bergab. Als Begründung führt der Geschäftsbericht an:

  • „Merkliche Belastungen durch die Corona-Pandemie“
  • „Veränderte Rechtslage zu Preisanpassungen für Finanzdienstleistungen, die sich vor allem im Provisionsüberschuss auswirken“ (gemeint ist: das BGH-Gebührenurteil …)

3.) Was, um alles in der Welt, ist beim Neugeschäft los?

Solche Sätze hat man (zumindest bezogen auf die Sparkassen) lange nicht mehr gelesen:

„Das im ersten Halbjahr valutierte Kreditneugeschäft mit Firmenkunden lag bei 521 Mio. Euro (Vorjahreszeitraum: 939 Mio. Euro). Damit erreichte der Kreditbestand 7,12 Mrd. Euro (Vorjahr: 7,27 Mrd. Euro). Das Neugeschäft in der gewerblichen Immobilienfinanzierung betrug 673 Mio. Euro (Vorjahreszeitraum: 1,63 Mrd. Euro).“

Wie, bitteschön, kann das sein?  Im Firmenkundengeschäft lässt sich immerhin argumentieren, dass das Neugeschäft das Niveau der frühen Corona-Monate mit seinen damaligen Sondereffekten schwerlich halten kann (siehe vergangene Woche unser Stück -> Das Ende des Kreditbooms mit Firmenkunden? Sieht so aus). Wiewohl: Den Rückgang von 45% erklärt das allein noch nicht …

… viel größer ist allerdings das Rätsel in der gewerblichen Immobilienfinanzierung. Hierzu führt die Berliner Sparkasse erstens „einen Rückgang des Engagements professioneller Immobilienentwickler in den Berliner Markt“ an (eine Begründung, die uns insofern seltsam erscheint, als die Researcher von BNP Paribas Real Estate dem Berliner Immobilienmarkt dieser Tage erst „das zweitbeste Halbjahresergebnis der Historie“ attestiert haben). Und zweitens? Verweist die Berliner Sparkasse darauf, dass sie „konsequent auf die Auswahl ihrer Engagements und auf deren Qualität“ achte. Ähem: Hat sie das vorher vielleicht nicht gemacht? Gab es möglicherweise Ausfälle, die ein Umdenken herbeigeführt haben? Mutmaßungen, die von der Berliner Sparkasse entschieden zurückgewiesen werden.

4. Was ist das eigentlich für ein Geschäftsmodell?

Zitieren wir nochmal den Zwischenbericht:

„Im ersten Halbjahr 2021 erzielte Zinserfolge, die aufgrund der derzeitigen Marktverhältnisse aus negativen Zinsen resultieren, sind in den Zinserträgen in Höhe von 29,9 Mio. € (Vj: 7,5 Mio. €) und in den Zinsaufwendungen in Höhe von 59,0 Mio. € (Vj: 17,0 Mio. €) enthalten.“

Übersetzt:

  • Negativ verzinste Kredite (bzw. sonstige Aktivpositionen) haben bei den Zinserträgen zu einem negativen Ergebniseffekt von 29,9 Mio. Euro geführt …
  • … was aber meeeeehr als kompensiert wird dadurch, dass es bei den Zinsaufwendungen gegenläufige Effekte (wir vermuten dahinter vor allem TLTRO sowie negative Einlagenzinsen …) im doppelten Umfang gab – übrigens mit der Folge, dass für die gesamten Zinsaufwendungen minus (minus!!!) 39,1 Mio. ausgewiesen werden, die Berliner Sparkasse an ihren gesamten Zinsaufwendungen also 39,1 Mio. Euro verdient hat

Vielleicht ist’s an der Zeit, dass der DSGV (dem die Berliner Sparkasse ja gehört) ein paar neue KPIs entwirft. In Bezug aufs H1-Ergebnis der Berliner Sparkasse lesen die sich dann so:

  • Erträge aus Negativzinsen gemessen an der Bilanzsumme: 1,12%
  • Erträge aus Zinsaufwendungen gemessen an der Bilanzsumme: 0,74%

Was für ein Irrsinn!

Deutsche Banken im TLTRO-Rausch: 100 Mio. € pro Institut

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing