Aus der Szene

Die Sparkasse, die an der Börse zwei Jahresgewinne verlor

15. November 2021

Von Heinz-Roger Dohms und Thomas Borgwerth

Die Sparkasse Zwickau ist eine ganz normale deutsche Sparkasse. Oder vielleicht sollte man besser sagen: eine ganz normale ostdeutsche Sparkasse. Also eine, der es bei vordergründiger Betrachtung immer noch ziemlich gut geht.

Das Phänomen als solches ist ja bekannt: Die ostdeutschen Bundesländer gelten aus Bankensicht als „strukturschwach“, weil es dort weniger mittelständische Unternehmen und weniger Häuslebauer gibt als beispielsweise in Bayern oder Baden-Württemberg – und damit auch weniger potenzielle Kreditnehmer. Viele örtliche Sparkassen haben die vermeintliche Not allerdings gewissermaßen zur Tugend umgemodelt. Statt in Kredite investierten sie ihre Kundengelder einfach in sogenanntes „Kreditersatzgeschäft“. Also beispielsweise in festverzinsliche Wertpapiere wie Anleihefonds. Aber durchaus auch in riskantere Vehikel. Immobilienbasiert. Aktienbasiert.

Diese Strategie führte in den vergangenen Jahren zu teils absurd guten Kennziffern (siehe ->Die verrückten Bilanzen der ostdeutschen Sparkassen). Legendär ist das Beispiel der Sparkasse Spree-Neiße, die ihre Cost-Income-Ratio zeitweise unter die Marke von 40% drückte. Ein Wert, den nicht einmal die ING Diba erreichte.

Ganz so herausragend, zugegeben, schnitt die Sparkasse Zwickau nie ab. Doch auch sie wies zuletzt immerhin noch eine Cost-Income-Ratio von 65% aus und kam auf ein Betriebsergebnis vor Bewertung in Höhe von 0,81% gemessen an der durchschnittlichen Bilanzsumme. Das sind Werte, von denen etliche westdeutsche Schwesterinstitute nur noch träumen können.

Die Sparkasse benannte ihren Fonds nach dem Audi-Gründer

Alles gut also. Fände sich nicht, tief versteckt in der Bilanz 2020, folgende Passage, über die Am Wochenende zuerst die „Freie Presse“ (Paywall) berichtete:

„Der Masterfonds im Bestand der Sparkasse hat einen Marktwert von 510.748 TEUR und einen Buchwert von 510.748 TEUR. Die im Geschäftsjahr erfolgten Ertragsausschüttungen betrugen 12.281 TEUR. Das Investmentvermögen unterlag zum Bilanzstichtag keiner Beschränkung in der Möglichkeit der täglichen Rückgabe, die über die gesetzlichen Rückgabebeschränkungen gemäß § 255 KAGB hinausgehen. Aufgrund des im März 2020 eingetretenen massiven Kursverfalls an den Aktienmärkten durch die Corona-Pandemie hat die Sparkasse zur Risikoreduzierung Aktienpositionen verkauft sowie Absicherungsgeschäfte getätigt. Im Ergebnis haben wir nicht an der auf die Absicherung folgenden Kurserholung partizipiert. Bezogen auf den 31. Dezember 2020 ergibt sich somit im Masterfonds ein Bewertungsaufwand von 40,4 Mio. EUR. Der Verlust wird insbesondere durch das Fondssegment A-Horch-Euro-Aktien in Höhe von 47,4 Mio. EUR geprägt. Dieser setzt sich zusammen aus Kurswertverlusten aus dem Verkauf von Aktien in Höhe von 13,8 Mio. EUR, Abschreibungen auf den verbleibenden Bestand von Aktien und Aktienanleihen in Höhe von 11,6 Mio. EUR sowie aus Verlusten aus den DAX-Future-Kontrakten mit Verfall im Juni, September und Dezember in Höhe von 22,0 Mio. EUR.“

Ohne die Dinge jetzt in allen Details ausrecherchiert zu haben, trauen wir uns zu, aus dieser Passage und weiteren Angaben im Geschäftsbericht folgende Erkenntnisse abzuleiten:

  • Die Sparkasse besitzt einen „Masterfonds“ im Umfang von 511 Mio. Euro, was dem grob 1,6-Fachen ihres Eigenkapitals inklusive dem Fonds für allgemeine Bankrisiken entspricht (das gesamte Wertpapiervermögen beträgt sogar 1,4 Mrd. Euro, was mehr ist als der Umfang der Kundenkredite in Höhe von 1,2 Mrd. Euro)
  • Wer den „Masterfonds“ aufgelegt hat? Die Deka (es ist bei diesen Konstrukten quasi immer die Deka oder eine der Landesbanken)
  • Dass es innerhalb des Fonds ein Segment namens „A-Horch-Euro-Aktien“ gibt, deutet darauf hin, dass der „Masterfonds“ ausschließlich für die Sparkasse Zwickau aufgelegt worden sein könnte. Weil: August Horch, der legendäre Automobilunternehmer (Horch=Audi, minimales Latinum …), stammte zwar aus Rheinland-Pfalz, hatte seine „Motorwagenwerke“ aber laut Wikipedia 1904 nach Zwickau verlegt. Daher die Namensgebung des Fondssegments, vermuten wir
  • Viel wichtiger aber: Der Name „A-Horch-Euro-Aktien“ deutet ja ebenfalls, und zwar ziemlich unmissverständlich, darauf hin, dass in dem „Masterfonds“ auch Aktien liegen, und zwar nicht zu knapp …

… was wiederum (und jetzt sind wir endlich da, wo wir hinwollten) der Hintergrund der Verluste in Höhe von 47,4 Mio. Euro (47,4 Mio. Euro!!!) sein dürfte, sich zusammensetzend aus …

  • 13,8 Mio. Euro aus „Kurswertverlusten“
  • 11,6 Mio. Euro aus „Abschreibungen“
  • 22,0 Mio. Euro aus „Verlusten aus DAX-Future-Kontrakten“

Kurzum: Die Sparkasse Zwickau hat sich an der Börse verzockt. Das jedenfalls wäre die boulevardeske Zuspitzung. Aber wird diese Zuspitzung der Sache gerecht?

Hat sich die Sparkasse verzockt? Muss man nicht so sehen

Zunächst: Was ist passiert?

Also, wir reimen uns die Dinge wie folgt zusammen:

  • Im Februar/März 2020 crasht die Börse (Corona …)
  • In der Sparkasse Zwickau kommt Panik auf (wo nicht in dieser Zeit …)
  • Irgendwer in der Sparkasse Zwickau greift zum Telefon oder zu einem sonstigen Kommunikationsmittel und weist die Deka an, die Aktienquote zu reduzieren (nachvollziehbar, wobei wir an dieser Stelle vielleicht die nächsten Tage doch noch mal recherchieren, ob das denn so einfach geht  …)
  • Überdies werden kräftig „DAX-Future-Kontrakte“ geordert. Nicht als Instrument der wilden Spekulation. Sondern zum Zwecke der Absicherung (wer weiß, was noch kommt …)
  • Dann aber passiert, was damals keiner vorhersieht, schon gar nicht in Zwickau: Der deutsche Aktienmarkt feiert das unverhoffteste Comeback aller Zeiten (upps …)
  • Und die arme Sparkasse Zwickau? Hat nicht nur am Tiefpunkt verkauft, sondern zu allem Überfluss auch noch Absicherungs-Instrumente geordert, welche jetzt heftige Verluste hervorrufen, je höher die Aktien wieder steigen (nochmal: Upps…)

Wie gesagt, das ist, wie wir uns die Dinge zusammenreimen. Dabei waren wir nicht. Äußern will sich niemand dazu. Aber irgendwie so oder wenigstens so ähnlich muss es gewesen sein. Irgendwo müssen die Verluste ja herkommen.

Hat sich die Sparkasse Zwickau also verzockt? Man kann das so sehen. Wir sehen es eher nicht so. Denn, klar, eine Sparkasse, die das 1,6-Fache ihre Eigenkapitals in Wertpapiere investiert hat, das ist schon grenzwertig. Einerseits. Andererseits: Was sollen die Sparkassen in den „strukturschwachen“ Regionen denn anderes machen? Wenn die Kunden ihre Ersparnisse nicht selber in Wertpapiere investieren, was bleibt den Sparkassen übrig, als dies selbst zu tun? Auf eigene Rechnung und auf eigenes Risiko.

Und so ein Risiko manifestiert sich dann eben auch mal. Zumal in einer Paniksituation wie im Frühjahr 2020. Denn, wie gesagt: Die Verantwortungsträger in Zwickau waren (wenn sich die Dinge denn so zugetragen haben, wie von uns vermutet) nicht die einzigen, die in dieser Zeit von Panik erfasst worden sind. Nach grober Fahrlässigkeit riecht das, was passiert ist, jedenfalls nicht.

Ist die Sparkasse Zwickau ein Einzelfall? Schwer zu sagen, aber unwahrscheinlich. Denn bilanziell betrachtet können Banken solche Vorkommnisse durchaus kaschieren. Im Zwickauer Fall gibt die Gewinn- und Verlustrechnung als solche keinen Hinweis auf die Verluste. Das Bewertungsergebnis (in dem sich die 47,4 Mio. Euro eigentlich niederschlagen müssten) fiel mit minus 18,4 Euro eher unauffällig aus. Warum, das zeigt mutmaßlich ein Blick in den Offenlegungsbericht: Die Sparkasse Zwickau hat 2020 kräftig 340f-Reserven aufgelöst. Was in bilanzieller Hinsicht allem Anschein nach mit den Aktienverlusten ein Stück weit verrechnet wurde. Eigentlich verbietet das Handelsgesetzbuch eine solche Praxis. Verlangt wird der Bruttoausweis von Gewinnen und Verlusten, eine Saldierung ist nicht erlaubt. Indes, die Kennerin weiß es, der Laie ahnt es: Für Banken (und Sparkassen) macht das HGB eine Ausnahme.

Unterm Strich: Die Sparkasse Zwickau hat nicht fahrlässig Geld verzockt. Und sie hat bilanziell nichts gemacht, was nicht erlaubt wäre.

Aber vielleicht liegt ja gerade darin das Drama: Ohne dass etwas komplett Unerhörtes geschehen wäre, hat eine x-beliebige Sparkasse da draußen mal eben an der Börse binnen weniger Monate dass Zweifache ihres Betriebsergebnisses vor Bewertung (gemessen am Durchschnitt der Jahre 2015-2019) bzw. das 1,8-Fache ihre Betriebsergebnisses nach Bewertung (gemessen ebenfalls am Durchschnitt der Jahre 2015-2019) verloren. Krass.

Die verrückten Bilanzen der ostdeutschen Sparkassen

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