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Fataler Fauxpas: DWP Bank verliert bei Wertpapier-Split rund 60 Mio. Euro

Ein schwerwiegender Fehler bei der Abwicklung eines Wertpapier-Splits hat die Frankfurter DWP Bank laut Informationen von Finanz-Szene rund 60 Mio. Euro gekostet – grob gesagt ein Jahresgewinn für das zu den Sparkassen und Genobanken gehörende Institut. Wie die Bank auf Nachfrage bestätigte, ereignete sich der Fauxpas wenige Tage vor Weihnachten. Allerdings stehe die Aufarbeitung des Falles, auch die juristische, erst am Anfang und sei die Schadensumme vorläufig. Zugleich zeigte man sich zuversichtlich, dass die DWP Bank (die für Sparkassen, Volksbanken und sonstige Primärinstitute rund 5,5 Mio. Depots führt) das Geschäftsjahr trotzdem noch mit einem Plus abschließt.

Bei der Transaktion ging es um einen eher selten gehandelten ETC – das Kürzel steht für „Exchange Traded Commodities“ und bezeichnet Wertpapiere, mit denen Anleger auf die Entwicklung von Rohstoffen wetten können. Laut unseren Recherchen hatte ein Kunde den ETC im Dezember für einen vierstelligen Betrag erworben. Anschließend kam es zu einem sogenannten „Reverse Split“ – also zu einer Maßnahme, bei der eine Vielzahl von Stücken eines Wertpapiers zu einem einzigen Stück zusammengefasst werden. Durch den „Reverse Split“ änderte sich der Wert des ETCs im Depot massiv, die Stückzahl wurde allerdings durch die Fehlerkette nicht angepasst. So kam es zu einer Situation, in der die DWP Bank, um die anschließende Verkaufsorder des Kunden korrekt auszuführen, binnen kürzester Zeit und zu einem nunmehr absurd hohen Preis hunderttausende Stücke des seltenen Wertpapiers nachkaufen musste.

Im Zuge der Recherchen ließ sich für Finanz-Szene sogar ermitteln, welcher der unzähligen ETCs da draußen den Verlust der DWP Bank letztlich verursachte – nämlich eine Schuldverschreibung namens „Natural Gas 3x Daily Short“. Mit dem Papier lässt sich die Entwicklung des Gaspreises mit dreifachem Hebel und folglich mit extremer Volatilität nachvollziehen. Begeben wurde der ETC mit der ISIN-Nummer IE00B76BRD76 von der US-Fondsgesellschaft Wisdom Tree. Und wie das „Short“ im Namen verrät, nutzen risikofreudige Anlegerinnen und Anleger das Papier in erster Linie, um auf fallende Gaspreise zu setzen. Konkret: Fällt der Gaspreis an einem Handelstag um 1%, gewinnt der ETC 3% und umgekehrt.

Nun war es jedoch so, dass der „Natural Gas 3x Daily Short“ seit seiner Auflage im Jahr 2013 aus technischen Gründen sowie aufgrund enthaltener Gebühren und Transaktionskosten erst sukzessive und letztlich massiv an Wert verlor. Ursprünglich begeben zu 100 Euro je Stück, betrug der Kurs Ende November letzten Jahres nur noch 0,0056 Cent. Daher entschloss sich Wisdom Tree zu besagtem „Reverse Split“ – ein am Kapitalmarkt durchaus üblicher Schritt, um den Preis eines Wertpapiers optisch nicht wie ein Ramschpapier aussehen zu lassen. Zur Erinnerung: Vor einigen Jahren machte die Commerzbank das sogar mal mit der eigenen Aktie, um zu verhindern, dass ein „Penny-Stock“ aus ihr wird.

Eher ungewöhnlich – und technisch mitursächlich für den hohen Verlust – war beim „Natural Gas 3x Daily Short“ allerdings die extreme Ratio des „Reverse Splits“. So kommunizierte Wisdom Tree am 2. Dezember, dass zum Börsenschluss des 16. Dezember exakt 17.000 (!) alte ETCs zu einem neuen zusammengelegt werden. Entsprechend sollte sich dann auch der Preis um den Faktor 17.000 erhöhen. Tatsächlich schloss der „Natural Gas 3x Daily Short“ am Freitag, den 16. Dezember, an der Börse Frankfurt bei einem Kurs von 0,0058 Cent – und eröffnete am Montag, den 19. Dezember, dann bei 105,50 Euro. Das entsprach rund dem 18.200-fachen des Freitagswerts, da sich auch die Gaspreise über das Wochenende verändert hatten.

Unmittelbar nach dem „Reverse Split“ schoss dann allerdings zum Erstaunen der Marktteilnehmer das Handelsvolumen an der Börse Frankfurt in die Höhe. Gingen in den Tagen und Wochen vor dem „Reverse Split“ nur ETCs im Wert von einigen zehn- oder hunderttausend Euro pro Handelstag um, so addierte sich der Umsatz am Montag, dem 19. Dezember plötzlich auf Stücke im Volumen von 87 Mio. Euro. Das entsprach binnen weniger Stunden dem Siebenfachen der gesamten Börsenumsätze aus November und Dezember zusammen – für Marktkenner stand fest: Hier war irgendetwas extrem Ungewöhnliches passiert.

Tatsächlich zeigen die Recherchen von Finanz-Szene: Verantwortlich für die Explosion waren massive "Deckungskäufe" der DWP Bank. Denn: Üblicherweise werden Wertpapiere bei einem "Split" oder "Reverse Split" so lange von den Depotbanken gesperrt, bis die entsprechenden Anpassungen in den Depots vorgenommen sind. Ebendies versäumte die DWP Bank beim "Natural Gas 3x Daily Short" allerdings aus unbekanntem Grund – wobei hier anzumerken ist, dass mehrere Akteure und Datenanbieter in diesen Prozess involviert sind.

Die Folge jedenfalls: Der eigentlich völlig unspektakuläre Kundenbestand im Wert von einigen tausend Euro hatte durch den "Reverse Split" plötzlich den 17.000-fachen Wert. Denn an der Stückzahl der ETCs hatte sich irrtümlich nichts verändert. Der Kunde hatte nun plötzlich Gas-ETCs im hohen zweistelligen Millionenwert in seinem Depot. Ein "Bankirrtum zu ihren Gunsten"-Moment, wie beim Monopoly, nur ungleich teurer.

Technisch passierte nun Folgendes: Der Kunde verkaufte über die Börse, was er verkaufen konnte, um den krass inflationierten Buchgewinn auf die von ihm gehaltenen ETCs zu realisieren. Die meisten dieser Transaktionen wurden wegen offensichtlichen Preisirrtums von den Börsen geblockt – mindestens eine aber ging offenbar durch. Der Käufer dieser Wertpapiere bzw. seine Depotbank beanspruchten anschließend natürlich die Lieferung der Papiere. Dafür wiederum hatte aber die DWP Bank zu sorgen, denn sie agierte ja als Kommissionärin des Kunden. Da die hunderttausenden ETCs allerdings nur in der fehlerhaften Darstellung im Depot existierten, nicht aber physisch im Bestand der DWP Bank – musste das Frankfurter Geldhaus nun also kaufen, kaufen, kaufen.

Dem Vernehmen ging es an besagtem Montag um kurzfristig rund 800.000 Stücke – zu einem Preis von jeweils mehr als 100 Euro. Weil von dem ETC aber nur rund 300.000 Stücke überhaupt umliefen, mussten die entsprechenden Market Maker hunderttausende  ETCs eigens neu auflegen für die in Not geratene DWP Bank. Die Kombination aus einem weiteren Gaspreisverfall sowie der immensen Nachfrage trieb den Kurs den genannten ETCs dann binnen Tagen von 105,50 Euro am Tag nach dem Split auf zeitweise über 350 Euro.

Nachdem alle offenen Positionen gesettelt und alle Stücke geliefert waren, stand der vorläufige Verlust von rund 60 Mio. Euro aus dem Manöver zu Buche. Zum Vergleich: 2020 hatte die DWP Bank 47 Mio. Euro Gewinn gemacht, ein Jahr später rund 37 Mio. Euro. Wenn es im Umfeld der Bank nun also heißt, die 2022er-Zahlen seien trotz des Fehlers schwarz – dann wäre ohne den Fehler also diesmal ein Gewinn von mehr als 60 Mio. Euro drin gewesen.

Die DWP Bank gehört zu 50% der DZ Bank, je 20% halten die Sparkassenverbände Westfalen-Lippe und Rheinland, den Rest teilen die BayernLB, die Helaba und die Dekabank unter sich auf. Wesentliche Teile ihres Jahresgewinns reichen die Frankfurter normalerweise an ihre Eigner weiter. Dafür dürfte in diesem Jahr das Geld fehlen.

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