Analyse

Erträge statt Palaver: Die neue Selbstgewissheit der LBBW

10. März 2022

Von Heinz-Roger Dohms

Die Bilanz-PKs von Landesbanken und Sparkassen-Verbänden dienen ja immer auch der Zurschaustellung von Befindlichkeiten. Dieses Jahr ganz vorn in der Liste der Zukurzgekommenen: der frisch gebackene hessisch-thüringische Sparkassen-Oberlobbyist Stefan Reuß, der am Dienstag klagte, beim Verkauf der Berlin Hyp an die LBBW handele es sich um eine “nicht genutzte Chance in Richtung eines Zentralinstituts”.

Die Replik? Keine Replik! LBBW-Chef Rainer Neske bestrafte den Kollegen Reuß gestern durch ostentatives Ignorieren (“Kommentieren wir nicht”) – und ließ mehr als nur durchblicken, dass seiner Ansicht nach Ertragskraft und Tatkraft (und nicht: Politik) über den Umbau der Sparkassen-Gruppe entscheiden.

Und welche Landesbank ist nach Ansicht Neske wohl die ertrags- und tatkräftigste? Ha! Das neue Selbstverständnis der LBBW in zehn Punkten:

1.) Zahlen

Die LBBW hat …

  • ihre Erträge 2021 um 11% (!) auf ziemlich exakt 3 Mrd. Euro gesteigert
  • mit 817 Mio. Euro (Vorjahr: 252 Mio. Euro) das beste Vorsteuerergebnis seit der Finanzkrise hingelegt
  • die Eigenkapitalrendite auf 6,0% gehievt (freilich: vor Steuern, nicht nach Steuern, wie man es als börsennotierte Bank ausweisen würde)
  • Die Cost-Income-Ratio von 70,4% auf 64,7% gedrückt

2.) Sondereffekte

In den Erträgen sind rund 185 Mio. Euro TLTRO drin. Um diesen Effekt bereinigt würde das Ertragswachstum nicht ganz so imposant (aber immer noch stattlich) ausfallen. Die 817 Mio. Euro Vorsteuerergebnis allerdings sind offenbar sauber. Weil: Die LBBW hat sogenannte Adjustments (quasi: freiwillige Risikovorsorge) in ungefähr der gleichen Höhe wie die TLTRO-Erträge gebildet. Rechnet man die beiden Effekten gegeneinander auf (was argumentativ vertretbar erscheint), landet man also immer noch bei rund 800 Mio. Euro Gewinn.

Insofern ist das Ergebnis der LBBW aus unserer Sicht in jedem Fall höher zu bewerten als das Ergebnis der Helaba vor einigen Tagen.

Mittelmaß: Fünf Anmerkungen zum 2021er-Ergebnis der Helaba


3.) H2

Dass die LBBW auf Kurs ist, hatte sich ja schon im August bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen abgezeichnet (siehe -> Die fünf Gründe für das beste LBBW-Ergebnis seit zehn Jahren).

Rechnen wir also kurz die Zahlen für die zweite Jahreshälfte aus – und kommen zu dem Schluss: Das H2-Ergebnis (389 Mio. Euro) ist kaum schlechter als das H1-Ergebnis (428 Mio. Euro), und die Steigerung zum H2-Ergebnis aus dem Vorjahr (152 Mio. Euro) ist signifikant.


4.) Probleme (I)

… hat die LBBW irgendwie gar keine, folgt man der gestrigen Bilanz-PK mit dem selbstgewissen Vorstandschef Neske.

Wenn trotzdem eine Anmerkung erlaubt sei: Vor einem Jahr hatte Neske angekündigt, die Verwaltungsaufwendungen bis Ende 2024 um 100 Mio. Euro zu senken. Als Ausgangspunkt definierte der LBBW-Chef damals allerdings nicht die frischen 2020er-Aufwendungen (1,743 Mrd. Euro), sondern die angejahrten 2019er-Aufwendungen (1,806 Mrd. Euro) – womit Neske sich selbst de facto gleich mal 63 Mio. von den kommunizierten 100 Mio. Euro erließ.

2021 sind die Verwaltungsaufwendungen nun indes um gar nicht mal so schlanke 3,4% auf exakt 1,802 Mrd. Euro gestiegen, womit aus dem getünchten 100-Mio.-Euro-Ziel nun also ein echtes 100-Mio.Euro-Ziel wird (ganz genau genommen: 96 Mio. Euro). Simple Mathematik: Um von hier aus bis 2024 auf die angestrebten 1,706 Mrd. Euro zu kommen, braucht es nunmehr eine Kostenreduktion von 5,3% (auf drei Jahre, nicht pro Jahr). Nicht unmöglich. Aber für so eine Landesbank durchaus ambitioniert.


5.) Probleme (II)

Gab es nicht kurz nach Ausbruch der Corona-Krise mal für ein bis zwei Momente die Sorge, die LBBW könnte aufgrund ihres großen Exposures gegenüber der Automobilindustrie zu einem Wackelkandidaten werden? Was auch immer aus dieser Sorge geworden sein mag (wir hier haben das Thema, ehrlich gesagt, nicht weiter verfolgt) – es fällt auf, dass die LBBW ihr Engagement markant zurückgefahren hat, wie aus der Investorenpräsentation hervorgeht:

  • Anteil der Automobilkredite am Unternehmensporfolio per Ende 2018: 17,3%
  • Anteil der Automobilkredite am Unternehmensporfolio per Ende 2021: 11,8%

Also offenbar und irgendwie jetzt alles kein Problem mehr.


6.) Russland

Rund 90 Mio. Euro direktes Exposure – gemessen an einem Unternehmenskreditbuch von rund 90 Mrd. Euro. Also auch nicht das große Problem


7.) Ausblick

Rainer Neske ist ein Liebhaber eher vager Prognosen. Das kommt ihm in unsicheren Zeiten entgegen. Schon letztes Jahr hatte er einen “mittleren dreistelligen Millionenbetrag” in Aussicht gestellt. Das tat er diesmal einfach erneut – und war fein raus.


8.) Sparten

  • Firmenkunden: 405 Mio. Euro Ergebnis (Vorjahr: 15 Mio. Euro)
  • Immobilienfinanzierung: 292 Mio. Euro (203 Mio. Euro)
  • Kapitalmarktgeschäft: 247 Mio. Euro (198 Mio. Euro)
  • Privatkunden/Sparkassen: 14 Mio. Euro (25 Mio. Euro)

Um es kurz zu machen: Die auf den ersten Blick krasse Ergebnissteigerung im Firmenkundengeschäft ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass hier im Vorjahr (Corona, Wirecard-Kredit) üppigste Risikokosten angefallen waren, die diesmal so nicht mehr anfielen (was übrigens auch die wesentliche Erklärung für die weiter oben skizzierte Verdreifachung des Konzernergebnisses vor Steuern ist). Ansonsten sind die Spartenergebnisse nicht ganz so leicht zu deuten, weil – es sei denn, wir haben an der Stelle nicht aufgepasst – der TLTRO-Effekt und der Adjustments-Effekt nicht auf die einzelnen Sparten heruntergebrochen wurden. Vielleicht trotzdem zwei Anmerkungen:

  1.  Im Firmenkundengeschäft fiel das Provisionsergebnis um satte 17% auf 178 Mio. Euro. Vermutlich war 2020 also lediglich ein positiver Ausreißer (Corona-Kredite?!) – zumal die jetzigen 178 Mio. Euro ziemlich exakt dem Provisionsergebnis von vor zwei Jahren entsprechen
  2. In der Immobilien- und Projektfinanzierung stieg das Zinsergebnis brutal um 37% auf 437 Mio. Euro – ein Auftrieb, der nicht allein auf TLTRO zurückführen ist. Finanzchefin Münz verwies neben Volumeneffekten (10,1 Mrd. Euro Neugeschäft) auch auf “eine verbesserte Margensituation”. Offenbar ist es so, dass die LBBW ihre Bilanzsumme spielen lässt und auch bei Ticketgrößen zugreift, bei denen kleinere Player nicht mehr zugreifen – und wo mangels Konkurrenz dann auch schon mal ein Schnaps mehr herauszuholen ist.

9. Berlin Hyp

Was Neske zur Berlin Hyp mitteilte, war (glauben wir) schon bekannt:

  • Kaufpreis > 1 Mrd. Euro (konkreter wurde er nicht)
  • Nach dem Closing kommt die Tochter rasch auf die Bilanz der LBBW
  • Die Marke bleibt erhalten

Ansonsten ließ der LBBW-Chef durchblicken, dass er sich von der Berlin Hyp einen signifikanten Ergebnisbeitrag erwartet (Subtext: Wir haben nicht zu viel bezahlt), und er betonte, dass das Gesamtportfolio durch die Übernahme nicht riskanter, sondern im Gegenteil ausgewogener werde.


10. Politik

Wenn Neske gestern hätten sagen dürfen, was er vermutlich gern gesagt hätte, dann hätte er möglicherweise gesagt: “Was wollt Ihr eigentlich alle mit Eurem Zentralinstitut? Das Zentralinstitut gibt es doch jetzt – das sind wir.”

Freilich: So hat er es nicht gesagt, auch nicht näherungsweise. Und doch zog sich durch Präsentationen und Ausführungen im Grunde folgende Erzählung:

  • Die Übernahme der Berlin Hyp ist eine Opportunität, kein Affront
  • Wer nochmal hat vorher auch schon die BW Bank und die SachsenLB übernommen? Ach ja, wir. An uns scheitert die Konsolidierung also nicht
  • Wer nochmal ist in den zurückliegenden 24 Monaten intensive Kooperationen mit der BayernLB und der Helaba eingegangen? Ach ja, das waren ja auch wir

An einer Stelle seiner Rede sagt Neske, man trage halt “zur Bündelung der Kräfte innerhalb der S-Finanzgruppe” bei. “Was wollt Ihr eigentlich”, hat er, wie gesagt, nicht ergänzt. Aber man konnte es sich hinzudenken.

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