Analyse

Knofs kleiner Triumph: 5 Gründe für das starke Coba-Ergebnis

5. November 2021

Von Christian Kirchner

Es ist ja nicht so, als hätte ganz Frankfurt bei der Bestellung des neuen Chefs der Commerzbank vor einem Jahr ausgerufen: “Wow! Manfred Knof! Da haben die Gelben aber mal einen richtig guten Fang gemacht!”. Stattdessen war die Stimmung, wenn wir ehrlich miteinander sind, liebe Leserinnen und Leser, ja doch eher so: “Knof? Der Versicherungsmensch? Der bei den Blauen nicht mal dem Konzernvorstand angehörte?”

Jedenfalls: Die gestern vorgelegten Q3-Zahlen des Instituts sind das erste Quartalsergebnis, das sich vernünftigerweise dem neuen Vorstandschef zuschreiben lässt. Und, um es kurz zusammenzufassen: Natürlich ist die Commerzbank nicht urplötzlich die beste Bank überhaupt. Aber immerhin war die Coba im Q3 – um mal eine zeitgeistige Formulierung zu verwenden – die vermutlich beste Version ihrer selbst, mit mehr als 400 Mio. Euro Nettogewinn und deutlich erhöhter Jahresprognose.

Lesen Sie hier die fünf Gründe für den kleinen Triumph des Manfred K. …

1.) Bei Kosten wie Erträgen stimmen die Vorzeichen

Die Rentabilitätsprobleme der deutschen Branchengrößen Commerzbank und Deutsche Bank in den vergangenen Jahren lassen sich recht einfach zusammenfassen: Entweder machten die Häuser bei den Kosten keine entscheidenden Fortschritte – oder sie verloren schlicht noch mehr Erträge, als sie Kosten eingespart hatten. Die Commerzbank etwa hatte 2015 insgesamt 7,2 Mrd. Euro Kosten und 9,7 Mrd. Euro Roherträge (Zins- und Provisionsüberschuss plus Handelsergebnis). Im vergangenen Jahr dann lagen die (bereinigten!) Kosten zwar mit 6,2 Mrd. Euro eine Milliarde niedriger – dafür lagen aber die Erträge gleich 1,5 Mrd. Euro unter dem 2015er-Niveau.

Die gestern vorgelegten Zahlen illustrieren nun, dass die Vorzeichen (endlich) stimmen. Die Kosten sinken, verglichen mit dem jeweiligen Vorjahreszeitraum, sowohl bezogen auf das dritte Quartal als auch auf die ersten neun Monate des laufenden Jahres. Und die Erträge stabilisieren sich. Konkret stiegen die Erträge in den ersten neun Monaten sogar, um 202 Mio. (bzw. 3%) zum Vorjahreszeitraum, während die Kosten in dieser Zeit um 93 Mio. (bzw. 2%) sanken (exklusive der Sonderabschreibung im Q2, die der verpatzten Auslagerung der Wertpapierabwicklung geschuldet war).

All das trug dazu bei, dass die Commerzbank die Prognose für das Gesamtjahr anhob: So rechnet sie nun auch netto und nach allem mit einem Gewinn 2021 (zuvor nur mit einem Gewinn auf operativer Basis) sowie mit einer harten Kernkapitalquote von 13,5% (nach zuvor 13,0%).


2.) Knofs “Kitchen Sinking” hält die Risikovorsorge niedrig

Manfred Knof war nicht mal eine Woche im Amt, da verkündete er Anfang Januar, die Risikovorsorge des Jahres 2020 (mithin das “Werk” seines Vorgängers Martin Zielke) belaufe sich wohl doch eher auf 1,7 Mrd. Euro – statt wie bis dato prognostiziert 1,3 Mrd. bis 1,5 Mrd. Euro. Die Begründung damals: Man wolle möglichen Risiken des zweiten Shutdowns vorgreifen. Am Ende wurden es gar rund 1,75 Mrd. Euro.

Das auf diesem Wege “ruinierte” 2020er-Ergebnis, bei dem das schmutzige Geschirr – bildlich gesprochen – noch rasch in die Spüle des alten Vorstands gestellt wurde, hatte naheliegenderweise zur Folge, dass 2021 kaum zusätzliche Risikovorsorge nötig wurde. Auf lumpige 22 Mio. Euro belief sich diese im dritten Quartal, was noch niedriger ist als die ohnehin schon niedrigen, von Analysten erwarteten 86 Mio. Euro. Knof und seine Kollegin, Finanzvorständin Bettina Orlopp, schieben das natürlich auf die herausragende Qualität des Portfolios, nicht auf das Manöver zum Jahreswechsel. Ist ja klar.

Wie auch immer: Die Risikovorsorge der Commerzbank überrascht aktuell positiv, entsprechend verbessert sich auch die Prognose fürs Gesamtjahr laufend. Ging das Management zu Jahresbeginn noch ostentativ pessimistisch von bis zu 1,2 Mrd. Euro Risikovorsorge aus, erwartet es per gestern nur noch unter 0,7 Mrd. Euro.

Unabhängig davon, wie lange sich eine so niedrige Risikovorsorge wie zuletzt durchhalten lässt: Mehr zu liefern als zuvor versprochen – das haben Analysten, Investoren und Medien bei deutschen Großbanken in den vergangenen Jahren selten erlebt. Eher schon das Gegenteil.


3.) Es läuft auch ohne Einmalerträge gut

Sieht man mal von der extrem niedrigen Risikovorsorge ab, gab es dieses Mal keine nennenswerten Sondereffekte, die den Nettogewinn von 403 Mio. Euro bzw. die knapp 6% Eigenkapitalrendite als “Ausreißer” wirken lassen könnten. Das ist alles andere als selbstverständlich, fielen in der Vergangenheit doch öfter “einmalige” Kosten an, für Umbauten, die Restrukturierung, schief gelaufene polnische Frankenkredite – oder auch einmalige Erträge aus TLTROs, Beteiligungsverkäufen oder Bewertungseffekten.

Nun, im dritten Quartal, belaufen sich die Einmaleffekte bei den Erträgen saldiert auf gerade einmal -9 Mio. Euro (übrigens einschließlich 33 Mio. Euro zusätzlicher Rückstellungen für das BGH-Urteil). Und mehr noch: Die Commerzbank bildete im Q3 nochmals Rückstellungen für die Franken-Kredite der mBank. Diese wurden in den Erträgen verbucht (und als außerordentliche Posten bereinigt). Mithin wären die Erträge ohne die Rückstellungen noch um 95 Mio. Euro höher gewesen.


4.) Die polnische Tochter mBank wird zum Werttreiber

Falls Sie es vergessen haben sollten: Der Versuch der Commerzbank, ihre polnische Tochter mBank zu verkaufen, war im Mai 2020 krachend gescheitert – vereinfacht formuliert, hatten die Frankfurter das Haus offenbar zum Verkauf gestellt, ohne vorher genauer geprüft zu haben, ob sich auch Bieter finden würden, die den gewünschten Preis zu zahlen bereit gewesen wären. Die Käufer wiederum hatten durchschaut, dass die mBank in einer Zwickmühle steckte: Zwar verbesserten sich die Ergebnisse, dafür erhöhen die polnischen Regulierer fortlaufend die Abgaben (siehe unsere Analyse hier); zudem hängt das Risiko von Nachzahlungen für Frankenkredite an polnische Schuldner wie ein Damoklesschwert bis heute über dem Institut.

Inzwischen ist der polnische Markt indes mitten in einem Zinserhöhungszyklus, was den Gewinnen der mBank natürlich maximal zuträglich ist. Und so steht ihr Aktienkurs nach einer fulminanten Rallye in den vergangenen Monaten bei 109 Euro (mehr als das Doppelte, verglichen mit den 40,10 Euro beim Platzen der Verkaufs am 11. Mai 2020).

Da der Commerzbank 69,3 Prozent aller mBank-Aktien gehören, hat sich der Wert ihres Anteils von 1,2 Mrd. Euro im Mai 2020 auf nunmehr 3,2 Mrd. Euro erhöht. Gemessen daran, dass die Commerzbank als Ganzes an der Börse derzeit “nur” 8,4 Mrd. Euro wert ist, deckt die mBank mithin 38% ihres Börsenwerts ab. Der geplatzte Verkauf – er entpuppt sich trotz der verbliebenen Risiken der Frankenkredite als Glücksfall in Sachen Timing. Und als strategisch richtige Entscheidung des “alten” Vorstands. Ehre, wem Ehre gebührt.


5.) Beim Zinsergebnis ist das Schlimmste (womöglich) vorbei

Zwar ist das Zinsergebnis um -8% gefallen, verglichen mit dem Vorjahresquartal. Doch schon verglichen mit dem Vorquartal, beträgt der Rückgang “nur” noch -4%, was auch deshalb bemerkenswert ist, weil im jüngsten Quartal kein TLTRO-Effekt die Zahlen verbessert hat (wie zuletzt sonst gerne). Dass die Richtung mehr und mehr stimmt, illustriert auch ein Blick in das so wichtige Privatkundengeschäft: Dort stieg der Zinsüberschuss um 8%, verglichen mit dem Vorquartal. Und im Firmenkundengeschäft waren es immerhin noch 4%. Langsam mehren sich – nach entsprechenden Entwicklungen bei der HVB (siehe hier) und der Deutschen Bank (siehe hier) – auch bei der Commerzbank die Zeichen, dass das Schlimmste in Sachen Verfall des Zinsergebnisses hinter ihr liegen könnte.

Gestützt wird dieser Eindruck durch eine interessante Folie aus der Präsentation für Analysten von Finanzvorständin Orlopp: Demnach sei die Bank bei der Präsentation der Strategie bis 2024 von unveränderten Zinsen bis eben 2024 ausgegangen. Die aktuellen Entwicklungen am Terminmarkt deuteten aber auf einen leichten Zinsanstieg in den kommenden Monaten und Jahren hin, weshalb die ursprüngliche Kalkulation obsolet sei. So würde eine Entwicklung, wie sie der Terminmarkt derzeit einpreise, 200 Mio. Euro höhere Zinserträge bedeuten. Weitere Leitzinserhöhungen in Polen, die das Ergebnis weiter stützen könnten, seien da noch nicht einmal berücksichtigt.

Insgesamt wird aufgrund der allmählich höheren Kapitalisierung (zum Jahresende soll die CET1-Quote 13,5% betragen) und der verbesserten Rentabilität (Stand im Q3: 5,8% Eigenkapitalrendite) eine Dividende für 2022 immer wahrscheinlicher. Allerdings scheint der Plan, perspektivisch drei Milliarden Euro (Anmerkung: in einer ersten Version dieses Artikels hieß es fälschlicherweise: fünf Mrd. Euro, d. Red.) an Kapital auszukehren, immer noch extrem ambitioniert. Auch im Spiegel der Börse, wie eine Marktkapitalisierung von "nur" 8,4 Mrd. Euro illustriert.

Hier die Zahlen im Überblick:

in Mio. € Q3/2020 Q3/2021 Erwartung vs. Vorjahr vs. Erwartung
Erträge 2.033 2.006 1.995 - 1% + 1%
Zinsüberschuss 1.226 1.122 1.128 - 8% - 1%
Provisionsüberschuss 812 889 857 + 9% + 4%
Kosten 1.521 1.485 1.490 - 2% 0
Risikoergebnis -272 -22 -86
operativer Gewinn 168 472 364 + 181% + 30%
Gewinn Privatkunden 83 299 176 + 260% + 70%
Gewinn Firmenkunden 74 221 172 + 199% + 28%
Nettogewinn -60 403 253
Eigenkapitalr. (in %) -1,5 5,8 2,9 +7,8 Ppte. +2,9 Ppte.
CET1-Quote (in %) 13,5 13,5 13,4 0  +0,1 Ppte.

 

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