Gesprengte Geldautomaten: Erste Sparkassen resignieren

9. Juni 2020

Von Christian Kirchner

Das Problem gesprengter Geldautomaten existiert seit Jahren – in diesen Wochen allerdings erreicht das Phänomen allem Anschein nach eine neue Dimension. Laut Recherchen von Finanz-Szene.de kam es allein in den ersten Juni-Tagen deutschlandweit zu mindestens 13 versuchten oder vollendeten Sprengungen – nämlich in Moers, Heinsberg, Würselen, Lohmar, Gütersloh, Königswinter (allesamt NRW), Hof (Bayern), Viernheim, Heilbronn (Baden-Württemberg), Grevesmühlen (Mecklenburg-Vorpommern), Leuna (Sachsen-Anhalt), Dannenberg (Niedersachsen) sowie Bremen. Hinzu kommen vermutlich weitere nicht in der Presse dokumentierte Fälle. Für das laufende Jahr zählt das nordrhein-westfälische LKA schon 92 Sprengungen (bzw. Versuche). Das sind nach gut fünf Monaten fast so viele wie im gesamten Vorjahr (da waren es in NRW 104 Fälle).

Wie massiv das Problem ist, lässt sich aber allein daran erkennen, dass in Nordrhein-Westfalen erste Sparkassen vor den immer neuen Anschlägen schlicht resignieren. So gab die Sparkasse Aachen vor wenigen Tagen bekannt, zum Schutz von Anliegern 15 Geldautomaten abzubauen (siehe hier). Den gleichen Schritt geht die Sparkasse Unna (siehe hier). Beide Instituten folgen damit nach eigenen Angaben einer „Handlungsempfehlung des LKAs“. Die Sparkasse Herford wiederum erklärte, sie schließe über Nacht künftig sämtliche SB-Zonen. Unseren Recherchen zufolge haben diese Konsequenz in den zurückliegenden Wochen und Monaten auch zahlreiche andere Institute gezogen. Allerdings begründen Banken und Sparkassen diese Maßnahme in der Regel nicht explizit mit der Angst vor Automaten-Sprengungen. Stattdessen ist eher von einer „Vorbeugung“ gegen „Vandalismus“ die Rede.

Schon seit Jahren geht die Zahl der versuchten und tatsächlichen Sprengungen nach oben. 2015 zählten die Behörden deutschlandweit 135 Fälle – 2019 waren es schon 349. Für dieses Jahr gehen Experten von einer weiteren Steigerung aus, alleine in NRW stehen die Zeichen auf einer Verdopplung der Fallzahlen.

Üblicherweise füllen die Täter den Geldautomat mit einem Gasgemisch, um nach der anschließenden Explosion an das Bargeld zu kommen und fliehen – ein Raubzug, der meist nur weniger als fünf Minuten dauert. Laut BKA-Angaben gelingt der Überfall in 40% der Fälle, in 60% der Fälle bleibt es beim Versuch. Zurück bleiben in beiden Fällen häufig verwüstete Räumlichkeiten bis hin zu beschädigten Gebäuden. Filialen müssen zeitweise geschlossen werden, hinzu kommt naheliegenderweise die Gefahr für Bewohner in der Nähe der Explosion. Im westfälischen Schwelm wurde in diesem Frühjahr am gleichen Ort gleich zweimal binnen drei Wochen ein Automat gesprengt.

Der Verdacht liegt nahe, dass die Corona-Krise – in der Banken und Sparkassen ihre Geldautomaten gerade anfangs prall füllten – zur Verschärfung des Problems beigetragen haben könnte. So identifizierte Barkow Consulting in einer Studie im Auftrag der ING allein für den März ein zusätzlichen Bedarf von 6 Mrd. Euro Bargeld in deutschen Privathaushalten (siehe hier). Aus Bankenkreisen verlautet indes, dass es sich nur um ein kurzfristiges Phänomen gehandelt habe und die Geldautomaten längst nicht mehr außergewöhnlich befüllt seien. Dennoch geht die Serie weiter: Nach Informationen des „WDR“, der sich auf LKA-Kreise bezieht, sei insbesondere aus den Niederlanden heraus eine Bande von bis zu 500 Personen aktiv.

Interessant: Nicht alle Banken sind proportional zu ihrer Flächenpräsenz betroffen. Finanz-Szene.de wertete sämtliche 196 Sprengungen und -versuche in NRW seit Januar 2019 anhand der Liste des LKA aus. In 36% der Fälle waren Sparkassen betroffen – die indes auch bundesweit jede dritte Filiale stellen. Statistisch also unauffällig. Anders sieht es bei der Commerzbank aus, auf die satte 20% aller NRW-Sprengungen entfielen (in absoluten Zahlen waren das 39 Fälle) – obwohl das Institut unseren Zählungen zufolge in Nordrhein-Westfalen überhaupt nur noch gut 200 Zweigstellen unterhält und bundesweit nur rund drei Prozent aller Bank-Filialen.

Die Commerzbank teilte auf Nachfrage mit, sie betreibe in NRW  „rund ein Viertel unserer derzeit rund 1.000 Filialen“. Deshalb sei die Zahl der Sprengversuche hier höher als in anderen Bundesländern. „Um unsere Geldautomaten zu schützen und Angriffe abzuwehren, haben wir zusätzliche Sicherungsmaßnahmen in unseren Filialen durchgeführt. Auch bei jedem Umbau wird die Sicherheit einer Filiale nochmals verstärkt“, erklärte ein Sprecher auf Nachfrage von Finanz-Szene.de. Man wollte die Maßnahmen nicht in allen Einzelheiten aus Sicherheitsgründen kommentieren. Aber die Maßnahmen wirkten: „Die Anzahl der erfolgreichen Sprengungen ist in den letzten Monaten deutlich zurückgegangen“, so der Sprecher mit Bezug auf die Commerzbank.

Die industrielle Implikation der immer neuen Sprengungen: Die Banken haben einen Grund mehr, die teure Bargeldversorgung runterzufahren – und die Anreize zur Kartenzahlung zu steigern. Laut Daten des genossenschaftlichen Bankenverbands stieg 2019 (also vor der jüngsten Anschlagsserie) die Zahl der Geldautomaten allerdings wieder leicht an – und zwar um 1.700 auf 59.500. Das lag aber immer noch unter der bislang höchsten Zahl, nämlich 61.100 Automaten in 2015. Die Bundesbank kommt mit einer etwas anderen Zählweise zu einer ähnlichen Entwicklung.

Ein koordiniertes der deutschen Kreditwirtschaft gegen das Problem gibt es bislang nicht: „Da kümmern sich die Institute in enger Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden vor Ort drum – das muss auch so sein, da nur dort die spezifische Situation (Lage der Filiale, Kundenfrequenz, eingesetzte Sicherheitstechnik etc.) entsprechend beurteilt werden kann“, heißt es von einem Bankenverband.

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