News & Analyse

Greensill-Imperium wackelt – Zittern um deutsches Geldinstitut

2. März 2021

Von Christian Kirchner

Beim britisch-australischen Finanzkonglomerat Greensill überschlagen sich die Ereignisse – und die Folgen reichen bis Deutschland: Laut übereinstimmenden Berichten von “Bloomberg” (Paywall) und “Wall Street Journal” (Paywall) soll die britische Gesellschaft Greensill Capital erwägen, innerhalb der kommenden Tagen einen Insolvenzantrag zu stellen; die Beratungsfirma Grant Thornton sei mit der Organisation einer möglichen Restrukturierung beauftragt worden. Auch hierzulande sorgen die Meldungen für Nervosität. Denn: Die Greensill Capital ist von fundamentaler Bedeutung für das Geschäftsmodell der Bremer Greensill Bank AG, die ihre Bilanzsumme zuletzt auf 3,8 Mrd. Euro ausgeweitet hatte – und die (unter anderem finanziert mit den Einlagen deutscher Sparer) im Kern nichts anderes macht, als die Transaktionen von Greensill Capital zu refinanzieren und abzusichern.

Anlass für die akuten Schwierigkeiten der Greensill Capital dürfte sein, dass die Credit Suisse gestern mehrere Investmentfonds mit einem Gesamtvolumen von laut Medienberichten 10 Mrd. US-Dollar von der Rücknahme aussetzte. Die Fonds hatten stark in Vermögenswerte der Greensill Capital investiert. Laut Credit Suisse bestehen nun “erhebliche Unsicherheiten in Bezug auf ihre genaue Bewertung”. Darüber hinaus wurde bekannt, dass der japanische Softbank-Konzern substanzielle Abschreibungen auf seine 1,5 Mrd.-US-Dollar-Investition in den Greensill-Konzern vorgenommen hat und laut “Bloomberg” sogar eine Abschreibung “auf Null” erwägt.

Was sind die Folgen für die Bremer Greensill Bank AG?

Die Bremer Greensill Bank AG (2014 hervorgegangen aus der früheren Nordfinanz Bank AG) trägt nicht nur den Namen des Gründers und CEOs der Greensill-Gruppe, nämlich Lex Greensills, sondern ist auch geschäftlich auf engste mit der britischen Greensill Capital verwoben. So ist im 2019er-Geschäftsbericht nachzulesen: „Die Greensill Bank AG konzentrierte sich weiterhin innerhalb des Geschäftsmodells der Greensill-Gruppe auf ihre strategiekonformen Kernfunktionen, die Refinanzierung und Übernahme des Bonitätsrisikos für einzelne Engagements der Greensill Capital (UK) Ltd.” Mit anderen Worten: Die deutsche Bank ist eine Art Geld- und Garantiegeber der britischen Investmentgesellschaft. Die Berliner Ratingagentur Scope ließ in ihrem letzten Report zu dem Bremer Geldhaus keinen Zweifel daran, dass “die Greensill Bank komplett abhängig von Greensill Capital ist, Geschäft zu betreiben und Kreditrisiken abzusichern” (siehe hier).

Zwischen 2017 und 2019 hatte sich die Bilanzsumme der Greensill Bank versechsfacht (2020er Zahlen liegen noch nicht vor), um den gleichen Faktor gingen die Kundenforderungen nach oben. Die Verbindlichkeiten gegenüber Kunden kletterten im gleichen Zeitraum sogar von 0,3 Mrd. auf 3,3 Mrd. Euro, also grob gesagt eine Verzehnfachung. Laut Scope stammen 73% der Einlagen von institutionellen Anlegern, 27% (mithin also knapp 1 Mrd. Euro) fanden über Retail-Plattformen wie “Weltsparen” oder “Zinspilot” zu dem Bremer Geldhaus. Die Greensill Bank AG ist Mitglied des Einlagensicherungsfonds, mithin sind die Einlagen der Kunden über die gesetzliche Einlagensicherung auch im Extremfall einer Schieflage oder gar eines Moratoriums geschützt. Und zwar im konkreten Fall mit einem hohen zweistelligen Millionenbetrag je Kunden.

Welche Konsequenzen die Turbulenzen der britischen Greensill Capital auf die Greensill Bank haben, war am Abend unklar. Ein Sprecher des Bankenverbands gab an, man äußere sich nicht zu Einzelinstituten, gleichlautend antwortete ein Sprecher der Bafin. Bei der Greensill Bank reagierte bis zum späten Abend niemand auf eine Bitte um eine Stellungnahme. Ein Kenner der Materie sagte uns, “Auswirkungen” auf die hiesige Einlagensicherung seien nicht ausschließen.

So funktioniert das Greensill-Kongolmerat

Die Struktur des Greensill-Konzerns und sein Geschäftsmodell in Kürze: Mutterkonzern (und auch Eignerin der Greensill Bank) ist die australische Greensill Capital Pty Limited. Sie steht auch über der britischen Greensill Capital UK, die das eigentliche operative Herzstück der Konglomerats darstellt und die per Ende 2019 rund 28 Mrd. US-Dollar an Assets aufwies.

Das Kerngeschäft von Greensill besteht in der sogenannten Lieferkettenfinanzierung mit Factoring- und Reverse-Factoring-Geschäften: Das Geschäft gibt es im Prinzip seit Jahrzehnten und wurde lange nur von Banken betrieben: So kann beispielsweise ein Stahlkonzern seine benötigten Rohstoffe bei seinen Lieferanten bestellen. Statt aber die Rechnung zu begleichen, kann der Lieferant diese Rechnung einfach an einen Factoring-Dienstleister weiterleiten, der sie mit einem Abschlag, aber eben auch sofort bezahlt. Später kann der Factoring-Konzern wiederum dann seine Forderung bei dem Stahlkonzern (etwa, wenn dieser seine Endprodukte verkauft hat) einfordern.

Greensill entwickelte die Idee, aus der Fülle solcher Forderungen investierbare Wertpapiere zu machen: Man bezahlt die Lieferanten tausender Firmen, packt die zugehörigen Rechnungen (und somit Zahlungsansprüche) in eine neue Einheit – in der Regel ein “Special Purpose Vehicle” – und finanziert dieses durch die Ausgabe von Schuldverschreibungen. Greensill verdient daran, den Lieferanten etwas weniger zu bezahlen als der eigentliche Zahlungsanspruch ist. Die Käufer der Schuldverschreibungen und Investoren in das Vehikel der Transaktionen wiederum haben die “Sicherheit”, dass das Vehikel, von dem sie Schuldverschreibungen erworben haben, mit den konkreten Forderungen aus den Rechnungen besichert ist.

An dieser Stelle nun traten in der Vergangenheit die Credit-Suisse-Fonds und auch die Greensill Bank auf den Plan, diese Schuldverschreibungen zu kaufen, das Konstrukt zu finanzieren und abzusichern, im Falle der Greensill Bank über Kreditversicherungen.

Das Modell hat aber auch Kritiker. Diese monieren, dass man Lieferanten letztlich gängele: Ihr könnt das Geld sofort haben aus Eurer Lieferung – aber nur mit einem Abschlag. Spannend ist aber auch die Seite der Verkäufer der Rechnungen. Der Vorwurf lautet hier: Konzerne könnten durch massives Engagement in Reverse-Factoring-Geschäften ihre tatsächliche Schuldenlast verschleiern und den Cash-Flow künstlich aufblähen. Weil: Die Unternehmen bekommen aus dem Verkauf eigener Produkte und Dienstleistungen Geld in die Kasse, während sie die aus eigenen Lieferantenrechnungen entstandenen (und letztlich nur verschobenen) Zahlungsverpflichtungen aus diesen Geschäften als “sonstige Verbindlichkeiten” verbuchen können anstatt als Bank- oder Finanzschulden.

In die Kritik und dem Vernehmen nach auch in das Visier deutscher Aufseher geriet Greensill Capital und damit auch die Greensill Bank, weil die Greensill-Gruppe ein ungewöhnlich hohe Konzentration an Geschäften mit dem Firmenimperium des britisch-indischen Stahlmagnaten Sanjeev Gupta aufweisen soll. Der war zeitweise auch an der Übernahme der Stahlsparte von ThyssenKrupp interessiert, kassierte allerdings diesbezüglich kürzlich eine Absage. Genaue Zahlen über das Engagement Greensills bei Gupta-Firmen gibt es indes nicht.

Auf dem Papier bergen die Geschäfte der Greensill Bank mit Greensill Capital zunächst überschaubare Risiken. Zum einen hat der australische Mutterkonzern massiv Eigenkapital in die Greensill Bank gepumpt  – es stieg von 33 Mio. Euro im Jahr 2017 auf 522 Mio. Euro im Jahr 2019. Zum anderen trägt die Greensill Bank laut den Ausführungen der Ratingagentur Scope kein eigentliches Kreditrisiko mit dem Kreditbuch und den Zahlungsverpflichtungen aus dem Factoring- und Reverse-Factoring-Geschäft der Greensill Capital, da diese vollständig über Kreditversicherungen abgesichert seien, wie Scope ausführt.

Im Krisenfall würde es indes darauf ankommen, wie belastbar diese Versicherungen sind – und auch, wie operativ leistungsfähig eine zuletzt hauchdünn profitable Bank (2019: 22 Mio. Euro Gewinn) wie die Greensill Bank ist, wenn die mit ihr aufs engste verwobene Greensill Capital UK in offenkundigen Schwierigkeiten steckt.

Für Zahlenfetischisten hier noch mal eine kleine Übersicht der wichtigsten Kennziffern aus der Bilanz der Greensill Bank AG:

in Mio. Euro 2017 2018 2019
Bilanzsumme 338 666 3.809
Barreserve 53 52 708
Forderungen an Kunden 234 499 2.850
Spareinlagen 7 6 6
andere Verbindlichkeiten ggü. Kunden 286 576 3.261
Eigenkapital 33 73 522
Mitarbeiter* 58 61 80

* laut “Weser Kurier” waren es per Januar 2021 schon 137 Mitarbeiter; Quelle: Bundesanzeiger

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